Ein Besuch in der Heimat

Afghanische Neuangekommene finden in einer Foto-Ausstellung eine unverhoffte Verbindung zu ihrer Vergangenheit.

von Priya Basil

Freundeskreis Willy-Brandt-Haus, Berlin 2015 © Holger Biermann
Ein Mädchen sichtlich berührt von der Fotografie ihrer Heimat; Freundeskreis Willy-Brandt-Haus, Berlin 2015 © Holger Biermann

„Ich wollte ihnen ein Stück Heimat geben.“ Das war die Idee hinter dem Ausflug, den Heike Steinweg für afghanische Neuangekommene zu einer Ausstellung mit Fotografien aus Afghanistan im Willy-Brandt-Haus in Berlin organisiert hatte. Sie nahm ein paar Broschüren mit in die Unterkunft am Fehrbelliner Platz, in der sie ehrenamtlich tätig ist, und bat einen der Farsi-Übersetzer zu erklären, worum es sich hier handelt. Die Reaktionen fielen positiv aus. Es konnte losgehen!

In der Woche darauf gingen Heike und ihre syrische Freundin Hend, die auch in dem Heim lebt, zu der Vernissage. Begleitet wurden sie von dreißig Afghanis, zwölf Frauen, drei Männern. Mehreren Babys und Dutzenden von Kindern – oder, gibt Heike zu, so fühlte es sich zumindest an, als sie in die U-Bahn stiegen. „Afghanische Frauen erscheinen mir ziemlich entspannt,“ sagt Heike. „Sie machen nicht viel Aufhebens um ihre Kinder und darum, Regeln durchzusetzen. Sie überlassen es den Kindern, ihre eigene Ordnung herzustellen. Normalerweise passen die Älteren auf die Jüngeren auf, und die Mutter mischt sich nur ein, wenn es ein echtes Problem gibt. Das ist, glaube ich, keine schlechte Lösung, wenn man viele Kinder hat.“ Trotzdem, es ist nicht ideal, wenn man gerade versucht, umzusteigen. „Ich hatte Angst, dass wir jemanden verlieren,“ sagt Heike. „Ich war so froh, dass Hend da war. Sie kennt nicht nur das Berliner U-Bahn-Netz schon besser als ich, sie war auch gut darin, alle beisammen zu halten.“

Man lernte sich immer noch kennen, als die Gruppe am Willy-Brandt-Haus ankam. Eine halbe Stunde lang hörten sie sich Reden an. Niemand sagte etwas auf Farsi, nicht einmal „Hallo“. Auch der afghanische Botschafter, der den Anteil seiner Landsmänner und -frauen mit Sicherheit bemerkt hatte, grüßte sie nicht.

Später schlossen sich die Neuangekommenen den anderen Besuchern an, und verteilten sich auf die zwei Ebenen der Ausstellung. In dem einen Stockwerk waren eine Serie von der Journalistin Lela Ahmadzai zu sehen, deren Fotos das Leben von vier Frauen in Kabul zeigten. In dem anderen sah man eine Sammlung von Fotografien mit dem Titel Beloved Afghanistan von Anja Niedringhaus, die bei ihrer Arbeit in dem Land ums Leben kam. Heike kann sich an kein einziges Bild der Ausstellung erinnern. Den bleibenden Eindruck an diesem Abend hinterließen ihre afghanischen Freunde, die von den Bildern aus ihrem Heimatland zu Tränen gerührt waren. Sie erinnert sich daran, wie ihre Freunde mit den Händen am Herz in der Ausstellung herumliefen, wie lange manche von ihnen vor den Video-Installationen saßen, und wie oft sie sagten – mit Tränen in den Augen – „Ich liebe mein Land.“

Die Kinder waren währenddessen damit beschäftigt, ihre eigene Ordnung herzustellen. Sie aßen Brezeln und waren glücklich über den Falafel-Turm, froh über die Abwechslung zum Essen im Heim. Sie rannten auf den zwei Stockwerken um die Wette und wechselten sich dann dabei ab, den Aufzug in Beschlag zu nehmen. Ein paar Besucher schenkten ihnen missbilligende Blicke, aber die Kinder waren begeistert. Heike hingegen hatte ein schlechtes Gewissen als sie sah, wie der Kurator Falafelstücke hinter ihren Schützlingen aufsammelte. „Es ist einfacher, sich Bilder von armen Kindern anzusehen, als sie um sich zu haben, wenn sie mit Essen werfen und so viel wie möglich essen …“ sagt Heike nachdenklich. Auf der anderen Seite fiel ihr auf, wie viele der Besucher die Kleinen eifrig mit ihren Telefonen fotografierten.

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Die afghanischen Kinder hatten viel Freude während der Ausstellungseröffnung. Berlin 2015; Freundeskreis Willy-Brandt-Haus, Berlin 2015 © Holger Biermann

Natürlich waren die Kinder durstig nach so viel Aufregung, aber die Getränke mussten bezahlt werden, und niemand hatte Geld. Also gingen sie zu den Toiletten, um Wasser zu trinken und sich die Hände zu waschen. Auf dem Weg zurück in die Unterkunft waren alle ruhiger. Die älteren Kinder warfen den Ratten in der U-Bahn die letzten Brezelstücke zu, während die müden Jüngeren sich an ihre Mütter klammerten, die nicht aufhören konnten, Heike zu umarmen und zu küssen. „Dankeschön,“ wiederholten die Erwachsenen immerzu. Und sie sagten es immer wieder, noch Wochen danach, jedes Mal, wenn sie Heike sahen.