Darayya Media Center

Abgeschnitten, aber nicht verstummt Stimmen aus den belagerten Gebieten!

von Ameenah A. Sawwan

Das erste von 26 Graffitis auf den Mauern von Darayya, das Majid und Abu Malek zusammen gemalt haben. Darayya 2014-2016. Foto: Darayya Media Center

Nur acht Kilometer südwestlich von Damaskus liegt Darayya. Die Stadt war eine der ersten zentralen Orte der Bewegung gegen Assad und der darauf folgenden Unterdrückung durch das Regime. Im August 2012 besetzten Assads Truppen Darayya und begingen das bis dahin schlimmste Massaker der syrischen Revolution. Das Massaker von Darayya war nur der Anfang seiner Zerstörung durch zahllose Bombenangriffe.

In den vergangenen fünf Jahren versuchten Journalisten und Aktivisten regelmäßig von der Situation in Darayya zu berichten. Unter Einsatz ihres Lebens, dokumentieren Sie in einzigartiger Weise die Menschenrechtsverletzungen durch Massaker, Bombardements und die Belagerung.

Das so entstandene „Darayya Media Center“ ist bis heute sehr aktiv in der Berichterstattung über die Situation vor Ort. Die Mitglieder arbeiten im In- und Ausland. Sie dokumentieren die schrecklichen Geschehnisse vor Ort und veröffentlichen das Videomaterial über ihr Netzwerk im Ausland. Seit dem Beginn der Besatzung, Ende 2012, hat sich die Situation in der Stadt stetig verschlechtert. Mittlerweile fehlt es oft am Nötigsten.

 

Geleitet wir das Darayya Media Center von Hossam Ahmad. Bis zum Beginn der Revolution studierte er Landwirtschaft. Lediglich sieben Scheine trennten ihn noch vom Studienabschluss. Vor dem Ausbruch der syrischen Revolution jobbte Hossam als Fotograf. Diese Erfahrung verschaffte ihm die nötige Expertise, das „Bürgerjournalismus“-Netzwerk aufzubauen. Anfänglich arbeitete das Darayya Media Center noch in Hossams Wohnung. Aus Angst um ihre Sicherheit müssen die Mitglieder jedoch, ihren Arbeitsort ständig wechseln. Die Versorgungsblockade erschwert die Arbeit des Netzwerks erheblich, es mangelt an Elektrizität, verlässlicher Verbindung zum Internet und Arbeitsmaterial. Sie müssen auf Generatoren und Batterien zurückgreifen, die aber nur einmal wöchentlich für kurze Zeit genutzt werden können. Das ohnehin schon knappe Equipment und die wenigen Kameras müssen in die Stadt geschmuggelt und dort vor Zerstörung geschützt werden. Aber selbst unter diesen widrigen Bedingungen gelang es dem Darayya Media Center, den von Al-Jazeera Arabic produzierten Dokumentarfilm „Darayya, the Brotherhood of Grapes and Blood“ über das Massaker von Darayya zu machen.

Die Mitglieder sind immer wieder Ziele von Scharfschützenattacken und Bombardements, einige von ihnen wurden mittlerweile inhaftiert und über Jahre hinweg gefoltert. Weitere Mitglieder sind im Feld gefallen, Zaid Sharara wurde im Februar 2013 und Majid Moaddamani im Februar dieses Jahres getötet. Obwohl der Verlust dieser beiden Journalisten für Hossam und das gesamte Netzwerk einen schweren Schlag bedeutet, sind sie fest entschlossen, ihre Mission fortzusetzen. Gerade auch, um die Arbeit der beiden Opfer, Zaid und Majd (der „das eiserne Herz“ genannt wurde), weiterzuführen.

Majd produzierte Hunderte von Videos in Darayya, unter anderem während einem Fassbombenangriff, bei dem eine Explosion sein Gehör beschädigte. Nachdem Majd dutzende von Angriffen überlebte, wurde er schließlich von einer Infanteriedivision getötet. Auch Majds Bruder, der in der syrischen Revolution ebenso aktiv war, wie Majds selbst, musste sterben, als er vor zwei Jahren versuchte, Essen aus der belagerten Stadt zu schmuggeln. Er wurde durch eine Mine außerhalb der Stadt getötet. Bereits im Jahr 2011 entführten Assads Truppen den dreizehnjährigen Bruder der beiden, um sie zur Aufgabe ihrer Arbeit zu zwingen. Doch das konnte sie nicht aufhalten, die beiden Brüder waren in fast alle Aktionen gegen das Regime in Darayya involviert.

 

Majid und Abu Malek zusammen bei der Arbeit. Darayya. Foto: Darayya Media Center
Majid und Abu Malek zusammen beim Entwerfen eines neuen Graffitis. Sie haben fast ein Jahr zusammen an ihrem Projekt gearbeitet. Darayya 2014-2016. Foto: Darayya Media Center

Während einer Berichterstattung über den Widerstand gegen den Einmarsch der Truppen in die bewohnten Viertel der Stadt im Jahr 2014, entdeckte Majd Graffitis an den zerstörten Wänden und Mauern der Stadt. Die Wandmalereien stammten von dem jungen Rebellen, Abu Malek, der immer davon geträumt hatte, Architekt zu werden. Abu Malek und Majd gelang es in der Folge, insgesamt 26 Graffitis anzubringen. Ihre Werke, die sich in den sozialen Netzwerken weit verbreiteten, enthielten tiefgründige Botschaften. Nach fast einem Jahr gemeinsamer Arbeit, traf der Verlust von Majd Abu Malek schwer. Dennoch gelang es ihm, auch nach Majds Tod noch drei weitere Graffitis zu produzieren. Er möchte seinen Fingerabdruck in dieser Welt hinterlassen: „Majd hatte einen großen Einfluss auf mich. Jetzt ist es an mir, das weiterzutragen. Ich hoffe, ich kann vielen unterdrückten Menschen eine Stimme verleihen.“

Auch im Exil setzt sich die Arbeit des Netzwerks fort. Weit weg von Darayya unterstützt Nizar, ein Mitglied des Darayya Media Center, seine Freunde in seiner Heimatstadt. Nizar musste Darayya Ende 2012 verlassen. Mitten in Damaskus setzte er seine journalistische Arbeit im Verborgenen fort. Als ehemaliger Geschäftsmann erkannte Nizar die Bedeutung der Medien für das Fortschreiten der syrischen Revolution: „Wenn wir nicht darüber berichten, was passiert und was das Regime tut, wird die Situation irgendwann vergleichbar mit der von 1982, als Assads Vater das Massaker von Hama beging. Damals gelangte keinerlei Information über die Geschehnisse an die Öffentlichkeit, weil wir keine Medien und soziale Netzwerke hatten.“

Nizar gelang von Damaskus aus, die Veröffentlichung des Videomaterials seiner Kollegen aus Darayya. Als Majd starb, beauftragte seine Mutter Nizar mit der Bekanntgabe der Todesnachricht – eine Aufgabe, die sehr qualvoll gewesen sein muss.

Vor drei Monaten musste auch Nizar Damaskus verlassen. Unzählige Razzien der Regierungstruppen sollten auch die letzten Aktivisten, die weiterhin im Verborgenen ihre Arbeit fortsetzten, aufspüren und gefangen nehmen. Er hält sich nun in der Türkei auf, um von dort aus weiter zu berichten. Der Mangel an logistischer Unterstützung erschwert jedoch die Arbeit des Netzwerks zunehmend. Trotz der großen Spendenbereitschaft, gelangen finanzielle Mittel kaum zu unabhängige Gruppen wie dem Darayya Media Center.

Nizar aber gibt nicht auf, er tut sein Bestes, um seinen Freunden weiterhin zu helfen: „Wir werden die Wahrheit zeigen. Und wenn niemand auf das Leiden in Syrien reagiert, werden wir lauter und lauter sprechen, bis wir gehört werden!“

 

Ameenah A. Sawwan ist eine syrische Aktivistin und Journalistin aus Moadamieh, einem Vorort von Damaskus, der seit mehr als drei Jahren belagert wird. Sie macht in ihren Texten auf Menschenrechtsverletzungen in den Krisengebieten Syriens aufmerksam. Ihre Augenzeugenberichte des Giftgasangriffs von 2013 waren Teil einer großen Aufklärungskampagne in den USA. Ameenah A. Sawwan bringt Geschichten aus dem Inneren Syriens ans Licht und zeigt uns Seiten ihres Heimatlandes, die heute kaum mehr sichtbar sind.

Aus dem Englischen: Theresia Enzensberger