Acht Mal Ankommen

Was bedeutet es, an einem Ort neu anzukommen? Bei unserem eintägigen internationalen Meet your neighbours-Festival am 24. Februar teilten acht Autor*innen und Künstler*innen, die zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Beweggründen nach Deutschland gekommen sind, ihre Erfahrungen des Ankommens mit dem Publikum. Annika Reich war dabei, als der große Saal der Münchner Monacensia aus allen Nähten platzte.

von Annika Reich

Die Monacensia im Hildebrandhaus beherbergt das Literaturarchiv der Stadt München sowie eine Forschungsbibliothek, viele Veranstaltungen finden dort statt. Foto: Verena Kathrein.

Die iranische Autorin Ayeda Alavie, die das internationale Kulturfestival “Acht Mal Ankommen” in der Münchner Monacensia mit ihrem Text „Rote Blutkörperchen“ eröffnete, schrieb ein paar Tage danach in einer Mail: „Wenn ich an WIR MACHEN DAS denke, dann bekomme ich einfach nur Mut.“ Eine Frau sprach mich in einer Lesungspause beim Händewaschen mit den Worten an: „Wissen Sie was? Wir brauchen genau diese positive Kraft in unserer Zeit. Ich bin Kurdin, ich weiß, wovon ich spreche.“ Die Schriftstellerin Lena Gorelik kam als Kind aus Russland nach Deutschland. Sie las auf dem Festival ihren Text über das Ankommen ihrer Familie in einem deutschen Asylantenheim und sagte, nachdem sie den ersten Lesungen zugehört hatte: „Ich will überhaupt nur noch mit solchen Menschen zusammen sein.“ Und eine berentete Münchner Lehrerin stand nach dem Festival am Tresen und zwinkerte mir zu: „Ich dachte immer, ich hätte diesen Satz erfunden: Dass wir nicht übereinander, sondern miteinander sprechen sollen.“

Lena Gorelik, Autorin aus Russland, ist seit 25 Jahren in Deutschland. Foto: Verena Kathrein.

Es war genau diese Mischung aus Mut und positiver Kraft, die für mich das Meet your neigbhbours-Festival unvergesslich gemacht hat. Und das bei einem Thema, das trotz der positiven Bedeutung des Wortes „Ankommen“, viel mit Ängsten und Hindernissen zu tun hat und das in Zeiten der Ausgrenzungs-Manifestationen allerorts eher zum Verzweifeln denn zum Mutmachen geeignet zu sein scheint. Es war also ein Mut trotz allem, der an diesem Samstag in der Luft lag. Eine positive Haltung, die politische Entwicklungen nicht ausspart, sondern ihnen umso kraftvoller entgegentritt, je stärker der Wind von rechts weht. Die Künstler*innen, die ihre Texte, Filme und Musik präsentierten, kamen aus verschiedenen Gründen aus verschiedenen Ländern über einen Zeitraum von über 20 Jahren nach München. Sie kamen aus Syrien, China, Serbien, Russland, Uganda und dem Iran. Es war genau diese historische Tiefenschärfe und kulturelle Vielfalt, die es vermochte, Dichotomien und Grenzziehungen aufzulösen und an ihrer statt die Erkenntnis wachsen zu lassen, dass Vielfalt viel für alle bedeutet.

Die Meet your neighbours-Veranstalter*innen und Künstler*innen brachten Mut zum Wünschen einer geteilten Welt auf die Bühne und das Publikum wünschte sichtbar mit. Der große Raum platzte von vormittags bis abends aus allen Nähten, immer mussten einige Zuhörer*innen stehen. Gehen wollte niemand.

Die Band jisr (Die Brücke) begleitete das Programm – (v.l.n.r.) Ehab Abou Fakher, Roman Bunka, Mohcine Ramdan. Foto: Verena Kathrein.

Erst als ich meinen Platz gefunden hatte und der ersten Lesung lauschte, fiel mir die riesige Tür auf, durch die ich in die alte Werkstatt des Bildhauers Hildebrand in der Monacensia eingetreten war. Beim Eintreten war sie mir nicht aufgefallen, weil ich gleich Katja Huber und Silke Kleemann entdeckte, die das Festival maßgeblich organisiert hatten. Ich weiß nicht, ob ich schon mal so eine hohe Tür mitten in einem Haus gesehen habe. Diese Tür ist nicht nur sehr, sehr hoch, sondern auch in einer schönen grün-blauen Farbe gestrichen. Als ich das sah, dachte ich: Was für ein Bild für ein Festival, das das Ankommen zum Thema hat! Man hätte keinen besseren Ort für einen solchen Tag wählen können als ein Haus, das in seinem Herzen eine solch überdimensionale Tür beherbergt. Und wie schön, dass es eine grün-blaue Tür war. Auch wenn ich mir pathetische Gedanken verbiete und Farbsymbolik fast immer kitschig finde, musste ich daran denken, dass das Grün der Hoffnung und das Blau der Sehnsucht dem Ankommen fundamental eingeschrieben sind.

Diese ambivalente Erfahrung des Ankommens sprach aus allen Texten und Filmen, so unterschiedlich die Lebenswege der Künstler*innen auch waren/sind, heraus: Ankommen bleibt, egal, wie lange man schon hier ist, ein Prozess. Zugleich wurde mir und vielen anderen, die ihr Land nie verlassen mussten und mit denen ich in den Pausen sprach, klar: auch das Verstehen können und Zuhören wollen ist ein Prozess. Dass dieser Prozess während des Festivals mit Leichtigkeit gelang, lag an der Vertrauensbasis, die zwischen den Teilnehmenden herrschte und die daher rührte, dass die Münchner Meet your neighbours ein Fest unter Freunden feierten. Freundschaft, ob alt oder neu, ist und war von Anfang an ein Fundament der Meet your neighbours-Veranstaltungen. Hier kam sie nun zur Blüte.

Die mutmachende Atmosphäre des Festivals entstand also nicht aus einer Schönfärberei oder weil Probleme und Widrigkeiten, Ängste und Hoffnungslosigkeiten ausgespart wurden, sondern ganz im Gegenteil: Sie entstand, gerade weil all das erzählt, gehört und gesehen werden konnte, weil es gleichzeitig um das Sterben in Syrien, ein ugandisches Märchen, das keines war, trostspendende Katzen, Organhandel im Iran und Musik gehen durfte und alles gleichwertig nebeneinander stand. So spielten die Künstler*innen den Mut in all seinen Facetten durch: Mut, in Konflikte zu gehen, Mut, Dinge beim Namen zu nennen, Mut, sich verletzlich zu zeigen, Mut, wütend zu sein, Mut, die Hoffnung zu verlieren und diesen Verlust in einem solchen Rahmen zu teilen, Mut, vor Optimismus nur so zu strotzen, Mut, das gesamte Publikum aufzufordern, gemeinsam tief durchzuatmen.

Annika Reich im Gespräch mit Silke Kleemann (in der Mitte). Foto: Verena Kathrein.

„Acht Mal Ankommen“ – das heißt für mich nach diesem Tag, es trotzdem zu wollen und darauf zu vertrauen, dass Ankommen als gemeinsame Aufgabe und Zuwanderung als Gewinn begreifbar wird. Es heißt, einen gemeinsamen Weg zu finden und zu erfahren, dass das Ankommen und das Öffnen, das Erzählen und das Zuhören zusammengehören.

Abends, als ich gerade auf dem Weg nach Hause war, steckte mir die Kurdin, die mich beim Händewaschen angesprochen hatte, wortlos eine Blume zu, die sie aus dem blauen Festival-Programm gefaltet hatte. Ich trage sie immer noch mit mir herum. So wie ich die Texte, die Musik und die Filme mit mir herumtrage. Acht Mal Ankommen hat mir wieder Mut gemacht. Die Tür des Ankommens ist riesengroß und blau-grün, meine Lieblingsfarbe.

 

Der Tag in Bildern / Alle Fotos Verena Kathrein:

Eine gemeinsame Veranstaltung der Monacensia im Hildebrandhaus und WIR MACHEN DAS. In Zusammenarbeit mit der Allianz Kulturstiftung und der Stiftung :do. Mit freundlicher Unterstützung durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und das Literaturportal Bayern