Ein Buch, das Fragen beantwortet?

Was wäre, wenn man sich statt eines Buches eine Person in der Stadt- oder Universitätsbibliothek ausleihen könnte? Willkommen in der "Lebendigen Bibliothek", in der die Bücher Personen und die Seiten Unterhaltungen von Angesicht zu Angesicht sind.

von Asma Abidi

Amro Khalaf Alla aus dem Sudan, Wessal Youssef aus Palästina und Harutyun Voskanyan aus Armenien während der Buchmesse in Frankfurt am Main 2017. Foto: Kuhnle/Ifa

Das Konzept

Im „Weltempfang“, einem offenen Raum auf einem der vielen Flure der Frankfurter Buchmesse, waren Amro Khalaf Alla aus dem Sudan, Wessal Youssef aus Palästina und Harutyun Voskanyan aus Armenien Podiumsgäste einer vom Deutschen Institut für Auslandsbeziehungen e. V. (ifa) organisierten Veranstaltung. Die drei Gäste waren aus verschiedenen deutschen Städten angereist, um ihre Erfahrungen als „lebendige Bücher“ auf der Frankfurter Buchmesse zu teilen.

Die „Lebendige Bibliothek“ ist ein Projekt, das auf mündlicher Kommunikation beruht. Das Konzept ist schon vor Jahren in Dänemark angestoßen worden und hat sich über Europa und die Welt verbreitet. Wie in einer ganz normalen Bibliothek, wo der Leser sich für ein bestimmtes Buch interessiert, es für einige Zeit ausleiht und nach dem Lesen wieder zurückbringt, funktioniert im Grunde auch die „Lebendige Bibliothek“. Allerdings sind die Geschichten hier tatsächlich lebendig: es sind Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die zum Teil mit Vorurteilen, Stereotypen und sozialer Ausgrenzung konfrontiert sind. Das Projekt ermöglicht Begegnungen mit diesen Menschen und ihren unterschiedlichen Geschichten.

Foto: Kuhnle/Ifa

Die drei Teilnehmer Amr, Wessal und Harutyun haben eines gemeinsam: Sie kamen im Rahmen des CrossCulture-Praktikantenprogramms nach Deutschland, das den Dialog zwischen Deutschland und Ländern der so genannten Islamischen Welt und seit kurzem auch Ländern der „östlichen Partnerschaft“ fördert. Das Programm ermöglicht jungen Berufstätigen aus diesen Ländern, ein Praktikum in einer Institution in Deutschland zu absolvieren. In ihren Ländern sind sie meist Aktivist*innen, Journalist*innen, Forscher*innen oder Entwicklungshelfer*innen. Zu seinem hundertsten Jahrestag hat das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) zwischen April und Oktober eine „Kulturkaravane“ quer durch Deutschland organisiert „7 Städte – 7 Geschichten: Die CrossCulture Tour 2017″  hat in ganz Deutschland Beispiele des interkulturellen Dialogs vorgestellt. Mit einer Reihe von interaktiven Veranstaltungen haben die Programmveranstalter*innen zum Abbau bestehender Barrieren des transkulturellen Austauschs beigetragen. In diesem Rahmen organisierte die deutsche Partnerin Katharina Merz (Bonn) die Veranstaltung „Lebendige Bibliothek“. Sie soll Menschen einen Austausch ermöglichen, zu dem sie in ihrem täglichen Leben möglicherweise keine Gelegenheit finden.

Herausfordernde Vorurteile und Stereotypen

Katharina Merz hat eine Ausbildung in Sonderpädagogik und arbeitet zurzeit für eine Organisation, die sich auf freiwilligen Austausch spezialisiert hat, sowie in verschiedenen kulturellen Projekten.

„Ich habe viel über das Konzept der ‚Lebendigen Bibliothek‘ gelesen und recherchiert. Ich habe alle Organisatoren der ‚Lebendigen Bibliothek‘ angeschrieben und nach ihrem Konzept und den verschiedenen Erfahrungen gefragt.“

Katharina sieht in der „Lebendigen Bibliothek“ nicht nur ein interkulturelles Werkzeug, sondern auch ein Mittel, Menschen in einen Dialog zu bringen. Dies sei gerade jetzt entscheidend für Deutschland, da gegenwärtig immer mehr Stereotypisierungen anderer stattfinden und als faktische Tatsachen akzeptiert werden. „Die Erfahrung [der lebendigen Bibliothek] bietet eine Möglichkeit, Schluss damit zu machen, Menschen als homogene Gruppe zu sehen und sie als Individuen mit eigenen Narrativen, einer eigenen Geschichte, eigenen Lebensstilen und Lebenswegen zu akzeptieren“, fügt sie hinzu.

Amro Khalaf Alla stammt aus dem Sudan. Nach einem Forum mit einer Gruppe von Teilnehmer*innen wurde er „ausgeliehen“ und hat in einer Ecke der Buchmesse lange Gespräche geführt. Die Erfahrungen in diesem Projekt haben ihm neue Perspektiven eröffnet. „Es ist merkwürdig wie viele Menschen Afrika, diesen riesigen Kontinent mit so vielen Ländern und Kulturen, als ein Land sehen. Oft sagen sie: ‚Du kommst aus Afrika?’ Andere wiederum glauben, alle Afrikaner, die nach Deutschland kämen, seien Flüchtlinge.“ Und er erzählt weiter: „Die Erfahrung mit der ‚Lebendigen Bibliothek‘ hat meine Sicht auf viele Dinge verändert und mir die Augen für die allgemeinen Werte geöffnet, die wir alle als Menschen teilen. Wir machen uns alle Sorgen über den Klimawandel und über Kriege. Diese persönlichen Gespräche geben den Menschen die Möglichkeit, einen gemeinsamen Standpunkt zu finden und mit Stereotypen zu brechen.“

Foto: Kuhnle/Ifa

Wege zum Dialog

Dr. Eva Sodeik-Zecha, Direktorin des „CrossCulture Praktikantenprogramms“, war begeistert darüber, dass die Veranstaltung eine interaktive Dimension annahm. „Es ist interessant, dass diese innovativen Konzepte Menschen zusammenbringen konnten, um ihre Ansichten und Sichtweisen auszutauschen und gegen Stereotype zu kämpfen.“ „Eine Unterhaltung von Angesichts zu Angesicht garantiert eine authentische und persönliche Erfahrung“, fügt sie hinzu.

Das „CrossCulture Praktikantenprogramm“ hat das Leben vieler Teilnehmer*innen verändert, die aus Ländern kommen, in denen die Lebenssituation oft instabil oder prekär ist. Das Programm hat auch die aktive Dynamik der Praktikant*innen untereinander gefördert und ihnen geholfen, sich besser in die berufliche Arbeitswelt in Deutschland zu integrieren. Es hat aber auch den Deutschen, die in den Gastorganisationen arbeiten, frische Einsichten ermöglicht.