Das größte Geschenk

Ferial Berghli über Chancen und Risiken des freien Denkens und warum es sie zu einem Leben ohne Gott geführt hat.

von Ferial Berghli

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Foto: Etna O’Regan

Denken ist die wichtigste Tätigkeit des Menschen. Das lässt sich wohl kaum bestreiten. Dennoch werde ich nicht über die Erfindungen sprechen, die es uns ermöglichen mit dem Flugzeug überall hinzureisen oder über irgendwelche anderen Innovationen, die wir dem Denken verdanken, wie das Internet. Stattdessen möchte ich über meine eigenen Erfahrungen sprechen.

Nachdem ich mein Land verlassen hatte, war ich zunächst in sehr schlechter Verfassung, ich spürte eine große Enttäuschung und verlor darüber die Fähigkeit zu denken oder, in einem ganz grundsätzlichen Sinne, ein normales Leben zu führen. Dann kam mir eine Idee, wie sich diese traurige Abfolge ändern ließe – durch Hoffnung. Es war so einfach. Ich dachte bei mir: Die Dinge werden sich im Laufe der Zeit ändern.

Das klingt vielleicht banal, aber die meisten Menschen tun sich schwer damit, das Geschenk des positiven Denkens anzunehmen. Warum, sollten wir uns fragen. Schließlich ist es genau diese Fähigkeit des Denkens, die uns Menschen auszeichnet.

Wir neigen dazu, immer wieder um dieselben Gedanken zu kreisen. So wachen viele Menschen jeden Morgen schlecht gelaunt auf und verbringen ihren Tag damit, die immer gleichen Gedanken wiederzukäuen. Statt dankbar zu sein für all die guten Dinge in ihrem Leben, erinnern sie sich immer wieder an ihre Schicksalsschläge. Das verhindert ein gesundes Denken.

Tatsache ist, dass viele Menschen denken sie denken, aber es schlicht nicht tun. Das ist immer dann der Fall, wenn wir über die Fehler anderer so sprechen und urteilen, als hätten wir selbst nie welche gemacht. Oder aber, wenn wir mal wieder einfach nur zustimmen, um einen Konflikt zu vermeiden und unsere Meinung einfach für uns behalten. An dieser Stelle verwechseln wir Denken mit schlichten geistigen Aktivitäten.

Denn Denken bedeutet mehr. Es bedeutet, neue kreative Ideen zu akzeptieren, nachdem wir sie genau hinterfragt haben. Es bedeutet auch bereit zu sein, die alten, traditionellen und überholten Denkmuster, die uns daran hindern, uns weiterzuentwickeln, zu durchbrechen und hinter uns zu lassen.

Denken heißt auch, sich den unbequemen, schwierigen Fragen zu stellen. Wir sollten uns fragen, warum es so schwer ist, die eigenen Überzeugungen und die tradierten Denkmuster zu verändern und durch neue, nachhaltigere zu ersetzen, obwohl genau dies ein erfolgreiches Leben ermöglicht.

Denken bedeutet, die großen, universellen Gesetze des Lebens zu entdecken und sie in unser Handeln einzubeziehen. Unsere Gedanken sind schneller als Lichtgeschwindigkeit. Die Macht des Geistes ist gewaltig. Wir erschaffen unser Leben durch unsere Gedanken. Zu wissen, was wir wollen, ist wichtig, denn nur so sind wir in der Lage unsere Bedürfnisse zu erkennen und ihnen zu folgen.

Ich verstehe, wenn eine solche geistige Betätigung mitunter wie Tagträumen erscheint. Unser Gehirn ist immerzu damit beschäftigt, Erinnerungen abzuspeichern. Alte Erfahrungen ermöglichen es uns, auf bestimmte Situationen, automatisch, ohne nachzudenken, zu reagieren. Aber solche reflexartigen Reaktionen können auch problematisch sein. In vielen Momenten gelingt eine besonnene, friedliche Antwort eher, wenn wir innehalten und unsere Reaktionsmöglichkeiten reflektieren.

Leider wollen Menschen sehr häufig nicht nachdenken! Es ist viel einfacher, in seinen Gewohnheiten zu verharren. Dies kann natürlich auch daran liegen, dass man versucht sich zu ändern, es aber nicht schafft. Manchmal liegt es aber auch daran, dass man Angst vor den eigenen „bedrohlichen“ Gedanken hat. Das klingt vielleicht seltsam, aber Selbstzweifel sind eine echte Bedrohung für das Denken. Viele Menschen haben schlechte Erfahrungen gemacht, beim Versuch einen Sinn im Leben zu finden. Sie haben sich verirrt oder auf dem Weg dorthin ihre Kraft verloren.

Ich wurde zum Glauben an Gott erzogen. Als ich zwölf war, versuchte mein Bruder mich davon zu überzeugen, dass es Gott nicht gibt, so wie sein Freund ihn davon überzeugt hatte. Drei Jahre später dachte ich ständig an Gott. Gibt es IHN so wie es uns unsere Eltern oder die Gesellschaft lehren? Und wenn ER existiert, warum zeigt ER sich uns nicht? Ich wünschte IHN so dringend zu sehen, ganz so wie ich IHN mir vorgestellt habe, bis ich irgendwann tatsächlich ein wunderschönes Gesicht in meinem Zimmer erblickte. Ich rief meine Mutter, um es ihr zu zeigen. Sie lachte mich fürchterlich aus.

Vielleicht hinderte dieses Erlebnis meine Vorstellungskraft daran, meinen eigenen, großartigen Gott zu erschaffen. Ich glaubte immer noch an Gott, aber nicht mehr auf die traditionelle, religiöse Weise, sondern ich stellte IHN mir mehr wie einen wunderbaren Unterstützer vor, wie einen guten Freund. Was besser ist, als IHN sich als jemanden vorzustellen, der Todesstrafen verhängt. Der Glaube an Gott begleitete mich mein Leben lang. Ich war mir lange Zeit sicher, dass ER wollte, dass ich die Muslime über ihr falsches Gottesverständnis aufkläre. Doch stets ließen mich die Situationen, in die ich mich brachte, als ich mich abmühte, Anderen die Fallstricke der Religion zu erklären, so krank, enttäuscht und frustriert zurück, dass ich sie irgendwann zu vermeiden versuchte. Aber zu scheitern, bedeutet nicht das Ende. Sondern einen Neuanfang. Einen Neunanfang ohne Religion. Wohl aber einen geistvollen. Ich denke noch immer.

Viele, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, mögen den Mut verlieren weiterzumachen. Aber sich einzugestehen zu scheitern, sollte nicht dazu führen, dass wir das Geschenk des Denkens aufgeben. Es mag sein, dass viele Menschen es vorziehen einfach zu existieren, statt das Leben zu leben, das sie sich durch ihr Denken ermöglichen könnten. Die Fähigkeit zu denken existiert als Potenzial für Millionen von Menschen. Und dass dieses Potenzial ungenutzt bleibt, verursacht große Verluste und noch mehr Kriege.

Ferial Berghli ist 61 Jahre alt. Sie wurde in Damaskus in Syrien geboren, wo sie lebte bis sie durch die Gewalt des Assad-Regimes gezwungen wurde ihre Heimat zu verlassen. In Damaskus studierte und unterrichtete sie Englisch. Ferial interessiert sich schon sehr lange für Politik, einmal schmuggelte sie in der Kleidung ihrer Kinder eine regimekritische Zeitung von Syrien nach Bagdad.