Das Bild einer verlorenen Generation

In Mostar fand dieses Bild einer gelähmten Generation seinen Weg in meine Schachtel.

von Marwan Safarjalani

München 2016. Illustration: Claudia Klein
München 2016. Illustration: Claudia Klein

Mostar im Februar 2016: Einen Monat vor dem fünfjährigen Jubiläum des Syrischen Bürgerkrieges öffnete ich eine Schachtel, gefüllt mit meinen Erinnerungen an die Vertreibung: eine Anhäufung von Tragödien. Als eine dunkle Träne auf die Essenz der Jugend in dieser Schachtel fiel, erschien mir mein Cousin, Adam, und sagte: “Bring mich zu deinem Heimatland, deinen Erinnerungen und deiner Geschichte; eine Geschichte, die ich an die Taten deiner Generation verloren habe”. An seinem fünften Geburtstag war Adams Zukunft verschwommen. Er spürte und wusste nichts von den Traumata, die seine Familie durchlitten hatte, bevor sie in die Türkei zog.

Sein Geburtstagsgeschenk war ein Soldat, das seiner Schwester ein Panzer. Es war schwer zu sagen, ob die Tränen seiner Eltern den Verlust ihrer Zukunft oder die gelähmte Gegenwart beweinten. Adams Verlust lauerte hinter der Tür, erinnerte eine ganze Generation an das Versagen ihrer Väter, die Revolution zu beginnen, die Adams Zukunft hätte retten können. Sie alle waren hypnotisiert von der Schande jener ausgebliebenen Revolution. Als blasse Kindergesichter schrien, zerschnittenen Hälsen und ausgerissenen Nägeln zum Trotz, verloren sie ihre Stimme.

Adams zerrissene Zunge symbolisierte den Sieg unserer alten osmanischen Feinde. Seine Großmutter, verkrüppelt, jammerte wie gewöhnlich, mit dem Kreislauf des Todes um ihren Hals. Sein Vater ist nichts weiter als ein weiterer Mörder der kindlichen Unschuld. Das Chaos und der Widerhall des Krieges ergriffen Besitz von Adams Geist und verwandelten ihn in eine leblose, groteske Statue. Gefangen, starrten seine Augen auf den Kreislauf des Todes, den seine Großmutter erschuf.

Mit geschundenen Knöcheln und geschlossenen Augen schloss der Großvater Freundschaft mit der Wand des Schicksals, darauf wartend, dass sein Geist sich dem verbrecherischen Gott anschließe, an den er glaubte. Seine Augen fixierten das Loch, das den Verlust syrischen Lebens symbolisierte. Der Schleier seiner Mutter erstickte die Stimmen von drei Generationen, nahm die Tochter gefangen und riss blutige Grenzlinien über des Vaters Mund.

In Mostar sah ich Adam und mich selbst, gelähmt in jenen Erinnerungen. Aufgeschreckt durch die Teilnahmslosigkeit seiner Familie fand er ein Opfer eines wiederkehrenden Verbrechens. Er fand mich, in den Jahren meiner Jugend stecken geblieben, jener Zeit, in der ich den Krieg durchlebte. Dort wo die Geister der Verstorbenen um den Messingkronleuchter schweben, klopfte Adam auf meine tote Brust, um seine verlorene Kindheit zu fassen. Die Erwachsenen aber antworteten mit dem schamlosen Geschrei einer neugeborenen Leiche. Flüchtlingsheime verkapselten ihr schmutziges Verlangen und Adam kapitulierte vor dem Sturm seiner Erinnerungen. In Mostar fand dieses Bild einer gelähmten Generation seinen Weg in meine Schachtel.

Marwan Safarjalani (geb. 1997) verließ 2012 mit seiner Familie das umkämpfte Stadtviertel in Damaskus, in dem er aufgewachsen war. Er lebte in Ägypten und in der Türkei und hat gerade das Studium am United World College in Mostar, in Bosnien-Herzegowina abgeschlossen. Seine Familie ist inzwischen über Westeuropa verstreut. Marwans Muttersprache ist arabisch, aber er schreibt auf Englisch. Der Text wurde von Marie Detjen ins Deutsche übersetzt.