Schaut man sich die Welt an, darf Protest kein Sonderfall sein

Am 13. November stellte Meet your neighbours in München die Arbeit des Vereins Flüchtlingspaten Syrien vor. Heike Geißler war dabei. Ihr Bericht ist ein Plädoyer für mehr Mitgefühl und Solidarität. Und ein Aufruf zum Protest.

von Heike Geißler

Gesprächrunde bei Buch in der Au. Foto: Johannes Gerblinger
Die Gespräch bei Buch in der Au: Katja Huber, Ulrich Karpenstein, Elisabeth Reisbeck und Andi Unger. Foto: Johannes Gerblinger

Teil 1. Ich berichte über einen Abend der Reihe Meet your neighbours in der Münchener Buchhandlung Buch in der Au und es geht um Geld

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Ein Menschenleben, heißt es, ist unbezahlbar. Ulrich Karpenstein, Mitbegründer des Berliner Vereins Flüchtlingspaten Syrien e.V., bringt es am 13. November bei Meet your neighbours anders auf den Punkt: „Ein Kind zu retten, kostet 450 Euro pro Monat, das ist ein Freikauf aus dem Krieg. 450 Euro kostet ein Kind, 650 Euro ein Erwachsener, und sobald wir wieder monatlich 450 Euro zusammen haben, (was bedeutet, dass sich 45 Spender*innen finden, die monatlich 10 Euro überweisen) geht die Schranke auf, wir unterschreiben eine Bürgschaft, haben wieder ein Kind aus Aleppo rausgeholt.“

Ulrich Karpenstein erzählt, er selbst habe lange Zeit die Augen vor dem Krieg in Syrien verschlossen, der Verein sei entstanden, nachdem er von einem Bekannten gefragt worden sei, ob er nicht die Familie seiner Schwester „rausholen“ könne. Das Rausholen ist jedoch nicht leicht. Es funktioniert nur über die wenigen verbliebenen Landesaufnahmeprogramme für Syrer*innen und die sogenannte Verpflichtungserklärung, eine Bürgschaft, mit der man sich vor ein paar Jahren lebenslang, nunmehr noch für fünf Jahre verpflichtet, gegebenenfalls für den Lebensunterhalt der herausgeholten Syrer*innen zu sorgen. Insofern diese Wohngeld oder Hartz IV beantragen, haftet man gegenüber dem Staat, und die dabei entstehende Summe kann „eine ganze Menge sein.“ Fünf Jahre Bürgschaft bedeuten bis zu 60.000 Euro, mit denen man pro Person einsteht. Die Kosten für die Krankenkasse übernimmt der Staat.

Karpenstein selbst hat lange darüber nachgedacht, ob er diesem Bekannten helfen möchte, bis er sich schließlich dafür entschied, eine Verpflichtungserklärung zu unterschreiben. Um die Finanzlast der Bürgschaften zu teilen, kam später die Idee zur Vereinsgründung auf. Der Verein Flüchtlingspaten Syrien entstand in geselliger Runde am Küchentisch und ist mittlerweile fast eine kleine NGO. Der Verein sei eine Art Staat und wird dafür vom Staat gemocht. „Wir machen“, sagt Karpenstein, „es allen furchtbar recht.“ Die durch die Flüchtlingspaten Syrien e.V. nach Deutschland geholten Menschen kosten den Staat nichts, und weil der Alltag der Neuankömmlinge von privaten Lots*innen und Bürg*innen etc. begleitet wird, verläuft die Integration in der Regel schnell und reibungslos. Ein Service, den der Staat nicht offiziell, tatsächlich aber bereitwillig und dankbar nutzt und immerhin in Aussicht stellt, die Zeit der Bürgschaft von den aktuellen fünf Jahren vielleicht auf zwei zu reduzieren.

 Natürlich geht man, insofern man sich für die Verpflichtungserklärung, also die Bürgschaft, entscheidet, das Risiko ein, für jemanden zu haften, den man gar nicht kennt. Man rettet aber auch, darauf weist Karpenstein hin, „unmittelbar ein Menschenleben. Binnen weniger Tage bekommen die Menschen ihr humanitäres Visum und landen ohne ein Schlauchboot besteigen zu müssen, ohne die Schlepper zu brauchen, in Berlin.“

Voraussetzung um Bürg*in zu werden, ist ein monatliches Nettoeinkommen von ca. 2.100 Euro (die Höhe des benötigten Einkommens variiert von Bundesland zu Bundesland). Klar ist, dass letztlich eher Wohlhabende das Risiko der Bürgschaft tragen können. Wenngleich das Risiko gering ist, denn alle eventuell entstehenden Kosten werden aus den gespendeten Geldern finanziert und die Bürg*innen werden erst zahlungspflichtig, wenn der Verein schlagartig keine Gelder mehr haben sollte. Wer lieber spenden als direkt bürgen möchte, kann dies auch tun: Über Kleinspenden in Mindesthöhe von monatlich 10 Euro finanzieren die Flüchtlingspaten Syrien e.V. weitere Bürgschaften.

 

Bild von Ulrich Karpenstein, redend. Foto: Johannes Gerblinger
Der Berliner Rechtsanwalt Ulrich Karpenstein gründete die Flüchtlingspaten. Foto: Johannes Gerblinger

Das Konzept des Vereins sei nicht, Vielen wenig zu helfen, sondern Wenigen viel zu helfen, wobei, so fügt es Katja Huber hinzu, die den Abend gemeinsam mit Andi Unger moderiert, es Viele verdient hätten, viel Hilfe zu bekommen. 
Zu helfen, und zwar so konkret zu helfen, wie es Freiwillige auf den Rettungsschiffen im Mittelmeer, in Kriegsgebieten oder auch aus der sicheren Stadt Berlin heraus wie die Flüchtlingspaten e.V. tun, heißt, erfahren und wissen zu müssen, wem und folglich: wem nicht geholfen werden kann. 

Bei der Entscheidung darüber, wer durch die Flüchtlingspaten Syrien nach Deutschland ausreisen darf, wird der Verein wesentlich von der Stiftung Wissenschaft und Politik unterstützt. Diese haben genaue Informationen, können, wie Karpenstein sagt, abschätzen, „in welchem Straßenzug demnächst geschossen wird und wo die Überlebenschance geringer als an anderen Orten ist.“ Der Verein selbst führt Auswahlgespräche mit den hiesigen Angehörigen, prüft den Integrationswillen, die Integrationsaussichten. Eine zügige Integration ist immer das Ziel, wer über die Flüchtlingspaten nach Deutschland kommt, muss schnell mit einem Sprachkurs beginnen und wird bei der Arbeitssuche unterstützt. Syrer*innen, die sich selbst finanzieren können, ermöglichen, dass ein weiterer Mensch aus Syrien ausreisen und in Deutschland leben kann. Ulrich Karpenstein nennt dieses auf schnelle Integration, auf zügige Unabhängigkeit von den Flüchtlingspaten zielende Prinzip „sehr hart, sehr rational.“ Es höre sich, „sehr unmenschlich an, weil es so wirtschaftlich ist, weil es ans finanziell Eingemachte geht, aber dadurch wird es uns ermöglicht, Menschen rauszuholen, die sonst keine Chance hätten.“ Und er sagt auch: „Absagen zu schreiben ist das Härteste, was es in diesem Verein gibt, aber gleichwohl die notwendige Aufgabe.“

Derzeit kümmert sich der Verein um 221 Syrer*innen. Man hätte nie gedacht, dass es so viele werden, aber es könnten auch mehr sein, sagt Karpenstein. Der Geldfluss in Richtung der Flüchtlingspaten Syrien e.V. stagniert jedoch: „Wir trommeln und trommeln und trommeln, aber mehr als 110.000 Euro haben wir bisher nicht.“ Dieses Geld, das den Flüchtlingspaten monatlich zur Verfügung steht, reicht, um für 221 Menschen zu bürgen. Eine Frau aus dem Publikum sagt, sie erzähle allen Freund*innen regelmäßig von diesem Konzept, alle finden es gut, aber niemand entschließe sich zur Spende. 

Warum aber ist das so? Karpenstein verweist auf die Antwort eines Ministerpräsidenten, der das Landesaufnahmeprogramm in seinem Bundesland stoppte. Der Ministerpräsident sagte, es seien zu Viele. Zu viele Fremde in der Gesellschaft. Landesaufnahmeprogramme für Syrer*innen gibt es nur noch in Berlin-Brandenburg, Schleswig-Holstein, Thüringen und Hamburg. Vermutlich hat die Stagnation des Spendenflusses aber auch damit zu tun, dass die Hochzeit der Willkommenskultur längst vorbei ist, dass die Erregung über den Krieg in Syrien abgenommen hat; das ist die Konsolidierung des Außergewöhnlichen. Eben noch habe ich über die verhungernden Kinder im Jemen geweint, da explodiert eine Bombe in Kabul, und ich muss feststellen, davon nicht ergriffen zu sein. Ein ständiger worst case, ein worst case nach dem anderen. Wir brauchen das Neue, wir wollen vielleicht nicht denen helfen, die wir schon seit Jahren aus den Medien kennen. Offenbar. Immer muss eine neue Katastrophe unsere Spender*innenherzen erschüttern. Oder wir wollen die Garantie, dass unser Geld auch wirklich etwas bringt. Die sinnvolle Investition? Oder wir wollen unser Geld jetzt für uns behalten? Die überschaubare Investition? Ich weiß es nicht.

Karpenstein sagt: „Wenn wir Millionen hätten, könnten wir auch mehr rausholen. Wir sehen also tatsächlich, dass alles vom Geld abhängt.“ Das ist an sich eine schlechte Nachricht, und es ist keine neue. Aber natürlich ist es eine Nachricht, mit der man etwas Gutes anfangen kann.

Bild von einem Gespräch nach der Runde. In der Mitte Elisabeth Reisbeck. Foto: Johannes Gerblinger
Nach der Runde wurde weiter geprochen, in der Mitte Elisabeth Reisbeck. Foto: Johannes Gerblinger

Teil 2: Ich schweife ein bisschen ab und denke darüber nach, wie man sich nicht von seinesgleichen entsolidarisiert.

Ich sitze also an diesem 13. November bei Buch in der Au, sitze auf einem bequemen Sofa, mache mir Notizen. Ich sitze in der Buchhandlung, in der ich, als ich noch in München wohnte, immer meine Bücher gekauft habe. Mein Viertelbuchladen in Untergiesing. Wiedersehensfreude mit der Buchhändlerin Elisabeth Reisbeck. Ich genieße während der Veranstaltung das Sitzen im Buchladen, ich sitze da auch wie in meiner eigenen Vergangenheit, sitze wie in einer Möglichkeit, ich sitze so auf beste Art, neben meiner lieben Freundin Silke inmitten von Büchern, nach einem Treffen mit einer anderen Freundin im Wuid, das nur ein paar Eingänge weiter ist und montags das Bier zum halben Preis verkauft. Elisabeth Reisbeck sagt, ich sei überhaupt nicht älter geworden, was die willkommenere Variante des Brechtschen “Sie haben sich gar nicht verändert” ist, ich erwidere das und frage, wie es dem Buchladen geht. „Gut“, sagt sie, und damit hatte ich nicht gerechnet, weil man so selten hört, dass es Buchhandlungen gut geht. Ich freue mich, kaufe später Ein Gott ein Tier von Jérôme Ferrari und Mitbringsel für meine Kinder bei ihr, denke aber ansonsten und sowieso die ganze Zeit darüber nach, wie man mit einem Unterfangen durchkommt, wie man ein Anliegen durchsetzt, wie man es verständlich formuliert.

Wie kann es gelingen, dass wir aus der nachvollziehbaren Abschottung vor schrecklichen Bildern, vor ungeheuerlichen Nachrichten aus anderen Ländern, Meeren etc., vor den Appellen an unser Mitgefühl, unsere Verantwortung als Bewohner*innen derselben Erde keinen Rückzug machen, dass wir uns nicht in das eigene Private stürzen, diese kleine Welt, die friedlich zu halten ohne Frage auch eine Aufgabe, und keine unwichtige ist, die aber nun einmal zugleich aufs Engste und Bedrohlichste mit der großen Welt verbunden ist. Wie bleibt man verbunden, empfänglich und handlungsfähig?

Ich will mich nicht entsolidarisieren, das Mitgefühl nicht aufgeben und nicht das Wissen darum, dass auch ich in einem Krieg leben könnte, fliehen müsste, schlimmer noch: mit meinen Kindern fliehen müsste und der Hilfe Fremder bedürfen könnte.

Erst recht will ich mich nicht entsolidarisieren lassen, will den Staaten nicht so viel durchgehen lassen wie bisher, wie stets. Was ich immer wissen und den Regierungen so oder ähnlich vortragen können müsste, ist dies: „Ungewollte Nähe und ungewollte Kohabitation sind demnach Bedingungen unserer politischen Existenz, sie […] beinhalten die Verpflichtung, auf der Erde ein Gemeinwesen zu leben, welches Gleichheit für eine Bevölkerung schafft, die notwendig und irreversibel heterogen ist. Ungewollte Nähe und ungewählte Kohabitation bilden auch die Basis unserer Verpflichtung, keinen Teil der menschlichen Bevölkerung zu vernichten und Völkermord als Verbrechen gegen die Menschheit zu ächten, aber auch, von Institutionen zu fordern, sich darum zu bemühen, alles Leben gleichermaßen lebbar zu machen.“ (1)

Diese Regierungen, die, während ich mich frage, warum Posts von Sea Watch, die ich ab und an teile, eigentlich niemanden interessieren, und was ich tun kann, um mehr Leute dafür zu interessieren, teuflische Pläne schmieden und menschenfeindliche Verträge in Brüssel oder Berlin oder wo auch immer unterzeichnen, handeln nicht in meinem Sinne. Sie beschließen Verträge, die Menschenrechte außer Kraft setzen, Diktatoren mit Waffen versorgen, Geflohene aus dem Stadtbild entfernen, in Unterkünfte oder Lager zwingen, die sie verwaltbar, übersichtlich, unsichtbar machen.

Wir brauchen eine Schule der Solidarisierung. Eine Schule des Mitgefühls. Nicht nur des Mitgefühls für Geflohene, für alle. Wir brauchen auch einen stärkeren Protest, eine Protestroutine. Einen in den Alltag integrierbaren Protest. Schaut man sich die Welt an, darf der Protest kein Sonderfall sein.

Aber natürlich is es in etwa so wie in diesem Gedicht von Rod Smith:

We work too hard
We’re too tired
to fall in love.
Therefore we must
overthrow the government.


We work too hard
We’re too tired
to overthrow the government.
Therefore we must
fall in love.

Ich bin jetzt übrigens Patin geworden, habe mich entschieden, monatlich 10 Euro zu spenden. Erst wollte ich nicht, ich weiß auch nicht warum, vielleicht weil ich dachte, dass den Syrer*innenn eh schon alle helfen (und es dabei besser wusste), vielleicht weil ich es unfair fand, dass die Syrer*innen im Vergleich zu anderen Geflohenen ein besseres Ansehen genießen, dass es für Syrer*innen Landesaufnahmeprogramme gibt, für andere Geflohene jedoch nicht. Weil mir einfach nicht gefiel und nach wie vor nicht gefällt, dass selbst der Mensch in Not eine Lobby braucht, dass alle Offensichtlichkeit des Überlebenskampfes etc. nichts bedeuten kann, quasi trotz aller Sichtbarkeit und Medienpräsenz wie nicht geschehend wirken kann.

Jede Katastrophe braucht, so ist es wohl, ein gutes Exposé, um der karitativen Jury aus Medien, Bevölkerung und Regierungen Wohlwollen und Hilfe zu entlocken. Aber, wie gesagt, wenn noch 44 Leute mehr mitmachen, kann ein Kind nach Deutschland kommen. Simple Mathematik. Kein Tropfen auf den heißen Stein. Ein Menschenleben.

(1) Judith Butler: Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung, S. 152.