Meet your neighbours bei BUCH IN DER AU

Am 23. Juni, dem gefühlt bisher heißesten Abend des Jahres, stellte die Autorin Katja Huber die dreiköpfige syrische Band جِسْر jisr (Brücke) vor – umso schöner, dass Buch in der Au bis auf den letzten Platz besetzt war, genau wie wahrscheinlich jeder einzelne Münchner Biergarten. Und das Publikum war sich einig – es hat sich gelohnt.

von Marion Hertle

Bei eisgekühlten Getränken begrüßte Buchhändlerin Elisabeth Reisbeck alle alten und neuen Münchner, die sich hier bei Buch in der Au zusammenfinden durften.

Der dritte Münchner Abend von WIR MACHEN DAS-Begegnungsort Buchhandlung stand ganz im Zeichen von arabischer Musik: Für Percussion & Gesang sorgte Mohcine Ramadan, Ehab Abou Fakhar spielte Bratsche und Abathar Kmash die Oud. Dabei reichte die Bandbreite der Stücke von Kompositionen aus dem 11. Jahrhundert über die Wagner-Zeit bis in die Neuzeit, von Syrien über Ägypten, die Türkei, Tunesien, Algerien, Marokko und Andalusien, was für eine eindrucksvolle und abwechslungsreiche Mischung sorgte. Die meisten Stücke haben keinen eigenen Titel, sondern sind nach Komponist und Skala, in der sie gespielt werden, benannt. Eigenkompositionen des Trios gibt es noch nicht. Immerhin besteht es erst seit vier Monaten, denn Ehab und Abathar sind erst im Januar nach Deutschland gekommen. Gerade deshalb ist es erstaunlich, wieviele Konzerte die Band bereits im Raum München gegeben hat.

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Mohcine Ramadan (Percussion & Gesang), Abathar Kmash (Oud), Ehab Abou Fakhar (Bratsche) während ihres Auftritts in der Buchhandlung. Foto: Privat

Als Glücksfall erwies sich, dass Mohcine Ramadan, der an der LMU im Fach Deutsch als Fremdsprache promoviert und bereits seit mehreren Jahren in München lebt, wunderbar als Übersetzer fungieren konnte. Die anderen beiden Bandmitglieder sind professionelle Musiker aus Damaskus, in ihrer Geburtsstadt Suweida leitete Abathar eine Musikschule mit 70 Schülern. Nach der Flucht ist es ihm natürlich nicht möglich, seine Arbeit an der Schule wie gewohnt fortzusetzen, aber immerhin kann Abathar von München aus noch ein kleines Mädchenorchester von elf Schülerinnen leiten. Er schickt ihnen Noten, sie nehmen das Stück auf und er gibt ihnen etwa via Skype Feedback. Gemeinsam bereiten sie sich gerade auf ein Konzert Ende Juli vor.
Mitglied im syrischen Symphonieorchester, Dozententätigkeit an der Musikhochschule Damaskus, Teilnahme an internationalen Workshops – Ehabs und Abathars Lebensläufe sind beeindruckend, was sie bescheidener Weise darauf zurückführen, dass es in Suweida in jedem Haus eine Oud gibt und in jeder Familie etliche Musiker.

Auf die Frage, wie es so schnell gelingen konnte in München als Musiker Fuß zu fassen und so viele Konzerte zu spielen, antwortet Mohcine zunächst im Scherz, dass man wohl über die Balkanroute gekommen sein muss, um Interesse zu wecken, dann aber deutlich ernster, dass Musik einfach verbindet, weil keine Sprache nötig ist, um in Kontakt zu kommen, z.B. mit dem namhaften Oud-Spieler Roman Bunka, mit dem sie bereits des Öfteren in verschiedenen Formationen aufgetreten sind. Klar wurde im Gespräch mit Katja Huber aber auch, dass Mohcine als Dozent und als Musiker im kulturellen Leben Münchens gut vernetzt ist und so für die noch sehr junge Band „Die Brücke“ auf Kontakte zurückgreifen kann, die er über mehrere Jahre geknüpft hat.

Ihre Musik wird von Rhythmen getragen, die darüber entscheiden, ob getanzt – was häufig vorkommt – oder ob zugehört wird, wobei es bei den metaphernreichen Texten zumeist um Heimat und Liebe geht.

Das berufliche Leben in München dagegen gestaltet sich nicht ganz so mühelos. Auch als professionelle Musiker mit abgeschlossenem Studium müssen Abathar und Ehab hier in gewisser Weise von vorne anfangen, und sich an der Musikhochschule bewerben und vorspielen, weil hier die Schwerpunkte anders gelegt werden. Abathar z.B. stellt sich jetzt auf Jazzgitarre ein, weil es Oud als Studienfach schlichtweg nicht gibt.

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Die Band جِسْر jisr (Brücke) mit der Moderatorin Katja Huber. Foto: Privat

Am Ende des runden Abends kam bei dem sehr interessierten Publikum die Frage auf, ob es schon eine CD der Band gäbe, was leider nicht der Fall ist, naheliegenderweise aus finanziellen Gründen. Ein klassischer Fall für Crowdfunding – ein Vorschlag aus dem Publikum, den Mohcine Ramadan so gut fand, dass er ihn gleich als mögliches to-do an die Initiative WIR MACHEN DAS weitergab. Abschließend wurde auf die nächsten Konzerte der Band verwiesen, etwa am 8.7. im Café Giesing, am 15.7. im YA WALI in Haidhausen und am 23.7. im Eine-Welt-Haus in der Schwanthalerstraße.

“Meet your neighbours” ist eine eigene Begegnungsort-Buchhandlungs-Reihe, initiiert und organisiert von den Münchner AutorInnen und LektorInnen Linda BenediktBjörn Bicker, Lena Gorelik, Marion Hertle, Sandra Hoffmann, Katja Huber, Fridolin Schley und Florian Kessler. Seit April stellen die AutorInnen einmal im Monat in ihren Lieblingsbuchhandlungen Menschen vor, die auf der Flucht nach München gekommen sind.  Es werden Geschichten erzählt, Filme gezeigt, es wird gelesen. Zu diesen Gesprächsabenden laden sie alle interessierten Münchnerinnen und Münchner ein, mit und ohne Fluchterfahrung ein. Es gilt: Wenn man sich begegnet, ist alles möglich.