Eine Busfahrt in Deutschland

Negin Zadeh erzählt im sechsten Teil unserer JIK puzzle Kolumne von Alltagsbegegnungen, die sie zum Nachdenken bringen. Sie fragt sich, wo sie dazu gehört, wenn sie in ihrer Heimat ausgegrenzt wird.

von Negin Zadeh

Illustration: Tuffix (2018)

10:52

Ich sitze am Hauptbahnhof und warte auf meinen Bus. Wo bleibt der nur? Ein weiterer Blick auf die Uhr.

10:53

„Hallo ein Euro für einen echten Obdachlosen?” Ich schrecke hoch und schaue einem komplett zugepiercten Mann ins Gesicht. Tut das nicht weh?“„Nein, tut mir leid, ich hab nichts.” Der Mann geht wortlos weiter. Ich schaue ihm zu wie er scheinbar fertig gerauchte Zigaretten vom Boden aufhebt, sie anzündet, ein paarmal zieht und sie dann wegschmeißt. Dann fragt er den Nächsten. Wieder kein Euro. Mühsames Leben.

Hinter mir wird diskutiert. Ich drehe mich um und schaue einem älteren scheinbar arabischen Paar ins Gesicht. Die alte Dame mit Blumengemustertem Kopftuch nickt mir zu. Kenne ich sie? Ganz sicher nicht. Ich lächle und schaue weg. Die Diskussion hinter mirendet.

10:55

Neben mir sitzen zwei Männer und halten Händchen.

Freiheit, denke ich. Sie denken bestimmt ich hab was gegen sie. Ich höre die Stimmen der Jungen aus meiner Uni im Kopf: „Homosexualität wird im Islam strikt abgelehnt, man kommt direkt in die Hölle”. Warum nehmen sie Gott die Entscheidung vorweg, denke ich. Muss jeder selbst wissen.

Die Linie 5 hält an meiner Bushaltestelle. Nicht mein Bus.

„Salam Alaikum”. Das blumengemusterte Kopftuch lächelt und grüßt mich. „Alaikum Salam”. Ich nicke freundlich in ihre Richtung. Sie steigt in den Bus.

10:56

Endlich, mein Bus. Ich steige ein und entscheide mich für den Vierer-Platz.

Oh nein. Nervosität überkommt mich. Von weitem erkenne ich die älteren Damen meiner Nachbarschaft. Ich schaue mich um. Mist, der Vierer neben mir ist besetzt. Sie kommen rein. „Ist nichts anderes frei, dann müssen wir halt da sitzen”.

Sie setzen sich mir gegenüber, beide Damen haben grau silbriges Haar, welches ordentlich gekämmt und gepflegt ist. Könnten Schwestern sein, denke ich. Beide tragen helle Steppjacken und machen alles in allem einen sehr freundlichen Eindruck. Doch schon oft wurde ich eines besseren belehrt.

Jetzt starren mich beide schon eine gefühlte Ewigkeit an. Ich werde noch nervöser und  krame in meiner Tasche um meinen Ipod zu suchen. Musik an Welt aus.

Denkste.

Das Gespräch beginnt. „Die bekommen alle Geld vom Staat und die Obdachlosen müssen gucken wo sie bleiben”. „Ja, Schande so was, die sollten die Grenzen mal langsam dicht machen. Das werden immer mehr.” Ich schaue aus dem Fenster. Bitte nicht jetzt. Bitte nicht schon wieder. Meine innerliche Unruhe bemerkt niemand. „Und dann sprechen die alle nicht nicht mal deutsch und bekommen trotzdem jede erdenkliche Betreuung.”

Zum Glück spreche ich deutsch, denke ich.

„Ja und dann sind die auch noch alle so verhüllt, da muss man ja Angst haben. Wer weiß was die alles unter ihren Gewändern verstecken”

Ein wenig Mut keimt in mir ,ich kann mir ein sarkastisches Lächeln nicht verkneifen und schaue den älteren Damen direkt ins Gesicht. Sie verstummen. Stille für einige Minuten. Gott sei dank.

11:11

Hatte ich es jemals schwer in Deutschland? Ich versuche krampfhaft mich an etwas schlechtes zu erinnern. Nein. Ich bin ja Deutsche. Eigentlich. Haben meine Brüder es schwer? Nein. Wir sind alle Deutsche. Mein Vater? Er stammt aus dem Iran und ganz bestimmt hatte er es das ein oder andere mal schwer, denn viele haben ihm das Leben schwer gemacht, aber auch er ist ja eigentlich Deutscher. So lange wie er schon hier ist.

Wie aus dem Nichts bricht eine der alten Damen das Schweigen.

„Die armen Mädchen werden alle dazu gezwungen Kopftuch zu tragen, sonst werden die ja alle geschlagen.”

Woher weiß sie das nur?

„Ja die können einem echt leid tun, aber was will man machen wenn die Religion denen das vorschreibt?”

Denen. Wer sind denn „denen”?

Ich denke nach und komme zu dem Schluss, dass unter meinen sehr guten Freunden vielleicht zwei Freundinnen Kopftuch tragen. Ob die gezwungen wurden? Niemals. Auch sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen und haben sich aus freien Stücken dazu entschieden.

Meine Mutter hatte nie ein Problem mit meinem Kopftuch obwohl sie Deutsche ist. „Undankbar sind sie auch noch! Bekommen so viel Geld und arbeiten nicht mal oder tun was Gutes für die Gesellschaft.”

Das sie sich nicht schämt ist mir ein Rätsel. Ich denke zurück an den Tag als sie neben mir an der Supermarkt Kasse stand und ihr Portemonnaie runter fiel. Mühsam habe ich jedes Centstück für sie gesucht und aufgehoben. Ein „Danke“ gab es nie.

„Ach dafür können die alle nichts, die Religion macht die dazu!”

Langsam wird mir schmerzlich bewusst, dass sich „deutsch fühlen“ und „deutsch sein“ unterscheiden. Ich fühle mich deutsch keine Frage. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, habe mein Abitur gemacht und besuche eine deutsche Universität. Doch jetzt trage ich schon seit einem Jahr Kopftuch. Mühsames Jahr, voller Hass und Ablehnung. Ein Leben in dem ich anscheinend nicht mehr deutsch bin.

11:33

Ich schaue den älteren Damen ins Gesicht und sehe deren Ablehnung. Mir fällt jetzt erst auf, dass auch Hass ein Gesicht hat. Bis vor einem Jahr war ich Deutsche, aber was bin ich seitdem? Mir wird langsam klar, dass ich keine Ahnung mehr habe wohin ich gehöre und was ich bin. Deutsch oder Deutsche darf ich ja anscheinend nicht mehr sein.

Schlimm, wenn andere Menschen sich dazu entscheiden, dir deine Heimat und dein Heimatgefühl einfach zu nehmen. Ohne zu fragen.

JIK puzzle

Begegnungen sind wichtig, denn sie zeigen, dass wir ohne Angst verschieden sein können. Deswegen treffen auf der Jungen Islam Konferenz jedes Jahr 40 junge Erwachsene unterschiedlichster Hintergründe aufeinander, um gemeinsam für Vielfalt einzustehen. Um ihre Erfahrungen auch über den Rahmen der JIK hinaus zu teilen, schreiben ehemalige Teilnehmer*innen in dieser Kolumne einmal monatlich über Begegnungen, die sie besonders geprägt haben. Diese Alltagsmomente zeigen wie vielfältig die junge Generation ist und wie unterschiedlich ihre Sicht auf die Welt. Aber eins ist allen Geschichten gemeinsam: Vielfalt ist gelebte Normalität der Generation „Postmigrantisch“.

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