ACO – Artistic and Cultural Orientation

Immer mehr Hochschulen öffnen ihre Türen für Newcomer*innen und bieten spezielle Programme an. An der Hamburger Kunsthochschule gibt es das ACO-Programm und es läuft mit großem Erfolg.

von Prof. Dr. Michaela Ott

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung zur Semestereröffnung am 12. Oktober 2016; Foto: Imke Sommer

Seit Sommersemester 2016 gibt es an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg ein neu eingerichtetes Vorstudien-Programm für interessierte Migrant*innen. Die etwa 40 Studierenden, die dafür ausgewählt wurden, hatten entweder in ihren Herkunftsländern bereits mit künstlerischen und verwandten Praktiken zu tun, oder streben längerfristig ein künstlerisches Studium an einer Kunsthochschule an. Das Programm wurde eingerichtet auf Initiative einer Arbeitsgruppe, bestehend aus Lehrenden und Studierenden der HfbK Hamburg, und wird von Sabine Boshamer, Referentin des Präsidenten der HfbK, tatkräftig organisiert.
Das bis zu zwei Semester umfassende Vorstudium an der HfbK versteht sich als Einführung in künstlerische Praktiken und kann auch als Vorbereitung für eine Bewerbung an der HfbK genutzt werden. Es bietet zunächst allgemeine Einblicke in hiesige Verständnisse von Kunst und künstlerischer Produktion, stellt praktische Anleitungen in Werkstatt-Lehrgängen und weiteren Workshops bereit; vor allem aber will es die Fähigkeit schulen, sich über unterschiedliche kulturelle Vorstellungen und Verständnisse auszutauschen, andere Perspektiven kennen zu lernen, gemeinsam Projekte zu erörtern, zu planen und erfolgreich durchzuführen.
Da die Studierenden aus asiatischen oder afrikanischen Ländern, so zum Beispiel dem Irak, Eritrea und Afghanistan stammen und jüngst schwerpunktmäßig aus Syrien gekommen sind, sprechen sie, obwohl sie ansatzweise den kulturellen Hintergrund teilen, nicht notwendig dieselbe Sprache und müssen sich häufig über Drittsprachen verständigen. Ihnen wird daher die Möglichkeit geboten, Deutsch zu lernen und eine gemeinsame Gesprächsbasis zu etablieren; gleichwohl bleibt die Schwierigkeit des sprachlichen, auch kulturellen Austauschs und Verständnisses bestehen. Das gemeinsame künstlerische Planen und Arbeiten soll in diesem Sinn einen Anlass bieten, zu lernen, seinen Standpunkt vorzutragen, diesen mit anderen abzugleichen und zu gemeinsamen Entscheidungen zu gelangen.
Solche gemeinsamen Projekte wurden unter Anleitung ehemaliger Studierender der HfbK, die eine Art Patenschaft übernehmen, durchgeführt und waren von Erfolg gekrönt: In Film- und Design-Workshops konnten die Studierenden zum Teil gemeinsame Film- oder Fotobuchprojekte realisieren. Eine Bar wurde in der Fabrique des Gängeviertels von einer an Design- und Architekturfragestellungen interessierten Gruppe von Studierenden entworfen, gebaut und mittlerweile mit Erfolg in Betrieb genommen. Zudem beteiligten sich alle Teilnehmenden an der großen Abschlusspräsentation ihrer künstlerischen Arbeiten während der Jahresausstellung der HfbK.

Design-Workshop, Besprechung erster Ideen vor Ort, Oktober 2016; Foto: Julia Mummenhoff
In der Holzwerkstatt der HFBK Hamburg, Januar 2017; Foto: Julia Mummenhoff

Begleitet wird das Unterrichtsprogramm durch Vorträge von Künstler*innen und Kurator*innen aus zumeist nicht-westlichen Ländern. Eröffnet wurde diese Reihe zu Beginn des vergangenen akademischen Jahres mit einem Vortrag von Bonaventure Ndikung, auf ihn folgten in etwa einmonatigem Abstand der bildende Künstler Rayanne Tabet, später der Filmemacher Ghassan Salhab aus dem Libanon. Alya Sebti, Kuratorin der ifa-Galerie in Berlin mit marrokanischem Hintergrund, die ehemalige deutsch-iranische documenta-Künstlerin Natascha Sadr Haghighian und der aktuelle documenta-Künstler Hiwa K, der bereits vor mehr als zwanzig Jahren aus dem kurdischen Irak geflohen ist, sprachen in den folgenden Monaten und präsentierten ihre jeweiligen Projekte und Überlegungen. Aus ihrer jeweiligen Perspektive erörterten sie die Möglichkeit künstlerischen Schaffens angesichts der heutigen politischen Lage und diskutierten mit den anwesenden Studierenden, auch anderen als den ACO-Student*innen, ihre kuratorischen und künstlerischen Arbeiten.

Natascha Sadr Haghighian; Foto: Imke Sommer

Da das Programm gut angelaufen ist, da es neue Blickwinkel in die HfbK bringt und eine allgemeine Erweiterung des intellektuellen und ästhetischen Horizonts darstellt, wird es zunächst um ein weiteres Jahr verlängert – zu hoffen ist, dass es auch darüber hinaus finanziert und weiter organisiert werden kann.

 

Prof. Michaela Ott und Hiwa K; Foto: Imke Sommer

Mehr Informationen über das Vorstudien-Programm an der HFBK finden sich hier