160 Nationen – über 160 Kulturen – ein Erbe

Mannheim macht es vor und schafft einen Beitrag zur Erinnerungskultur, die dem multikulturellen Erbe unserer Gesellschaft Rechnung trägt.

von Patricia Bonaudo

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die Stadt Mannheim startet ein Projekt, das diese Tatsache als Chance begreift. Tür an Tür leben Menschen aus 160 Nationen, alle prägen die Stadt, ihre Stadt. In dem partizipativen Kulturprojekt „Mannheimer Erbe der Weltkulturen“ entsteht eine Liste von herausragenden Kulturgütern aus aller Welt, die in Mannheim ihr neues Zuhause gefunden haben, gelebt werden und Mannheim zu der Stadt machen, die sie heute ist.

Die Idee, Kulturgüter zu konservieren, sie für die künftigen Generationen festzuschreiben, klingt vertraut. 1972 hat die UNESCO das „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“ verabschiedet. Auf der Liste des Weltkulturerbes stehen nunmehr über 1.000 Kulturgüter und Stätten in 160 Nationen. Ausgewählt werden durch ein Komitee jährlich kulturelle Zeugnisse von herausragendem Wert.

Doch wie funktioniert das Festschreiben der kollektiven Erinnerung, wenn die eigene Kultur weit weg in einem Land verbleibt, das durch Krieg, Vertreibung oder Armut unerreichbar geworden ist? Wie bewahrt, pflegt und belebt man das kulturelle Erbe in der Diaspora? Was nehmen die 27 Millionen Italiener*innen oder die 20 Millionen Pol*innen, die auf der Welt verstreut leben, oder die neun Millionen Syrer*innen, die aus ihrem Land fliehen, davon mit und wie bewahren sie es?

Kultur am Kanal – Das Mannheimer Erbe der Weltkulturen von zeitraumexit auf Vimeo.

Das Projekt sucht Antworten auf diese Fragen und versucht einen Teil zur kollektiven Erinnerungskultur beizutragen, fernab der in Museen und Büchern oder durch die UNESCO festgeschriebenen Kulturgüter, die dem multikulturellen Erbe unserer gegenwärtigen Lebenswelt Rechnung trägt. Es ist eine spielerische Kopie des UNESCO-Weltkulturerbes im Einwanderungsland Deutschland. Das Team des Vereins Zeitraumexit, der das Projekt initiiert hat, wird ein Jahr lang Alt- und Neu-Mannheimer befragen, Stadtteilfeste besuchen und die Menschen direkt ansprechen.

Am Ende entsteht eine Liste von Objekten, Orten oder Traditionen, die vor Ort das Wertvollste ihrer Herkunftskultur repräsentieren. 160 Weltkulturdenkmäler in einer Metropole. Ein 21-köpfiges Komitee aus Mannheimer Bürger*innen stellt am 21. und 22. Januar 2017 die alljährliche UNESCO-Komiteesitzung nach. Es legitimiert symbolisch alle eingereichten Vorschläge. Die Komiteesitzung sowie die große Mannheimer Weltkulturenausstellung im Mai 2017 sind das Highlight des Projekts, wobei alle Beteiligten hoffen, dass dies nicht der Abschluss ist und das Projekt weitergeführt wird.

Das Diaspora-Kulturerbe bietet sich allen Bürger*innen der Stadt als neues Identifikationsobjekt an und schafft so eine Verbindung aller bei gleichzeitiger Betonung und Sichtbarmachung der kulturellen Unterschiede. Das Projekt ermächtigt Migrant*innen und Newcomer, einen anderen Kulturkanon zu definieren bzw. den bestehenden Kanon herauszufordern und zu ergänzen. WIR MACHEN DAS wird künftig regelmäßig ausgewählte Projekte, Orte und Objekte auf unserem Blog porträtieren und über die Komiteesitzung sowie von der Ausstellung berichten.

Das Mannheimer Erbe der Weltkulturen ist gelebte Kultur in einem Einwanderungsland.
Ein Projekt von Jan-Philipp Possmann und Zeitraumexit e.V. unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission und in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Mannheim, der Reiss-Engelhorn-Museen, des Stadtarchiv Mannheim, des Jugendkulturzentrum Forum, des Fonds Soziokultur und dem Heidelberg Zentrum Kulturelles Erbe. Das Projekt wird gefördert vom Innovationsfonds Baden-Württemberg, der Stadt Mannheim, der MVV Energie und der Familie Fuchs.