Ein offener Brief zu Integrationskursen

Unsere Autorin unterrichtet Integrationskurse und macht dabei viele positive Erfahrungen. Deshalb hat sie einen offenen Brief verfasst. Was genau dahinter steckt, erklärt sie im anschließenden Kurzinterview.

von Margaux Jeanne Erdmann

Gegendarstellung: Integrationskurse

Foto: Pixabay

Erfahrungsbericht einer Lehrkraft

 

Sehr geehrter pseudonymer Kollege,

mit Erschrecken las ich Ihren Erfahrungsbericht zu Ihrer Tätigkeit in Integrationskursen, den Sie auf einem rechtspopulistischen Blog veröffentlicht haben und aus dem Journalisten jetzt fröhlich zitieren. Dass Lehrkräfte generell unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Beruf machen, steht hier gar nicht zur Debatte. Aber dass eine Lehrkraft rechtspopulistische Foren nutzt, um pauschalisierend und skandalisierend berufliche Frustrationen abzubauen, ist absolut unverständlich.

Sie berichten von verschiedensten Problemen und herausfordernden Situationen in Ihrer Arbeit als Integrationskurslehrkraft und jede der von Ihnen geschilderten Situationen zeugt von einer großen Überforderung Ihrerseits. Jede Lehrkraft, egal welcher pädagogischen oder didaktischen Fachrichtung, kennt das Gefühl von Überforderung, Frustration und auch Wut und Enttäuschung.

Jede selbstreflektierte und kompetente Lehrkraft kann in diesen Situationen aber auch feststellen, dass dies die Herausforderung des Unterrichtens ist. Sich diesen Herausforderungen stellen zu können, ist eng geknüpft an die eigenen Kompetenzen und somit die eigene Ausbildung.

Und genau das ist der Punkt. Wir Integrationslehrkräfte sind unzureichend bis gar nicht ausgebildet. Viele Lehrkräfte mussten aufgrund des Lehrkräftemangels noch nicht mal eine Qualifizierung ablegen, um unterrichten zu dürfen. Häufig reicht es schon aus, nachweisen zu können, dass man Deutsch auf muttersprachlichem Niveau beherrscht, um unterrichten zu dürfen. Das führt zu sowohl pädagogisch als auch inhaltlich schlechtem Unterricht, dessen mindere Qualität die Kursteilnehmenden selbstverständlich bemerken und beklagen.

Die meisten Lehrkräfte sind meiner Erfahrung nach sehr engagiert, bemüht und motiviert, sich selber fortzubilden und in kollegialer Zusammenarbeit, sowohl pädagogische Methoden zu entwickeln, als auch inhaltliches Wissen zu vertiefen. Jede schwierige Unterrichtssituation wird als Herausforderung und Chance gesehen, die eigenen Kompetenzen zu verbessern. So sind an vielen Schulen innerhalb kürzester Zeit Lehrkräfte durch learning-by-doing und Autodidaktik hinzugekommen, die jede Lehrkraft mit langjähriger Erfahrung in ihrer Inkompetenz blass dastehen lassen.

Nämlich die Lehrkräfte, die ihre eigene Inkompetenz nicht erkennen wollen, und den Fehler vehement bei den Kursteilnehmenden suchen.

So wie Sie, verehrter Kollege.

Sie berichten pauschalisierend und skandalisierend von „unzumutbaren Zuständen” und Menschen, die „null Bock auf Integration“ hätten.

Diese Kursteilnehmenden, die Sie beschreiben, sind mir nicht begegnet. Ich unterrichte seit zwei Jahren bei einem der größten Kursträger der Region Braunschweig Integrationskurse und habe in der Zeit durch zahlreiche eigene Kurse, viele Vertretungen und Prüfungen mehrere hundert Migrant*innen unterrichtet und kennengelernt.

Natürlich gibt es auch in den Integrationskursen so wie in allen pädagogischen Bildungsangeboten die „Zuspätkommer“, die Teilnehmenden, die, aus welchen Gründen auch immer (viele davon sind sehr verständlich), die Hausaufgaben nicht machen, die, die Nebengespräche führen, die, die nicht zum Unterricht erscheinen etc.

Aber wie gesagt, ein Phänomen, dass sicherlich auch Lehrkräfte an staatlichen Schulen, Universitäten und bei anderen Bildungsanbietern kennen.

Das ist aber keinerlei Anzeichen für mangelnde „Integrationsmotivation“, die ständig bewiesen werden soll.

Wissen Sie, Ihre Pauschalisierungen überschreiben Lernanstrengungen, Lernerfolge, Motivationen, die die Arbeit als Integrationslehrkraft so sinnstiftend werden lassen.

Sie überschreiben mit Ihrer Horrorinszenierung, wie Kursteilnehmende kleine Überraschungsgeburtstagsfeiern für ihre Lehrkräfte organisieren, warmherzige Genesungswünsche in selbstgebastelten Grußkarten für erkrankte Lehrkräfte verfassen und beispielsweise – wie an unserer Schule am Thementag „Feminismus“ am vergangenen Frauentag – intensiv eine Ausstellung für die Schule erarbeiten und durchführen.

Sie überschreiben mit Ihrer aggressiven und unreflektierten Darstellung, wie wertvoll Integrationskurse für die Kursteilnehmenden sind, wie Kursteilnehmende den Lernprozess genießen, Lernen als Selbsterfahrung für sich entdecken und sich gegenseitig unterstützen und Hoffnung geben.

Ihre Darstellung hat mich allerdings in einer Sache bestätigt:

Wir brauchen bessere Lehrkräfte!

Wir brauchen eine viel bessere, intensivere Ausbildung der Lehrkräfte, die zum einen pädagogische und didaktische Kompetenzen und zum anderen rassismus- und sexismussensible Lehrkompetenzen vermittelt!

Wir brauchen Supervisionen und Beratungen, damit wir Lehrkräfte reflektiert und pädagogisch kompetent unsere Arbeit antreten!

Wir brauchen Pädagog*innen, die die Herkunftssprachen der Kursteilnehmenden beherrschen!

Wir brauchen eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte, damit die Arbeit für besser qualifiziertes Lehrpersonal reizvoll ist!

Was wir nicht brauchen, sind larmoyante Lehrkräfte, die aus einer vermeintlich professionellen und emischen Perspektive auf rechtspopulistischen Foren und darüber hinaus Ressentiments schüren!

Dass es sich bei Ihnen um einen der vielen nicht genügend ausgebildeten und unzureichend selbstreflektierten Lehrkräfte handelt, zeigt nicht nur Ihre Darstellung des Unterrichtsalltags, sondern auch Ihre Entscheidung ein rechtspopulistisches Forum als Sprachrohr zu wählen!

Herr Kollege, ich hoffe, Sie suchen sich Hilfe für Ihre pädagogische Weiterentwicklung oder wechseln den Job!

 

Beste Grüße

Margaux Jeanne Erdmann

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WiMD: Wie kam es dazu, dass du den offenen Brief verfasst hast?

Margaux Jeanne Erdmann: Neben meiner Arbeit als Integrationskurslehrkraft konzipiere und biete ich Fortbildungsangebote für Integrationskurslehrkräfte im Bereich Konflikt- und Kommunikationsmanagement an. Im Zuge meiner Recherchen, bin ich auch auf den „Erfahrungsbericht“ eines Berufskollegen auf einem rechtspopulistischen Blog gestoßen, der mich nicht nur schockiert, sondern wegen seiner undifferenzierten und unprofessionellen Darstellung von Konfliktsituationen im Integrationskursunterricht wütend gemacht hat. Die Tatsache, dass die Lehrkraft einen rechtspopulistischen Blog als Sprachrohr und Ventil für berufliche Frustration genutzt hat, ist für mich unverantwortlich.

Deshalb habe ich mich entschieden, diesen Offenen Brief als Gegendarstellung zu veröffentlichen.

 

WiMD: Wie bist du zu der Tätigkeit als Integrationskurslehrerin gekommen?

Margaux Jeanne Erdmann: Nach meinem Studium der Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie und Italianistik, sowie verschiedenen Tätigkeiten im Bereich des Kulturmanagements hatte ich das Bedürfnis, meinen beruflichen Fokus zu verlagern. Ich wollte gerne einen sozialen Beruf ergreifen, weil ich mir erhoffte, so eine Arbeit zu leisten, die gesellschaftlich und sozial, sowie kollektiv und individuell wirksam ist.

So habe ich mich u.a. auch als Integrationskurslehrkraft beworben. Nach einigen Monaten der Arbeit in den Kursen war für mich klar, dass ich mir keinen besseren Job für mich vorstellen könnte. Jeder Tag ist einzigartig, aufregend und erfüllend.

 

WiMD: Welche Erfahrungen aus diesen Kursen möchtest du gerne teilen?

Margaux Jeanne Erdmann: Ich denke, dass es wichtig ist, diese Frage auch an die Kursteilnehmenden zu richten. Die für mich als Lehrkraft wichtigste Erfahrung ist, dass die meisten Kursteilnehmenden die Kurse trotz immenser Anforderungen, die an sie gestellt werden, als empowernd wahrnehmen. Gesetzt denn, sie kommen in den Genuss gut geführter Kurse engagierter Lehrkräfte, die Lust an der Arbeit und dem Unterrichten haben. Das ist – wie mir von Kursteilnehmenden und auch Lehrkräften berichtet wurde – leider nicht immer der Fall. Bei einer intensiven Feedbackbefragung mit Kursteilnehmenden für meine Fortbildungen, erzählten mir viele Teilnehmende von ihren vielfältigen, positiven Erfahrungen. So lernten sie nicht nur einfache und wichtige Alltagsdialoge, die ihnen ermöglichten, wichtige (und das sind unzählige) Behördengänge selbstständig durchzuführen, sondern auch Beratungsangebote anzunehmen, und Kontakte zu knüpfen, die ihnen helfen, sich in Deutschland einen Alltag und ein Leben aufzubauen.

Eine Teilnehmende sagte mir lachend: „Ich sage immer zu mir, wenn ich Angst oder ein Problem habe: Ich habe Deutsch gelernt, dann schaffe ich das auch. Ich schaffe das! Das ist mein Lieblingssatz!“

Deshalb vertrete ich auch vehement die Auffassung, dass Integrationskurse nicht dazu dienen sollten, Migration zu steuern und zu kontrollieren, sondern empowernd Migration, Ankommen, Teilhabe und Teilhabechancen ermöglichen sollten! Und zwar ohne den Druck, dass der (erfolgreiche) Besuch des Integrationskurses an Bleiberechte gebunden ist. Denn das ist nicht nur inhuman, sondern sowohl pädagogisch als auch ökonomisch kontraproduktiv!

Menschen, die unter Existenzangst leiden, können nicht lernen!

WiMD: Was würdest du dir im Umgang mit Newcomer*innen von deinem Umfeld wünschen?

Margaux Jeanne Erdmann: Ich wünsche mir Unaufgeregtheit, Zuhören, mit menschlicher Selbstverständlichkeit höflich und emphatisch Geduld zu üben, Lust sich inspirieren zu lassen und einzutauchen in kulturell und individuell Anderes und Gleiches, Beisammensein zu genießen, sich gegenseitig zu schätzen, nicht alles auf Kultur und Herkunft zu reduzieren, sondern nur den Menschen zu sehen, sich einfach mal auf eine Tasse Kaffee oder Tee einladen und einladen lassen.

Außerdem halte ich es für wichtig und unabdingbar, dass Leichte Sprache endlich eine selbstverständlich genutzte Verkehrssprache in Deutschland wird – und zwar auch im Alltag, aber insbesondere in deutschen Behörden! Denn das würde den Alltag nicht nur für Deutschlernende vereinfachen, sondern auch bessere, selbstständige, gesellschaftliche Teilhabe für alle ermöglichen!

Margaux Jeanne Erdmann hat Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie und Italianistik in Göttingen und Florenz studiert.

Aktuell arbeitet sie als Integrationskurslehrkraft in Braunschweig und leitet Fortbildungen für Integrationskurslehrkräfte mit dem Schwerpunkt „Konflikt- und Kommunikationsmangament im Sprachlernunterricht“, „kreative Unterrichtsmethoden Kunst und Musik“ sowie „Prüfungsvorbereitung“.