Meet your neighbours mit Ayeda Alavie und Martin Lickleder bei Buch in der Au

Am Abend des 17. November waren Ayeda Alavie und Martin Pflanzer vom Hagebutte Verlag zu Gast in der bis zum letzten Stuhl besetzten Buchhandlung in München. Unter der Moderation von Martin Lickleder wurde intensiv über persische Dichtung, das Ankommen in Deutschland und in der neuen Sprache und über die Chancen eines kulturellen Austauschs gesprochen.

von Katja Huber

Portrait of the author Ayeda Alavie. Photo: Private
Ein Porträt der Autorin Ayeda Alavie. Foto: Privat

Gerade hat Ayeda Alavie ihr Publikum noch vorgewarnt: Sie wird sicherlich zu leise lesen und wahrscheinlich auch nicht gut. Da hängen ihr die Besucher von Buch in der Au schon an den Lippen und erleben, wie die Münchner Iranerin mit den Gedichten von Gheysar Aminpour auf Deutsch und auf Persisch einen mehr als verschnupften Wintermorgen heraufbeschwört.

 

An einem Wintermorgen

Die allerletzten Brotscheiben des Herbstes

wurden vom Wind verweht

 

Der Himmel war blau und lila durch die Schläge der Kälte

Der Sonnenaufgang versteckte sich mit roten Wangen

hinter den Bergen

 

Der Wind zitterte

Die Wolken husteten

Und die Dachrinnen niesten

 

Scheinbar war der Himmel erkältet

 

Die beiden iranischen Dichter Gheysar Aminpour und Biok Maleki, die Ayeda an diesem Abend mit mehreren Gedichten würdigt, gehören zu den wichtigsten Menschen ihres Lebens, macht sie schnell klar. Sie waren ihre Vorbilder, Dozenten, und – am ausschlaggebendsten für Ayeda – ihre Redakteure bei der iranischen Jugendzeitschrift Soroush Nojavan. Dort arbeitete Ayeda schon als Teenager. Die literarisch anspruchsvolle und auflagenstarke Zeitschrift richtete sich nicht nur an Jugendliche, sondern beschäftigte diese auch als Autoren und Reporter. Als Ayeda dreizehn war, beteiligte sie sich an einem der regelmäßigen Wettbewerbe der Zeitschrift, einem Reportagewettbewerb für Zwölf- bis Achtzehnjährige. Mit der Geschichte und einigen Fotos eines Hochwassers in Teheran, das sie als Zwölfährige erlebt hatte und nicht vergessen konnte, gewann sie den Wettbewerb und konnte sogleich ihre Karriere als Reporterin des Soroush Nojavan beginnen. Gleichzeitig schrieb sie auch Geschichten und Gedichte, angeleitet oder zumindest redigiert von Aminpour, Maleki, Fereidoun Amouzadeh Khalili und anderen renommierten persischen Dichtern. Journalismus, Gedichte und Geschichten, eine Kombi, die für Ayedas Multibegabung spricht, die für Iran aber nicht völlig ungewöhnlich ist. Das wird klar, als Ayeda ein wenig mehr über persische Literatur spricht. „Persische Literatur ist im Grunde gleichzusetzen mit persischer Dichtung”, sagt sie. „Jeder im Iran hat schon mal etwas gedichtet.” Und Martin Lickleder ergänzt, siebzig Prozent der iranischen Blogs würden zur Veröffentlichung von Gedichten genutzt.

Bei der Jugendzeitschrift lernte Ayeda schreiben, dichten und ihr journalistisches Handwerk. Gleichzeitig war sie ihr Sprungbrett zum angegliederten Radiosender Radio Teheran. Schon als Zwanzigjährige verdiente sie dort als angesehene Redakteurin ihren Lebensunterhalt, bestritt die tägliche Sendung „Guten Morgen, Kinder”, in der sie u.a. eigene Texte präsentierte und gelegentlich Rollenspiele inszenierte. Irgendwann allerdings war es ihr nicht mehr möglich, in ihrer Heimat zu bleiben.

Das Ankommen in Hamburg 1999 fällt ihr erst mal schwer. Was vielleicht auch ein wenig daran liegt, dass sie Deutschland noch nicht mal ansatzweise als ihre zukünftige Heimat sehen kann. Sie geht davon aus, hier zwei, drei Monate zu verbringen um dann wieder nach Teheran zurück zu kehren. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass das nicht möglich sein wird. Sie geht einher mit der Erkenntnis: alles, was Ayeda in Iran gemacht und dargestellt hat, zählt in Deutschland nicht mehr. Sie ist ihrer Heimat beraubt und ihrer Sprache und damit ihrer wichtigsten Ausdrucksform und ihrer Arbeit. „Ich war eine Autorin und Journalistin, ich konnte mir die Angebote aussuchen, überlegen, welche ich annehme und welche ich ablehne”, erklärt sie. In Deutschland braucht sie erst mal ihre Ruhe. Zwei Jahre nach ihrer Ankunft fängt sie wieder zu schreiben an, auf Deutsch. In der Erzählung „Öl und Essig”, die Ayeda, wie auch alle übrigen Gedichte und Geschichten an diesem Abend im Stehen und mit fester Stimme vorträgt, verwebt sie Erlebnisse aus ihren Ankunftsjahren mit Erinnerungen an ihre Familie. Handlungsort ist eine Hamburger Pension:

Der Korridor mit den geschlossenen Zimmertüren hat einen dunklen, kellerähnlichen Atem, mit dem er mich umarmt, sobald er mich durch seine Tür und in sich hinein geschluckt hat. In seinen riesigen Fischbauch, in dem ich die vermissten Stücke meines Lebens entdecke. Mein Leben samt Vater mit seinen leeren, nassen Zigarettenschachteln. Samt unserem Hof, der nach frisch gewaschener Bettwäsche riecht. Samt unserem Keller, der sich seit dem Krieg in einen Zufluchtsort verwandelt hat.
Jeden Tag tauche ich unter dunkles Moos und fließe in diesem Korridor. Jeden Tag beneide ich den in Essig eingelegten Blumenkohl und die Auberginen, die den Sandkörnern der Zeit trotzen, während die Blumen unserer Bettwäsche blasser werden und Großmutters Haut mehr Flecken bekommt. Jeden Tag fließe ich von Zimmer zu Zimmer und klopfe. Mein Herz klopft. Bei jedem Klopfen denke ich, dass ich die Gäste störe. Sachte muss man einen Schlafenden aufwecken, nicht plötzlich, sagte die Großmutter immer. Denn die Seele weilt nicht beim schlafenden Körper. Bis sie wieder da ist, dauert es eine Weile. Ich denke an die unzähligen Seelen, die weggeflossen sind: In Tränen. In Schweiß. In blutigen, öligen Flüssen. Ich sehe in den Raucheretagengästen flüchtige, vor Kälte und Gefahr in den quietschenden Betten Zuflucht suchende Passagiere, die in dieser Großstadt keine Familie haben. Wie ich. Wie ein Schwamm schleiche ich vor die geschlossenen Türen und klopfe so leise wie möglich. Viele antworten nicht. Sie sind schon längst abgereist, mit ihrem Reisegepäck, das meisten aus Discounter-Plastiktüten besteht: Mal umweltfreundliche, mal unfreundliche.

Ayeda hat viele Jobs nach ihrer Ankunft in Deutschland, unter anderem putzt sie in einer Pension, arbeitet als Kellnerin und als Büglerin. „Büglerin war der schönste Job, ich habe ihn genossen”, sagt sie. Auch weniger schöne Jobs übersteht sie – auch, weil sie durch die strenge Schule der Jugendzeitschrift gegangen ist: „Wenn du über etwas schreiben willst, dann erlebe es!”, haben ihr ihre Redakteure beigebracht und Ayeda versteht all das, was ihr in den ersten Jahren in Deutschland widerfährt, als beschreibenswerte Erfahrung. Sie schreibt über die Arbeit in der Pension, sie schreibt übers Bügeln, sie schreibt über Leute, die ihr begegnen.

2009, nach den iranischen Präsidentschaftswahlen, wird Ayeda in zwei Stunden eine dichte, sechs Seiten füllende Erzählung schreiben. In „Persimone” schildert sie, was sie denkt und empfindet, als sie sich durch all die You Tube-Videos klickt, die die Proteste im Iran dokumentieren, die „jeder von euch ohne Drehbuch und Regie, ohne Licht und Kran ohne Produzent und Kostüm und mit eigenem Handy gefilmt hat.” Sie schreibt auch über Neda, ein Mädchen, das „vor Gottes Augen erschossen wird. Mein Vater kann nicht mehr bluten. Neda kann nicht mehr bluten. Ihr blutet aber immer noch. Es flutet in mir. Eine salzige, brennende Flut. Das Bild von einer Frau, die die Stiefel eines Soldaten küsst ist das letzte Bild, das ich in letzten Sekunden sehe. Das Bild kenne ich. Meine Großmutter küsste auch die Schuhe von Männern, die unser Haus ohne Meldung regelmäßig durchsuchten.”

Wochen nachdem die Erzählung geschrieben ist, erfährt Ayeda von einem Fürther Literaturwettbewerb. Sie bewirbt sich und belegt – bei 500 Einsendungen – den zweiten Platz, eine Veröffentlichung in einer Anthologie ( Hrg: Frohberger, Marco: Texte zum Antho? – Logisch! – Literaturpreis 2010. axel dielmann- Verlag). Die Anthologie erscheint 2010. Ayeda wird nach Fürth eingeladen, um an einer Lesung teilzunehmen. Sie liest und fühlt sich – elf Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland – zum ersten Mal wieder in ihrem eigenen Metier.

Sie schreibt weiter an Erzählungen und Gedichten und an ihrem noch im Entstehen begriffenen Roman auf Deutsch „Sand und Zucker”, aus dem sie in Buch in der Au das Einstiegskapitel liest. Sie arbeitet auch als literarische Übersetzerin. Zu ihren Übersetzungen zählen Michael Endes „Wunschpunsch” und Christiane Nöstlingers „Maikäfer flieg“.

Auch von der bedeutenden Kinderbuchautorin Azra Jozdani liest Ayeda im Buch in der Au ein Gedicht, auf Persisch und auf Deutsch.

 

Geruch

Wenn meine Trauer sich überall im Haus verbreitet

sitzt du in einer Ecke

mit all deinem kleinen Spielzeug

Teddybären, Puppen, bunte Murmeln

Und riechst meine Trauer

Und atmest meine Trauer ein und schickst sie in deine lieben Lungen

Und sagst nichts

Meine Trauer wird mit dem Geschirr gewaschen

Sie schläft auf den Kopfkissen

Sie liegt auf dem Staub der Tische

Und tanzt auf den Musiknoten

Und du sitzt in einer Ecke

Mit deinen kleinen Spielsachen

Rot und rosa Luftballons, bunte Bleistifte

Meine Trauer tropft von den nassen Fingerspitzen

Und von den schaumvollen Handschuhen

Und versteckt sich zwischen den

zusammengefalteten Klamotten

und Bettwäsche, die nach Körper riecht

Und du riechst

wie ein kleines Tier,

das sich in einer Ecke versteckt

mit zwei glänzenden schwarzen Augen

in einem kleinen Brautkleid

und einer kleinen lachenden Puppe in deiner Umarmung

 

Im zweiten Teil des Abends stellt Ayeda gemeinsam mit Martin Pflanzer ihr Verlagsprojekt Hagebutte Verlag vor.

Azra Jozdanis Gedichtband „Zwischen Zwei Migränen” in deutscher und persischer Sprache soll zu den ersten Veröffentlichungen gehören. Doch bevor Ayeda Alavie und Martin Pflanzer näher auf das Programm eingehen, fragt Martin Lickleder erst mal nach der Namensfindung.

Für Ayeda ist die Frucht der Heckenrose eine sehr schöne, kräftige und widerstandsfähige Frucht. Sie gesteht sich ein, selbst eine „nicht so starke” Person zu sein, was sie im Laufe des Abends bereits mehrmals geäußert hat. Genau die Kraft einer Hagebutte würde sie sich manchmal wünschen. Außerdem spiele die Rose in der persischen Literatur und Kultur eine große Rolle. Und Ayeda, die dieser Kultur entstammt, sieht sich auch als eine Frucht dieser Kultur.
„Hagebutte ist auch einfach ein schönes Wort”, ergänzt Martin Pflanzer und schließt dann auch gleich mit der Entstehungsgeschichte des Verlags an. Die ursprüngliche Idee der beiden war es, eine Zeitschrift herauszugeben, die dem literarischen Austausch dient.

Das Procedere: Texte aus allen Sprachen werden ins Deutsche übersetzt und aus dem Deutschen in alle Sprachen.
Der Gedanke dahinter: Literatur als Sprachrohr, das einen Austausch auf ganz anderer Ebene ermöglicht als beispielsweise Journalismus. Die Realisierung: hoch kompliziert.

Im Herbst 2015 entscheiden sich die beiden deshalb für ein kaum weniger ehrgeiziges Projekt. Einen Verlag, der persischsprachige Literatur auf Deutsch und deutschsprachige Literatur auf Persisch präsentiert. Und dabei einen Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendliteratur legt. Unter dem Dach eines solchen Verlags, der durch erste Publikationen etabliert ist, sollen dann auch Projekte mit und für Kinder und Jugendliche aus allen Sprachräumen stattfinden, v.a. auch für Geflüchtete. Dadurch soll ein intensiver literarischer Austausch zwischen den Kulturen ermöglicht werden.

Standbild aus dem Crowdfunding Videos für den Hagebutte Verlag. Foto: Privat
Standbild aus dem Crowdfunding Video für den Hagebutte Verlag. Foto: Privat

Gründe für solch einen Verlag gibt es viele. Der Markt für diese Literatur existiert, der entsprechende Verlag noch nicht. Der Verlag wird also gegründet, die Website existiert bereits, die Möglichkeit , ihm via Crowdfunding an den Start zu helfen auch.
Auch wenn die Luft immer stickiger wird und das Gespräch zwischen Ayeda Alavie und Martin Lickleder objektiv betrachtet länger und länger andauert – und das ohne Pause – folgt das Publikum bis zuletzt hochkonzentriert den Ausführungen der Beiden. Aus denen wird vor allem eins klar:

Mit Ayeda Alavie stürzt sich eine absolute Überzeugungstäterin ins Verlagsgeschäft. Eine Autorin, Übersetzerin und Illustratorin, die ihr eigenes Schreiben und ihre zukünftige Arbeit auch als eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache sieht und die leuchtende Augen bekommt, wenn sie beschreibt, wie wunderbar sich die deutsche Sprache „biegen” lässt. Eine Frau, die etwas reißt und dabei nicht vorgeben muss, stark zu sein, sondern sich und anderen ihre Schwäche eingesteht, vor allem ihre Schwäche für die Literatur.

“Meet your neighbours” ist eine eigene Begegnungsort-Buchhandlungs-Reihe, initiiert und organisiert von den Münchner AutorInnen und LektorInnen Linda Benedikt,  Björn Bicker, Lena GorelikMarion Hertle, Sandra Hoffmann, Katja Huber und Fridolin SchleySeit April stellen die AutorInnen einmal im Monat in ihren Lieblingsbuchhandlungen Menschen vor, die auf der Flucht nach München gekommen sind. Es werden Geschichten erzählt, Filme gezeigt, es wird gelesen. Zu diesen Gesprächsabenden laden sie alle interessierten Münchnerinnen und Münchner ein, mit und ohne Fluchterfahrung. Es gilt: Wenn man sich begegnet, ist alles möglich.