Brötchen und Behördenbriefe

Zu Besuch bei einem Sprechstunden-Frühstück der Berliner Integrationslots*innen.

von Theresa Schmidt

Berlin 2016. Foto: Juliette Moarbes
Neben dem Bewältigen von Papierkram, geht es in erster Linie um die Begegnung. Berlin 2016. Foto: Juliette Moarbes

Sajedah Abu Saoud stellt eine große Käseplatte in die Mitte einer langen Tafel. Ringsherum stehen Schälchen mit Oliven, Gurkenscheiben und Brötchen, eine Frau schenkt Teewasser aus. Wie jeden Mittwoch wurden auch heute die Tische zusammengeschoben, hier im Gemeinschaftsraum des Containerdorfs in Berlin-Lichterfelde. Etwa fünfzehn Frauen sind gekommen, decken den Tisch, unterhalten sich. Kinder toben herum. Das Frühstück mit den Integrationslots*innen vom Diakonischen Werk Steglitz und Teltow-Zehlendorf ist für viele das wöchentliche Highlight.

Sajedah ist eine dieser Integrationslots*innen. Die gebürtige Jordanierin arbeitet seit 2008 für das für das gleichnamige Landesrahmenprogramm. Die Idee: Schon länger in Deutschland lebende Menschen aus Zuwandererfamilien vermitteln als Integrationslots*innen zwischen Newcomern und Behörden. Dabei sollen sie vor allem eines sein: Sprachmittler. Neben Sajedah, die Arabisch spricht, sind heute drei weitere Kolleginnen da, die auf Englisch, Französisch, Farsi und verschiedenen äthiopischen Sprachen arbeiten. Das gemeinsame Frühstück ist eine Art offene Sprechstunde. „Die Frauen bringen zum Beispiel Briefe mit, die sie nicht verstehen. Wir übersetzen, geben Hilfestellungen, was zu tun ist und begleiten sie bei Bedarf“, erklärt Sajedah. Sie nimmt sich eine Scheibe Käse und legt sie auf die kernige Hälfte ihres Brötchens. Eine Frau ruft ihr von der anderen Seite des Tisches etwas auf Arabisch zu und hält ein weißes Brötchen hoch. Die Lotsin antwortet. Eine andere Frau schaltet sich ein und deutet auf einen Teller mit Waffeln – alle lachen. „Sie hat gefragt, was mehr Kalorien hat: Vollkorn- oder weiße Brötchen. Ich habe gesagt, dass die mit Körnern zwar mehr Kalorien haben, aber auch länger satt machen“, übersetzt Sajedah und tupft mit der Fingerspitze einige Krümel vom Teller auf. „Manchmal nutzen wir das Frühstück auch als Vokabeltraining: Butter, Messer, Teller, das geht super.“ Sajedah ist seit fast zwanzig Jahren in Berlin und beruflich und privat angekommen. Doch sie weiß was es bedeutet, hier fremd zu sein. „Die ersten sechs Jahre war ich zu Hause, allein und ohne Kontakte. Sechs Jahre! Damals gab es keinen verpflichtenden Deutschkurs und zu Hause ging es auch ohne. Ich war sehr unglücklich.“ Die ausgebildete Lehrerin trägt eine Jeansjacke mit Fellkragen, ihr gemusterter Hijab passt zu ihrer Kette. Irgendwann habe sie sich aufgerafft. Sie begann in einem Verein Arabischunterricht zu geben und besuchte selbst einen Deutschkurs. Über das Jobcenter kam sie zu den Integrationslots*innen, die damals noch Stadtteilmütter hießen. Auch einen Führerschein hat sie gemacht – „null Fehler.“

Berlin 2016.Foto: Juliette Moarbes
Die Integrationslots*innen vermitteln zwischen Newcomern und Behörden. Berlin 2016. Foto: Juliette Moarbes

Gegenüber unterhält sich Lotsin Karima Houdaibi Al-Jayat mit Aisha, einer Frau aus der Unterkunft. „Das Frühstück hier erinnert mich an Syrien“, erzählt Aisha und Karima übersetzt. „Wir haben uns auch immer mit Nachbarn oder der Familie getroffen und gemeinsam Kaffee getrunken.“ Die schüchterne, zarte Frau hat keines der bisher neun Frühstückstreffen verpasst. Sie genießt es, mit den anderen zu reden und sich auszutauschen. Als sie weiterspricht legt Karima ihr plötzlich die Hand auf den Arm. Dass Aisha gar nicht wisse, was sie ohne die Unterstützung der Lotsinnen anfangen sollte, übersetzt Karima schließlich gerührt.

Wie ihre Kollegin Sajedah war auch Karima einmal neu in Deutschland. 1995 kam sie aus Marokko, erzählt sie, und, dass es auch ihr die ersten Jahre nicht gut ging. „Ich hatte Jura studiert und hier war ich auf einmal Analphabetin. Das hat mich traurig gemacht und ich war nie mit mir zufrieden.“ Damals gab es so etwas wie die Integrationslots*innen nicht. Karima traute sich weder zum Sprachkurs, noch wusste sie von anderen Bildungs- und Informationsmöglichkeiten. Das will sie mit ihrer Arbeit als Integrationslotsin ändern. „Ich möchte den Frauen zeigen, was für Angebote es gibt und ihnen helfen, diese auch zu nutzen. Wir versuchen den Weg, den wir selber gegangen sind, für sie zu verkürzen und ihnen Mut zu machen.“ Karima musste es aus eigenen Stücken schaffen – und das hat sie. Aus ihren dunklen Augen strahlt der Optimismus. Nach dem Deutschkurs nahm sie sogar noch ein Fernstudium zur Naturkostberaterin auf, bevor sie 2011 die Arbeit beim Diakonischen Werk begann.

Ein kleiner Lockenkopf schiebt sich zwischen Aisha und die Lotsin. Es ist Hanan, Aishas jüngste Tochter. Karima begrüßt sie mit einem Kuss auf die Stirn. Hanan ist gerade sechs geworden. Vor dem Frühstück hat Karima Aisha erklärt, dass in Deutschland ab diesem Alter die Schulpflicht gilt und dass sie Hanan in einer Willkommensklasse anmelden werden. Auch dabei leisten die Integrationslots*innen Hilfestellung, genauso wie bei der Suche nach Kitaplätzen oder bei Elterngesprächen. Aisha streicht ihrer Tochter über den Kopf, die zurück auf den Flur rennt. Sie hat noch drei jugendliche Söhne und eine ältere Tochter, die in Jordanien einen Asylantrag gestellt hat. Seit fünf Monaten wohnt die Familie in der Unterkunft hier am Stadtrand von Berlin, eine eigene Wohnung ist das nächste Ziel. „Stück für Stück“, nickt Karima und legt noch einmal ihre Hand auf Aishas Arm.

Die Käseplatte ist inzwischen fast leer. Geschirr klappert, gemeinsam wird aufgeräumt und gespült. Lachen, Händeschütteln, „šukran“ – danke. Ja, hier geht es um die Bewältigung von lästigem Papierkram. Vor allem aber geht es um Begegnungen und darum, verlorenes Selbstvertrauen wieder zu erwecken.