Ein Laut – Zwei Verbrechen

Januar 2016, die gleichen Laute haben ihn in Brüssel geweckt.

Illustration: Claudia Klein. München 2016. www.claudiaklein.net
Illustration: Claudia Klein. München 2016. www.claudiaklein.net

Damaskus 2012, Stunden sind vergangen seit dem letzten Laut des Todes. Aus der Nachbarschaft sind die Kinderstimmen verschwunden, seit sich die Toten mit geweiteten Pupillen verabschiedet haben. Bis zum Schluss war in den roten Umlaufbahnen die Angst vor der Stille zu sehen. Damals konnte er die Kammer nicht öffnen, weil sie von zwei Seiten unter Feuer stand. Im Moment des Bangens waren die Kugeln des Schmerzes unerklärlich, die das Herz einer Mutter trafen. Der väterliche Eid war längst gebrochen, für irgendwelche blutrünstigen Könige am Golf. Dann hörte der fünfzehnjährige Junge sie wieder, die Stimmen der Gefahr. Die Verbrecher standen an der Wand und warteten auf die Achtbaren. Schon lange wollten sie ihren Schmutz mit Unschuld reinwaschen. Wieder erreichten die Laute die kindlichen Ohrmuscheln. Diesmal, in der Morgendämmerung, verhießen sie den Tod anderer. Es war ein flatternder, böser Vogel, dessen Heimtücke das Zentrum der toten Stadt ermordete. Nie wieder soll er mit dem Blut unschuldiger Bürger belohnt werden. Die Wehrlose ist der Tribut, sie opfert ihre Ehre. Bis zum Morgengrauen wird sie im Chaos schmutziger Begierden untergehen.

Sie waren fertig, bevor sie erschrocken die aufgeregten Laute der siegreichen Nachbarschaft hörten. Die Verwundeten hatten den bösen Vogel ermordet, doch den siegestrunkenen Augen und Händen kam der Edelmut abhanden. Die Verbrecher waren noch nicht satt von den Seelen ihrer Kinder, und ihre Münder wollten die Länder des fragilen Staats verschlingen. Die Laute kamen wieder, um in dem Jungen eine gottlose Psyche zu erzeugen. Sie löschten die Klippen der Kindheit aus und warfen ihn ins Erwachsenendasein. Ein Schritt oder zwei, der Schrei einer Frau. Köpfe senkten sich, Kinder, die den letzten Atemzug ihrer vergewaltigten Mutter hörten. In den Ohren des Fünfzehnjährigen werden die Laute des Verbrechens niemals verklingen.

Januar 2016, die gleichen Laute haben ihn in Brüssel geweckt. Eine Masse von Geistern stieg bescheiden in den Zug, um eine Stunde der tödlichen Show zu erdulden. Nach drei Jahren der Härte erlebten seine Augen die Projektion eines anderen Verbrechens. Die Laute waren da, und Tränen fielen auf den Bürgersteig von Anderlecht. Im Gefängnis seiner Erinnerungen wird dem Jungen klar, der Schrei ist sein treuer Freund geworden und die Kammer ist für immer verschlossen.

Marwan Safarjalani (geb. 1997) verließ 2012 mit seiner Familie das umkämpfte Stadtviertel in Damaskus, in dem er aufgewachsen war. Er lebte in Ägypten und in der Türkei und ist jetzt Stipendiat im United World College in Mostar, in Bosnien-Herzegowina. Seine Familie ist inzwischen über Westeuropa verstreut; in Brüssel/Anderlecht lebt sein Bruder. Marwans Muttersprache ist arabisch, aber er schreibt auf englisch, und der englische Text wurde von Sophie Zeitz ins Deutsche übersetzt.