6 Fragen an: Maria Feck

Für das europäische Medienprojekt „The New Arrivals“ begleitet die Fotografin Maria Feck die syrische Familie Abu Rashed beim Ankommen in Deutschland. Im Kurzinterview erzählt sie, was ihr bei dieser Arbeit besonders wichtig ist und was für sie ein gutes Porträt ausmacht.

Bild der Familie Abu Rashed, die 2015 in einem Boot über das Mittelmeer aus Syrien nach Deutschland floh. Mittlerweile haben sie eine eigenen Wohnung in Lüneburg, wo ihnen ehrenamliche Helfer der Wilkommensinitiative den Anfang erleichterten.
Die Familie Abu Rashed floh 2013 mit einem Boot über das Mittelmeer aus Syrien nach Deutschland. Inzwischen haben sie eine eigene Wohnung in Lüneburg, wo ihnen ehrenamtliche Helfer*innen der Willkommensinitiative den Anfang erleichterten.

WIR MACHEN DAS: Im Rahmen des Projektes “The New Arrivals” porträtieren Sie für SPIEGEL ONLINE die syrische Familie Abu Rashed. Wie haben Sie die Familie gefunden und wie sind Sie bei der Arbeit vorgegangen?

Maria Feck: Die Familie Abu Rashed habe ich bei einem gemeinsamen Kaffeetrinken im Rahmen einer freien Arbeit für die Willkommensinitiative Lüneburg kennengelernt. Eine ehrenamtliche Helferin, die mit der Familie eng vertraut ist, hat mich ihnen vorgestellt. Ich war besonders beeindruckt von den drei Töchtern der Familie. Sie haben viele traumatische Ereignisse hinter sich, aber dennoch den starken Willen ausgestrahlt, nach vorne zu schauen und ihren eigenen Weg zu gehen. Ihre dramatische Fluchtgeschichte zu hören, hat mich sehr berührt. Jetzt werde ich die Familie über eineinhalb Jahre zusammen mit meiner schreibenden Kollegin Eva Thöne begleiten.

Im Mittelpunkt des ersten Teils der Serie steht die älteste Tochter der Familie, die 23-jährige Ruaa. Sie hat hier in Deutschland die Chance auf ein Medizinstudium, das sie in Damaskus wegen des Krieges nicht aufnehmen konnte. Was macht ein gutes Porträt für Sie aus?

Beim Porträt kommt es auf die Nähe zu der fotografierten Person an. Das gilt für das Fotografieren wie für das Schreiben. Es ist wichtig, gemeinsam Zeit zu verbringen. Man sollte auch einmal ohne die Kamera dabei sein, den Menschen zuhören und Vertrauen aufbauen. Für ein gutes Porträt muss sich die Person mit mir als Fotografin wohlfühlen.

Was ist Ihnen bei der Arbeit mit Familie Abu Rashed besonders wichtig zu zeigen und mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich konfrontiert?

Die Hauptidee für mich ist es, die kleinen und großen Hürden und Herausforderungen ihres Alltags zu zeigen. Auch die Gemeinsamkeiten mit dem Alltag von schon länger oder schon immer in Deutschland lebenden Menschen. Es geht darum zu zeigen, wie man in Deutschland eine neue Heimat finden kann, aber eben auch darum, dass Krieg und Flucht auch nach Jahren nie ganz vergessen werden können und den Alltag beeinflussen. Ich möchte Verständnis erzeugen und Mitgefühl. Auch möchte ich durch die Nähe zu den Protagonist*innen die Möglichkeit geben, Vorurteile abzubauen: Indem ich von anderen Wertvorstellungen, aber eben auch von Gemeinsamkeiten erzähle, möchte ich die Möglichkeit eröffnen, Angst gegenüber Menschen aus anderen Ländern abzubauen. Wer meine Bilder anschaut soll verstehen, dass wir uns als Menschen alle sehr ähnlich sind, egal wo jemand herkommt oder welche Religion er oder sie hat. Wir stehen gerade am Anfang des Projektes. Meine Kollegin Eva Thöne und ich werden die Familie Abu Rashed über einen längeren Zeitraum begleiten. Dabei ist es wichtig, immer wieder Rückmeldungen einzuholen: Fühlen sich alle noch wohl mit der Geschichte? Was möchten sie der Öffentlichkeit erzählen, was nicht? Immer wieder müssen die Familienmitglieder und wir das neu ausloten. Eine Herausforderung ist es auch, zu so einem aufgeladenen Thema wie Flucht und Migration den richtigen Ton zu finden. Wir haben in diesem Fall die Kommentarfunktion unter unseren Beiträgen ausgestellt. Der Aufwand, um menschenverachtende Kommentare zu löschen, wäre leider enorm. Die Kommentare und Unterstellungen, auch gegen uns als Autorinnen, sind eine schwierige aber auch interessante Erfahrung. Und wir haben eine große Verantwortung gegenüber der Familie.

Welche Erfahrungen nehmen Sie aus diesem Projekt bis jetzt mit – als Fotografin und als Mensch?

Eine schöne Erfahrung ist, mit welch großem Vertrauen uns die Familie einen Einblick in ihren Alltag und ihr Leben gibt. Es ist schön zu sehen, dass wir am Ende alle die gleichen Dynamiken und Probleme haben. Ich freue mich darüber, etwas von der syrischen Kultur zu lernen.

Es ist zurzeit besonders “angesagt” Geflüchtete zu fotografieren. Wie kann man als Fotograf*in einen voyeuristischen Blick vermeiden?

Ich habe das Thema nicht gewählt, weil es angesagt ist. Für mich ist es ein Thema, das mich schon seit Jahren beschäftigt. Angefangen zu fotografieren habe ich 2013 bei der Gruppe Lampedusa in Hamburg. Das Thema war einfach Teil meines Alltags. Vor meiner Haustür sozusagen. Das Voyeuristische lässt sich meiner Meinung vermeiden, indem man einfach Zeit mit den Menschen verbringt. Wenn ich das Vertrauen der Menschen habe, gelingt es immer, Emotionen abzubilden, an die jeder anknüpfen kann.

An was für einem Projekt arbeiten Sie zurzeit noch?

Ich habe immer viele unterschiedliche Projekte laufen. Ich arbeite gerade an einer Reihe über den Alltag von Native Americans und begleite eine Familie, die in eines der Balkanländer abgeschoben werden soll.

Bild von Ruaa Abu Rashed (17), die in Deutschland die Chance auf ein Medizinstudium hat, die ihr in Damaskus wegen des Krieges verwehrt war.
Ruaa Abu Rashed (23) hat in Deutschland die Chance auf ein Medizinstudium, das ihr in Damaskus wegen des Krieges verwehrt blieb. 2017
Bild von Ruaa mit ihren Schwestern. Die Familie lebt inzwischen in einer eigenen Wohnung in Lüneburg.
Ruaa mit ihren Schwestern Sana Abu Rashed (15) und Ghena Abu Rashed (17) in Lüneburg. 2017
Bild von Ruaa Abu Rashed mit anderen Schülern, die das Studienkolleg in Nordhausen besucht, um sich auf ein Medizinstudium in Deutschland vorzubereiten.
Ruaa Abu Rashed besucht mit anderen Menschen aus Pakistan, Marokko, Ghana, Nepal, China und Tadschikistan, deren Abiture oder Hochschulstudien nicht anerkannt werden, das Studienkolleg in Nordhausen. 2017
Bild vom Langenscheidt-Duden. Fast alle wollen Medizin studieren – wichtig ist natürlich der Deutschunterricht. 2016
Fast alle wollen Medizin studieren – wichtig ist natürlich der Deutschunterricht. 2017
Bild von Schülern im Gespräch. Der M-Kurs des Kollegs bereitet auf ein Naturwissenschaftliches Studium vor. Hier wird häufig um Noten gefeilscht.
Der M-Kurs des Kollegs bereitet auf ein naturwissenschaftliches Studium vor. Hier wird häufig um Noten gefeilscht. 2017
Bild eines Schülers im Kolleg an einer Tafel. An Beispielsätzen über Patentanträge werden im Passivsätze erklärt. Ob der Inhalt für den Alltag wichtig ist, wird nicht in Frage gestellt, alle wollen einen guten Abschluss. 2016 Rashed besucht den Studienkolleg in Nordhausen. Vorbereitung auf ein Medizinstudium in Deutschland. Ruaa kommt aus Syrien. Sie floh mit ihrer Familie nach Deutschland.
An Beispielsätzen über Patentanträge werden Passivsätze erklärt. Ob der Inhalt für den Alltag wichtig ist, wird nicht in Frage gestellt, alle wollen einen guten Abschluss. 2017
Bild der Familie am Küchentisch. Mutter Nusayba Qrqash (54) ist ausgebildete Laborantin, verbrachte mit ihrer Tochter Ruaa und ihrem Sohn Mohammad sieben Tage in einem Holzboot im Mittelmeer, bis sie ein deutscher Tanker rettete. Bis heute erträgt sie den Anblick von offenen Gewässern nicht. Obwohl es ihre vier Töchter und zwei Söhne in Sicherheit geschafft haben, bleibt Nusayba in Sorge - ihre Eltern leben noch immer in Damaskus. Wie baut man eine Zukunft, wenn man mit der Vergangenheit nicht abschließen kann?
Mutter Nusayba Qrqash (54) ist ausgebildete Laborantin und verbrachte mit ihrer Tochter Ruaa und ihrem Sohn Mohammad (29) sieben Tage in einem Holzboot im Mittelmeer, bis sie ein deutscher Tanker rettete. Bis heute erträgt sie den Anblick von offenen Gewässern nicht. 2017
Bild von Ghena Abu Rashed (17). Sie ist noch Schülerin. Sie trägt ihren Glauben mit Stolz: Als sie für ein Praktikum in einem Krankenhaus vorsprechen wollte, ist sie wegen ihrem Kopftuch abgewiesen worden. 2016urg, Germany, NEW ARRIVALS, DER SPIEGEL
Ghena Abu Rashed (17) ist noch Schülerin. Sie trägt ihren Glauben mit Stolz: Als sie für ein Praktikum in einem Krankenhaus vorsprechen wollte, ist sie wegen ihres Kopftuchs abgewiesen worden. 2017
Bild der Schwestern. Sana Abu Rashed erinnert sich an die Flucht mit ihrer Familie nur in Bruchstücken. Jetzt wird sie in Lüneburg zwischen Koran- und Realschule erwachsen. Sie hat Helden wie den Rapper wie Kurdo. 2016
Sana Abu Rashed (15, rechts im Bild) erinnert sich an die Flucht nur in Bruchstücken. Jetzt wird sie in Lüneburg zwischen Koran- und Realschule erwachsen. Einer ihrer persönlichen Held*innen ist der Rapper Kurdo. 2017
Bild des Vaters Umar Abu Rashed (55), der in Damaskus einen Bauernhof bewirtschaftete, groß wie sieben Fußballfelder. Es macht ihm zu schaffen, dass er vom Jobcenter abhängig ist. Jetzt verbringt er die Zeit, die ihm neben dem Deutschkurs bleibt, in seinem Schrebergarten.
Vater Umar Abu Rashed (55) bewirtschaftete in Damaskus einen Bauernhof. Es macht ihm zu schaffen, dass er nun vom Jobcenter abhängig ist. Jetzt verbringt er die Zeit, die ihm neben dem Deutschkurs bleibt, in seinem Schrebergarten. 2017

Maria Feck, geboren am 21.07.1981, absolvierte ein Studium in Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie in Hamburg, danach ging sie an die Hochschule Hannover, um ihre Kenntnisse im Studienfach Fotojournalismus und Dokumentarfotografie zu vertiefen. Es folgte ein Auslandsaufenthalt in Dänemark an der Danish School of Media and Journalism in Aarhus, wo sie einen Abschluss in Advanced Visual Storytelling erwarb. Sie lebt und arbeitet als freie Fotografin in Hamburg, regelmäßig ist sie für nationale und internationale Magazine und Zeitschriften unterwegs, für die sie neben Fotos auch Videos produziert. Zu ihren Auftraggebern gehören unter anderem Der Spiegel, Die Zeit, Greenpeace und die Süddeutsche Zeitung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt in ihren Reportagen über soziale Randgruppen, Migration und gesellschaftliche Umbrüche. Seit Februar 2017 dokumentiert sie für das Projekt “The New Arrivals”, zusammen mit der Journalistin Eva Thöne, den Alltag der syrischen Familie Abu Rashed in Deutschland.