Aufstehen gegen Rassismus

Wie können wir solidarisch reagieren, wenn wir im Alltag Diskriminierung miterleben? Diese Frage stellte sich unsere Autorin und hat im Gespräch mit einer Aktivistin und Stammtischkämpferin nachgefragt.

von Kathrin Reikowski

Anna Müller koordiniert die Seminare für “Aufstehen gegen Rassismus”. Foto: CC-BY-ND Aufstehen gegen Rassismus.

Auch wenn nicht alle von uns unmittelbar und offensichtlich von Diskriminierung betroffen sind: Wir alle erleben immer wieder Situationen, in denen Menschen mit rechten, rassistischen Sprüchen angegriffen werden. Das Bündnis Aufstehen gegen Rassismus bildet seit September 2016 Menschen darin aus, sich in diesen Momenten klar zu positionieren. Die Resonanz ist gut: Bereits 6615 Teilnehmer*innen unterschiedlicher Altersgruppen und Gesellschaftsschichten ließen sich zu sogenannten Stammtischkämpfer*innen ausbilden. Ich habe mit Anna Müller, 29, gesprochen, die bei Aufstehen gegen Rassismus die Seminare koordiniert.

 

Katrin Reikowski: Hallo Anna, kann ich mir unter Stammtischkämpfer*innen Menschen vorstellen, die sich gezielt an Stammtische setzen und politische Diskussionen anzetteln?

Anna Müller: Nein, uns geht es um das Empowerment in Alltagssituationen und gar nicht vordergründig darum, die Diskussion gezielt zu suchen. Es geht darum, zu zeigen, dass man Anstoß nimmt an rechten Sprüchen, die leider in unserer Gesellschaft immer salonfähiger werden. Und dazu muss ich mich gar nicht gezielt in Situationen begeben. Leider.

Katrin Reikowski: Stichwort Empowerment: Mich machen solche Situationen meist so wütend, dass ich gar nicht unbedingt eine Ermutigung brauche, Stellung zu beziehen, sondern durchaus auch mal jemanden anschreie. Was mir dann fehlt, ist ein ruhiger Kopf, um mich auf eine zivilisierte Debatte einzulassen.

Anna Müller: Wir raten, erst einmal durchzuatmen und sich zu überlegen, welches Ziel man hat. Sehen gerade viele Menschen zu und möchte man Stellung beziehen? Dann ist es durchaus der richtige Weg, jemanden laut anzusprechen und zu sagen, dass man derartige rechte Sprüche nicht duldet. Das laut auszusprechen bewirkt meist schon sehr viel, man muss sich nicht auf einen Machtkampf mit dem Gegenüber einlassen. Im Gegenteil: Durch unsere Seminare erlernt man, so eine Situation auch mal selbstbewusst abzubrechen und den Pöblern klarzumachen, dass man sich auf einer rassistischen Ebene nicht auf eine Diskussion einlässt. Je mehr Leute zeigen, dass wir Anstoß nehmen, desto mehr können wir die Stimmung im Land auch wieder positiv beeinflussen.

Katrin Reikowski: Was könnte in dieser Situation denn ein alternatives Ziel sein?

Anna Müller: Sehe ich beispielsweise, dass die betroffene Person sehr erschrocken ist, dann ist es oft besser, zunächst ihr Beistand zu leisten. Nämlich hinzugehen und ihr zu verstehen zu geben, dass man gesehen hat, was eben passiert ist und den Spruch nicht gutheißt. Und einfach zu fragen: Kann ich irgendetwas für Sie tun? Das gilt im Übrigen auch für betroffene Kinder. Denn leider erleben wir gerade hier in Berlin auch immer öfter, dass Kinder zum Beispiel auf Spielplätzen gezielt angepöbelt werden. Hier ist es besonders wichtig, einem kleinen Menschen zu erklären, dass ein blöder Spruch nichts mit ihm oder ihr als Person zu tun hat. Und das Selbstbewusstsein zu stärken.

Katrin Reikowski: Stellung zu beziehen, gegenüber Fremden auf der Straße, auf dem Spielplatz oder in der U-Bahn ist die eine Sache. Rechte Sprüche im Bekannten- oder Familienkreis zu erleben, ist eine ganz andere…

Anna Müller: Hier ist es besonders wichtig, klarzumachen, dass man eine Aussage als rassistisch ablehnt, ohne die Person als Rassisten zu bezeichnen. Es kann gut sein, dass Gespräch zu vertagen, um es nicht in einer emotional aufgeladenen Situation zu führen. Um etwa ein gemeinsames Abendessen nicht durch unschöne Debatten zu verderben, raten wir hier, das Gespräch zu vertagen. Und beispielsweise den Kollegen zu bitten, sich in ein paar Tagen noch einmal auf einen Kaffee zusammenzusetzen.

Katrin Reikowski: Und welche Tipps habt ihr in Bezug auf online geäußerte, rechte Kritik, etwa Kommentare unter Zeitungsartikeln?

Anna Müller: Auch da ist es oft gar nicht der richtige Weg, sich auf eine Diskussion einzulassen. Weil diese Kommentare gar keine Argumentationen sind, sondern nur dazu dienen, Likes für bestimmtes Gedankengut zu sammeln. Eine gute Möglichkeit ist, anstößige Kommentare direkt zu melden. Kürzlich habe ich selbst mit einigen Freundinnen eine spannende Erfahrung gemacht: Wir konnten live verfolgen, wie sich unter einem Artikel immer mehr antifeministische Kommentare ansammelten. Wir haben einfach gemeinschaftlich reagiert, dagegen argumentiert und unsere Posts untereinander geliked. Schon nach kurzer Zeit hatten die Pöbler die Lust verloren.

Katrin Reikowski: Noch eine Frage zum Abschluss: Sind wir denn gefeit davor, selbst rassistische Gedanken zu entwickeln? Denn ganz ehrlich: Es gibt ab und an auch negative Erlebnisse, die in dieser Hinsicht prägend sind.

Anna Müller: Ich glaube, dass davor niemand gefeit ist. Wir sind alle Menschen und bewerten die Welt um uns herum automatisch nach den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Oft genügen schon ein oder zwei Erlebnisse mit Menschen einer bestimmten Personengruppe, dass wir künftig zunächst ablehnend reagieren, wenn wir wieder in eine ähnliche Situation geraten. Außerdem bekommen wir bestimmte Stereotype über Medien geradezu eingeimpft. Der Unterschied zwischen einem Rassisten und einem Nichtrassisten ist dann, sich bewusst zu machen, dass zum Beispiel der Gedanke „dieser Mensch könnte mir gefährlich werden“ nur das eigene Vorurteil ist. Und dass der Gedanke nichts mit dem Menschen zu tun hat, der tatsächlich vor mir steht. Ich muss dann selbst damit umgehen und mir vornehmen, jeder Person offen und natürlich zu begegnen, wie ich es sonst auch tue.

Unter Aufstehen gegen Rassismus finden sich mehr Informationen zur Stammtisch-Kämpfer*innen-Kampagne und zahlreiche Unterstützungs- und Mitmachmöglichkeiten. Die Seminare dauern 90 Minuten oder sechs Stunden und werden von Teamer*innen der Kampagne geleitet. Sie können bundesweit organisiert werden, wenn geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung stehen.