Das Thema Flucht bleibt in Frankreich fast ungehört

Man sieht kaum geflohene Menschen in den französischen Städten. In der Debatte werden die dramatischen Einzelschicksale verborgen und die Menschen werden vor allem als Bedrohung für Frankreich dargestellt.

von Cécile Calla

Flüchtlingscamp, Calais, Frankreich. Foto: Christian Payne/Documentally
Flüchtlingscamp, Calais, Frankreich, Oktober 2015. Foto: Christian Payne/Documentally

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der französische Präsident Francois Hollande stimmte den verbindlichen Quoten für die Aufnahme von Migranten in der EU im September nur halbherzig zu. Ihm war bewusst, dass er nicht auf eine breite Mehrheit im eigenen Land zählen konnte. Der Umgang mit geflohenen Menschen ist ein komplett anderer in Frankreich als in Deutschland.

Man sieht kaum geflohene Menschen in den französischen Städten. In der Debatte werden die dramatischen Einzelschicksale verborgen und die Menschen werden vor allem als Bedrohung für Frankreich dargestellt. Es wird immer wieder betont, dass die « Migranten », wie die Franzosen sagen, die Möglichkeiten Frankreichs sprengen würden, und reflexartig auf die eigenen Probleme verwiesen: Arbeitslosigkeit, mangelnder preiswerter Wohnraum, Zukunftsangst. Frankreich hat sich im Rahmen des europäischen Verteilungssystems verpflichtet, 30 000 Flüchtlinge innerhalb von 2 Jahren aufzunehmen. Die geringe Anzahl an Menschen, die das Land bisher mühevoll aufgenommen hat, spiegelt die geringe Bereitschaft der zivilen Gesellschaft wider.

Das Land, in dem ich aufgewachsen bin, das immer so gern die großen Werte der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit zelebriert, immer gern daran erinnert, dass die Menschenrechte dort geboren worden sind, zeigt sich bei dem Flüchtlingsdrama blind und taub. Flüchtlingshilfe spielt keine Rolle im Alltag der Bürger, selbst in aufgeklärten, fortschrittlichen Kreisen. Im krassen Gegensatz zu Deutschland dröhnen die sozialen Netzwerke nicht mit Initiativen, Vorschlägen und Aktionen für die Integration der geflohenen Menschen oder für deren Unterstützung auf dem Weg nach Europa. In den Cafés von Paris, Marseille, Lyon oder anderswo hört man keine Gespräche über Geflüchtete oder Hilfsprojekte.

Die Anschläge vom 13. November und die Schockwelle, die sie ausgelöst haben, werden daran leider auch nichts ändern. Vielleicht wird der Blick auf die geflohenen Menschen sogar noch distanzierter oder, noch schlimmer, sich mit noch größerer Angst vermischen, da sich manche der Terroristen offenbar in der Menge der geflohenen Menschen verstecken konnten. Für viele meiner Landsleute hat sich die Situation durch die Entscheidung von Frau Merkel nochmals verschärft, die Grenze Anfang September zu öffnen, und keine Begrenzung bei der Aufnahme zu setzen. Viele sahen keine Verbindung zwischen den 130 Toten von Paris und den Opfern von Beirut und Ankara und viele bringen die Pariser Opfer überhaupt nicht mit den Menschen in Verbindung, die aus Syrien flüchten.

Flüchlingscamp, Calais, Frankreich, Oktober 2015. Foto: Christian Payne/Documentally

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Terror in Paris löste bei mir nicht nur einen Schock aus, sondern machte mir so klar wie noch nie, dass unser Handeln oder unsere Passivität Konsequenzen auf das Geschehen der Welt hat, dass wir uns nicht in unsere Komfortzone zurückziehen können, dass jede und jeder einen Beitrag leisten kann und sollte. Im Gegensatz dazu reden viele Franzosen lieber über Krieg und Bodentruppen in Syrien und rechtfertigen ihre Untätigkeit mit der Angst, dass Marine Le Pen, die Präsidentin der rechtsextremen Partei Front National, 2017 die nächste Präsidentin Frankreichs werden könnte.

Die unerträgliche Lage des “Dschungels” von Calais, eine Stadt an der nordfranzösischen Küste, wo etwa 6000 geflohene Menschen in Schlamm, Müll und katastrophalen Hygienezustände ausharren, in der Hoffnung nach England flüchten zu können, alarmierte die französische Öffentlichkeit nicht. Ende November wurde der französische Staat aufgrund einer Klage von Médecins du Monde, Secours catholique und Asylbewerbern, dazu verurteilt, die Bedingungen im Lager zu verbessern und die Minderjährigen in Obhut zu nehmen.

Flüchtlingscamp, Calais, Frankreich. Foto: Christian Payne/Documentally
Flüchtlingscamp, Calais, Frankreich, Oktober 2015. Foto: Christian Payne/Documentally

Immerhin haben sich seit Oktober ein paar Stimmen für einen anderen Umgang mit den geflohenen Menschen erhoben. Nur bleiben sie meist unerhört. Ende Oktober hatte ein Kollektiv von 800 Personen, darunter viele Intellektuelle, Künstler und Philosophen einen Appel in der Tageszeitung Libération veröffentlicht, um die Öffentlichkeit zu mobilisieren und konnte über 8000 Unterschriften sammeln.

Anfang Dezember haben 34 Autoren, darunter, Mathias Enard, Preisträger des Prix Goncourt 2015, ein Buch veröffentlicht, um die Flüchtlinge willkommen zu heißen. Empört über das Verhalten Frankreich gegenüber dem syrischen Drama, schreibt Mathias Enard darin, dass « wir die Hausmeister der Feigheit sind ». « Wir empfangen Niemanden. (…) « Wir sind stolz, Niemand zu sein”. Das Buch wurde noch nicht einmal in den großen Tageszeitungen wie Le Monde oder Le Figaro besprochen. Oft lese ich deutsche Artikel, die gern eine Parallele ziehen zwischen dem Erfolg der Afd und der Front National und die Nähe derer Programmatik. Bei all der Resonanz der Bewegungen wie Pegida, AfD, bei all der Kritik von CSU und Teilen der CDU gegenüber der Flüchtlingspolitik von Frau Merkel, zeigt sich trotzdem ein großer Teil der deutschen Gesellschaft weiterhin sehr solidarisch mit den vielen Menschen, die vor Krieg und Terror flüchten. Und damit ist auch die Stimmung hier in Deutschland meilenentfernt von der in Frankreich.