Forschung an der Schnittstelle zu politischem Aktivismus

An der Freien Universität Berlin ist in Kooperation mit dem International Women’s Space (IWS) ein Forschungsseminar zur Situation geflüchteter Frauen* in Berliner Notunterkünften entstanden. Vor Kurzem wurden die Forschungsberichte als Sammelband veröffentlicht.

von Miriam Bräu und Lena Nahrwold

Foto: Privat
Mind-Map auf der Tafel während des Workshops. Foto: Privat

“Meine Kaiserschnittnarbe hat sich entzündet, weil ich nicht jeden Tag duschen konnte. Die Hebamme hat mir gesagt, ich sollte die Narbe jeden Tag mit warmem Wasser waschen und nicht so viel laufen, aber das ist unmöglich. Ich muss jeden Tag vor den Duschen und vor der Spendenausgabe anstehen mit meinen Kindern.”

Sahar aus Afghanistan hat uns von ihrem Leben in einer Berliner Notunterkunft berichtet. Ihre Erfahrungen sind zum Teil ganz andere als die der männlichen* Bewohner der Unterkünfte. Doch auch wenn weibliche* Perspektiven auf ihre Lebenssituation sich von denen männlicher* Geflüchteter deutlich unterscheiden können, erhalten Frauen* selten die Möglichkeit, über die spezifischen Herausforderungen, denen sie sich gegenübergestellt sehen, zu sprechen. Bisher gibt es nur wenige sozialwissenschaftliche Daten zur Situation von Frauen*, die in Berliner Sammelunterkünften leben. Mehr über die Erfahrungen und Kämpfe von Frauen* innerhalb des Asylsystems zu erfahren und zu verstehen, ist allerdings sehr wichtig, sowohl um sinnvolle politische Forderungen stellen zu können, als auch, um Unterstützungsarbeit dort, wo es gewünscht und nötig ist, leisten zu können. Der Wunsch, mehr über die aktuelle Situation von Frauen* in Berliner Sammelunterkünften zu erfahren, hat den International Women’s Space (IWS) mit uns, einer Gruppe von Bachelor-Studierenden am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Freien Universität Berlin, und zwei Dozierenden des Instituts zusammengebracht. Gemeinsam haben wir ein Forschungsseminar zum Thema organisiert, das im Wintersemester 2015/16 stattfand.

Im Kontext der Orientierungswochen der FU Berlin hatte die Hochschulgruppe “Refugee Unistreik-Komitee” im Frühling 2015 einen Workshop des IWS zum Thema “The Situation of Female Refugees in Germany” organisiert. Der IWS unterstützt seit langem Frauen*, die aus ihrer Heimat fliehen mussten und nach Deutschland gekommen sind, durch aktivistische Arbeit. Der IWS versteht sich als eine Gruppe von “migrierten und geflüchteten Frauen aus ehemals kolonialisierten Ländern, sowie Frauen ohne diese Erfahrung, die zusammenkommen, um eine gemeinsame Basis und einen geteilten Kampf gegen die Auswirkungen der ‘Festung Europa’ aufzubauen.”  Während der 17 Monate andauernden Besetzung der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin haben sie dafür gekämpft, innerhalb der Schule einen geschützten Raum für Frauen* zu schaffen. Nachdem die Schule im Juli 2014 geräumt wurde, setzte der IWS seine Arbeit fort und engagierte sich für Frauen*, die in Sammelunterkünften leben, und durch Aktivismus auf breiterer politischer Ebene.

Als Studierende haben wir in Deutschland viele Privilegien; eines davon ist der Zugang zu einer Vielzahl von Ressourcen. Wir stellten uns die Frage, wie wir diese Ressourcen für unsere politische Arbeit nutzen könnten. Dabei war es uns wichtig, nicht nur über unsere privilegierte Position als Studierende zu reflektieren, sondern diese aktiv für politische Zwecke zu nutzen. Im Anschluss an die Veranstaltung an der FU sprachen wir mit dem IWS darüber, was wir als Studierende tun könnten, um ihre aktivistische Arbeit zu unterstützen. Die Aktivistinnen des IWS wiesen darauf hin, dass es für ihre Arbeit notwendig sei, mehr Informationen über die konkreten Lebensrealitäten von Frauen*, die in Berliner Sammelunterkünften leben, zu erlangen. Sie baten uns daher, unsere zeitlichen Kapazitäten in unserem flexiblen Uni-Alltag sowie unsere Semestertickets zu nutzen, um Daten zu sammeln.

Da viele Mitglieder des Streikkomitees Studierende der Sozial- und Kulturanthropologie waren und dieses Fach sinnvolle methodische und theoretische Perspektiven bietet um ein solches Projekt umzusetzen, entschlossen wir, an unser Institut heranzutreten und ein eigenes Forschungsseminar zu organisieren. Innerhalb der Disziplin sind Methoden wie teilnehmende Beobachtung, partizipatives Forschen und offene Interviews zentral. Darüber hinaus bietet sie viel Raum für Reflexivität und die Beschäftigung mit den verschiedenen Lebenswelten von Menschen und den ihnen eigenen Perspektiven und Erfahrungen. So konnten letztendlich 24 Studierende des Instituts an der Forschung teilnehmen und wir konnten unsere politische Arbeit in unseren Studienalltag integrieren, was uns zusätzlich zeitlich flexibler machte. Da der IWS auf Englisch arbeitet, entschieden auch wir uns für Englisch als Arbeitssprache und verfassten entsprechend auch unsere Forschungsberichte am Ende des Semesters in englischer Sprache. Während des Seminars und der Forschung sowie danach waren wir regelmäßig im Gespräch mit dem IWS um Erfahrungen auszutauschen und sicherzugehen, dass das Projekt in die richtige Richtung läuft.

Wir haben unsere Forschung in fünf verschiedenen Sammelunterkünften in Berlin durchgeführt, in denen jeweils zwischen 200 und 1148 Menschen untergebracht waren. Bei der Auswahl der Unterkünfte berücksichtigten wir verschiedene Faktoren, um z.B. sowohl zentral wie dezentral gelegene und länger bestehende sowie Notunterkünfte einzubeziehen. In fünf Teams von jeweils drei bis sechs Studierenden haben wir Daten zu sozialen Interaktionen, Sicherheit und Privatsphäre, sowie gesundheitliche Versorgung innerhalb der Unterkünfte erhoben. Ebenfalls von Bedeutung war das Thema Registrierung und Verwaltung, dazu war es uns wichtig, mehr über die konkreten Forderungen und Bedürfnisse der Frauen*, die in den Unterkünften leben, zu erfahren.

Im darauffolgenden Sommersemester haben wir uns noch einmal in einer kleineren Gruppe mit unseren Dozierenden und dem IWS zusammengefunden, um unsere Forschungsergebnisse in Form eines Buches zu publizieren und damit mehr Menschen zugänglich zu machen. Das Buch umfasst fünf Forschungsberichte und eine Zusammenfassung unserer Ergebnisse sowie konkrete Forderungen, wie die Situationen der Frauen* verbessert werden könnten. Es gibt z.B. ein großes Bedürfnis nach exklusiv weiblichen* Räumen, in denen Frauen* sich von den ansonsten männlich* dominierten Räumen zurückziehen können um zu stillen, sich umzuziehen, das Kopftuch abzulegen oder einfach ein wenig zur Ruhe zu kommen. Weiterhin sind Frauen* von vielen Angeboten wie Sprachkursen ausgeschlossen, wenn es keine zuverlässige Kinderbetreuung gibt (da diese oft als die alleinige Verantwortung der Frau* gesehen wird), oder wenn eine Alphabetisierung vorausgesetzt wird, die in den Herkunftsländern aber oft nur Männer* erhalten haben. Hier müsste genauer darauf geachtet werden, von welchen Ausschlussmechanismen geflüchtete Frauen* betroffen sind, um dann bessere Unterstützung leisten zu können.

Comic: Privat
Comic: Privat

Auch nach der Veröffentlichung des Buches ist unser Projekt noch nicht abgeschlossen und wir sind immer wieder im Dialog darüber, was mit den Ergebnissen geschehen soll und wie diese genutzt werden können, damit vor allem geflüchtete Frauen* davon profitieren können. Wir haben das Buch an verschiedene Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen sowie Aktivist*innen geschickt, die sich mit der Situation von geflüchteten Menschen in Deutschland beschäftigen, damit diese die Daten für ihre Arbeit nutzen können. Darüber hinaus arbeiten wir derzeit an anderen Formaten, mit denen die Ergebnisse unserer Forschung verbreitet werden können.

Gender * Definition und Anwendung: Wir benutzen die Wörter Frau/Frauen, Mann/Männer und weiblich/männlich mit dem Symbol * („Gender-Sternchen“). Damit möchten wir darauf hinweisen, dass das binäre Geschlechtssystem sozial konstruiert ist und es mehr Varianten der Identifizierung gibt als klar Mann oder Frau (cis-gender).

Hier können die Ergebnisse der Forschung in zusammengefasster Form nachgelesen werden.

Kontakt zu uns: autor_innenteam@riseup.net

Den Sammelband könnt ihr hier bestellen.