Die eigenen 14 Wände. Ein Refugium auf Zeit.

Notunterkünfte bieten keine Privatsphäre. Viele Neuangekommene müssen dort wochenlang verharren. Michelle Howards entwickelte für sie ein mobiles Zimmer aus Pappe.

von Annett Gröschner

Fourteen Walls. Photo: Michelle Howards
Fourteen Walls. Foto: Michelle Howards

Jeder Mensch, egal wo er sich aufhält auf der Welt, hat ein Recht auf Privatsphäre. Manchmal möchten wir die Tür zumachen, für uns sein, durchatmen, nachdenken, uns vor den Blicken anderer verbergen. Menschen auf der Flucht haben oft nicht die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.

Nicht auf der Reise und nicht in den Notunterkünften, die in Deutschland oft in großen Hallen eingerichtet sind. Meistens behelfen sich die Geflüchteten mit Bauzäunen oder Holzlatten, an denen Zelt- oder LKW-Planen befestigt sind, um sich eigene Räume zu schaffen.

Die Berliner Architektin Michelle Howard hat nun zusammen mit Benjamin Grabherr und Nikola Znaor eine mobile Behausung entwickelt und zur Serienreife gebracht, die ästhetisch anspruchsvoll und kinderleicht aufzubauen ist. Sie besteht aus 14 Pappwänden, die sich ohne jedes Werkzeug zu einem sechs Quadratmeter großen Zimmer falten lassen, das Privatsphäre schafft, ohne dunkel und abweisend zu sein.

Fourteen Walls. Photo: Michelle Howards
Fourteen Walls. Foto: Michelle Howards

Die weißen Wände laden ein, sie zu verändern. Kinder können die Außenwände bemalen, um ihr Zimmer wiederzufinden, mit Nadeln lassen sich Fotos oder Plakate an die Innenwände pinnen, die sich auch tapezieren oder anderweitig verschönern lassen.

An die umlaufenden Stricke können Kleiderbügel gehängt werden. Der Raum ist privat, aber keine Höhle. Durch die Schlitze am Boden lässt sich der Fußboden wischen, ohne dass die Pappe durch Kontakt mit Wasser aufweicht und die Konstruktion an Standfestigkeit verliert. Der Eingang wird mit einer Stoffbahn verhängt, die in verschiedenen Farben angeboten wird.

Fourteen Walls. Photo: Michelle Howards
Fourteen Walls. Foto: Michelle Howards

Der Raum bekommt Stabilität durch die Faltung und die oben und unten umlaufenden Seile. Sowohl die Pappen als auch die Kabelbinder, die Seile und der Vorhang entsprechen der Brandschutznorm.

Alle Materialien werden in einem Karton angeliefert und können zu Zweit oder zu mehreren im Handumdrehen und schneller als ein IKEA-Regal aufgebaut werden. So entsteht ein temporäres Refugium, das, wenn endlich ein besserer Ort, um zu bleiben gefunden ist, einfach wieder auseinandergefaltet werden kann. Die Konstruktion erlaubt es, mehrere Zimmer zu einer Familienwohnung oder Wohngemeinschaft zusammenzustellen.

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PS: Das Refugium auf Zeit eignet sich übrigens auch für Familien, die in Wohnungen leben, in denen nicht jedes Kind ein eigenes Zimmer hat. So lassen sich große Kinderzimmer teilen und jedes Kind bekommt einen Raum, in den es sich bei Bedarf zurückziehen kann.

Die Schablonen zum Anreißen und Zuschneiden der Wände und die Anleitung für den Bau stehen unter Creative Common Lizenz zur freien Verfügung.

Fourteen Walls. Photo: Michelle Howards
Fourteen Walls. Foto: Michelle Howards

Wir alle sind divers. Wir brauchen einander. Wir wollen uns auseinandersetzen. Deswegen sind wir entschieden: Wir machen das.