Aus dem Kriegsgebiet ins Klassenzimmer

Über den mutigen Weg einer jungen, syrischen Lehrerin, die ihre Chancen genutzt hat und sich freut, bald wieder zu unterrichten.

von Hiba Obaid / Foto: Inga Lauenroth

Alaa Kassab (25) ist eine enthusiastische Lehrerin aus Syrien. Dass sie zugleich als eine von 28 ein Qualifizierungsprogramm an der Universität Potsdam absolviert hat, macht sie sehr stolz. Das „Refugee Teachers Program“ existiert seit April 2016 und eröffnet geflüchteten Lehrkräften die Möglichkeit, an deutschen Schulen zu unterrichten, unterstützt sie beim Erlernen der Sprache und bietet für jedes Fach spezielle Kurse an. Alaa erfuhr von diesem Programm über einen Zeitungsartikel und ihr Interesse war sofort geweckt. Die junge Syrerin hat einen Bachelor-Abschluss in Anglistik von der Universität in Aleppo und hat schon viele Jahre lang Englisch unterrichtet. Vor knapp zwei Jahren, als das Leben in ihrer Heimatstadt unerträglich wurde, floh sie von Syrien nach Deutschland. „Die Situation in Aleppo verschlechterte sich täglich. Das Leben dort war schwierig: Ohne Wasser, ohne Strom, alles war sehr teuer im Vergleich zu den niedrigen Löhnen und natürlich gab es keinerlei Sicherheit.“ Alaa gehört der Kriegsgeneration an, die ihr Studium absolvierte, während um sie herum Bomben fielen, auch auf die Universität. Überall möchten junge Leute Pläne für ihre Zukunft machen und vielleicht auch einfach das Leben genießen, in Aleppo waren sie froh über jeden Tag, den sie überlebten.

Als ich im Vorfeld unserer ersten Begegnung eine Kurzfassung von Alaas Geschichte, erhalte bin ich umso gespannter sie kennenzulernen. „Eine junge Frau aus Aleppo, die sich ganz allein auf den weiten Weg nach Deutschland gemacht hat. Jetzt nimmt sie an einem Programm der Universität Potsdam teil, um ihren Wunsch weiter zu verfolgen, Lehrerin zu werden. Sie spricht fließend Deutsch!“ In einem Café treffe ich sie dann persönlich und bin ganz beeindruckt von dieser hübschen jungen Frau, die so stark wirkt. Ihr Deutsch ist fehlerfrei, beinahe könnte ich vergessen, dass Arabisch ihre Muttersprache ist! Alaa ist alleine hierhergekommen und hätte alles dafür gegeben, ihre Träume wahr werden zu lassen. Es ist mitreißend, ihre Geschichte zu hören und zu erleben, wie sie sie erzählt. Alles an ihr scheint zu rufen: „Hallo neue Welt, ich bin hier mit allem, was ich liebe, und allem, was ich durchstehen musste. Mit all meiner Energie und all meinen Enttäuschungen. Ich bin hier und ich werde eines Tages all das erreicht haben, was ich erreichen will.“ Gleichzeitig sind all ihre Erinnerungen Teil von ihr, und sie vermisst ihre Familie.

Während ich ihr zuhöre, denke ich darüber nach, wie glücklich wir uns schätzen können, zu all jenen zu gehören, die es geschafft haben, aus Aleppo zu fliehen. Und dann kommt mir der Gedanke, dass „sich glücklich schätzen“ eine so unpassende Beschreibung ist. Wir alle mussten so viel zurücklassen, auch Alaa. „Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Meine Familie fand die Idee, ganz alleine zu fliehen, unsinnig. Wie oft musste ich mir Kommentare anhören wie: ‚Du wirst bei den Fischen enden.‘ – ‚Du wirst im Meer ertrinken.‘ Oder einfach: ‚Du wirst es sowieso nicht schaffen, weil du eine Frau bist.‘“ Aber Alaas Entschluss stand fest, und sie brach zu der weiten Reise auf, um Asyl zu beantragen. „Weder das Meer noch die lange Wanderung durch völlige Einöden konnten mich aufhalten. Ich hatte mein Ziel vor Augen und wollte es unbedingt erreichen.“

So wie Alaa hegen viele Menschen, die hierher kommen, große Hoffnungen und träumen davon, ein neues Leben zu beginnen. Sie wollen die Kriegserfahrungen hinter sich lassen, aber dann ist das Ankommen schwieriger als gedacht. Auch für Alaa war die erste Zeit nicht leicht. „Obwohl ich fließend Englisch spreche, war ich sehr frustriert. Ich hatte Angst, sogar vor so einfachen Dingen wie Einkaufen im Supermarkt. Ich befürchtete, kein Wort zu verstehen, wenn mich jemand auf Deutsch anspricht.“
Heute hat Alaa davor keine Angst mehr. Inzwischen hat sie die Sprache gelernt und das Programm für geflüchtete Lehrerinnen und Lehrer hat ihr viele neue Perspektiven geöffnet. Sie hat hier neue Freunde gewonnen und das hat sie weiter bestärkt, aktiv zu werden. Die junge Lehrerin trifft sich einmal pro Woche mit einer Gruppe von Frauen, um sich in lebhafter Runde über verschiedene Themen auszutauschen, einander die unterschiedlichen Kulturen näherzubringen und zusammen zu kochen. Obwohl sie viel Zeit mit Lernen verbringt und ständig Termine hat, arbeitet Alaa ehrenamtlich für die „Tafel“. Mit ihren Arabisch- und Deutschkenntnissen erleichtert sie dort vieles, und auch hier trifft sie täglich neue Leute.

Und noch etwas Neues hat Alaa gerade gelernt: Fahrradfahren. Früher traute sie sich das nicht zu und versuchte es in Aleppo nicht einmal. Heute ist es für sie ein Gewinn, überall mit ihrem Rad hinzukommen. So wie viele andere Frauen in ihrer Situation nimmt Alaa neue Herausforderungen an, ohne viel zurückzuschauen. Sie vermisst zwar ihr Leben in Syrien, doch das Leben in Deutschland eröffnet ihr ganz neue Erfahrungen und Möglichkeiten, die sie für sich entdecken kann. In Deutschland können Frauen Kanzlerin werden, in Syrien ist es schon ungewöhnlich, wenn sie Fahrrad fahren! „Ich erfahre hier viel Anerkennung von meinem Umfeld, diese positive Energie umgibt mich und es ist eine tolle Erfahrung. Es fühlt sich so ungewohnt an: Ich bin frei! Ich kann frei wählen, was ich tragen will, was ich arbeiten will, und bin auch frei im Hinblick auf meine persönlichen Beziehungen, was in Syrien ganz anders war.“ Auch wenn der Neuanfang viel Stress mit sich bringt und die Sprachhürde hoch ist, bietet das Programm für geflüchtete Lehrkräfte eine große Chance. Mit dem Abschluss werden sie arbeiten können und so zum Beispiel geflüchteten Familien, deren Kinder hier zur Schule gehen, helfen.

Alaa wartet momentan noch auf ihren Arbeitsvertrag, zum Einstieg in ihren Beruf möchte sie in der Grundschule Geltow in Potsdam arbeiten. Im ersten Jahr wird sie gemeinsam mit einem anderen Lehrer unterrichten, so dass sie nicht sofort allein vor einer Klasse stehen muss.
„Lehrer ist der einzige Beruf, den ich mir vorstellen kann. Ich möchte so gern meine Arbeit hier fortsetzen“, erzählt Alaa. Deswegen kann sie es auch kaum abwarten, endlich wieder in einem Klassenraum zu stehen und zu unterrichten.

Dieser Artikel ist im Rahmen eines Tandem-Projekts mit dem Titel „Wir sind Viele. Geschichten aus der Einwanderungsgesellschaft“ entstanden und wurde initiiert von Wir machen das. Mehr über das Projekt erfahren … Der Beitrag ist zuerst am 17.10.2017 in der Märkischen Allgemeinen Zeitung erschienen.

Über die Autorin:
Hiba Obaid (*1990 in Aleppo, Syrien) ist eine palästinensisch-syrische Journalistin. Sie hat ein Studium der arabischen Literatur an der Universität von Aleppo abgeschlossen und in Syrien, der Türkei und Deutschland für Magazine und Zeitungen geschrieben. Seit Oktober 2015 lebt sie in Berlin. Hiba Obaid ist Voluntärin bei ALEX Berlin und Deutschlandfunk.

Übersetzung aus dem Englischen von Meiken Endruweit

Die Fotografin Inga Lauenroth und die Journalistin Hiba Obaid während ihrer Zusammenarbeit als Tandem. Berlin 2017. Foto: Alexander Janetzko