Eine Erzähltour als Blickwechsel

querstadtein ist eine 2013 gegründete Initiative des Vereins Stadtansichten, die zwei Arten von Touren anbietet: „Geflüchtete zeigen ihr Berlin“ und „Obdachlose zeigen ihr Berlin“. Unsere Autorin war mit querstadtein zwei Stunden quer durch Neukölln unterwegs.

von Corinna von Bodisco

Foto: Katarzyna Mazur

An einem kalten, regnerischen Novembernachmittag mache ich mich zu einem Treffpunkt auf, der mir vorher von der Initiative „querstadtein – Berlin anders sehen“ per E-Mail zugesandt wurde. Unser Stadtführer ist der 21 Jahre junge Mohamad Khalil, der mich mit einem freundlichen Lächeln und Händedruck begrüßt. Außer uns beiden haben sich bereits elf weitere Menschen an der Straßenkreuzung eingefunden. Mohamad überprüft, wer schon da ist: „Frau Barbara, Herr Ralf?“ Gleich geht es los.

„Hallo! Ich bin Mohamad, Mohamad Khalil. Ich komme aus Syrien und auf meiner Tour werde ich erzählen, wie und warum ich nach Deutschland gekommen bin.“ Mohamad redet ruhig und sicher, dabei blickt er uns in die Augen. „Sie sprechen so wahnsinnig gut Deutsch, wie lange sind sie schon da?“, fragt eine Frau. „Seit zwei Jahren und zwei Monaten.“ Wir erfahren auch, dass er an der TU Berlin Maschinenbau studieren möchte und schon Veranstaltungen als Gasthörer besucht. Um sich an der Uni bewerben zu können, muss er aber noch eine schriftliche Sprachprüfung ablegen. Uns erwartet heute keine Stadttour, bei der Funktion und Historie von Gebäuden erklärt werden, sondern Mohamad wird Ereignisse aus seinem Leben erzählen. Welche Rolle dabei wohl das Neuköllner Umfeld und dessen Orte spielen werden?

Wir laufen los und ich frage zwei Frauen – Renée und Elisabeth – wie sie von der Tour erfahren haben. „Renée hat in der Zeitung einen Artikel über querstadtein gelesen“, meint Elisabeth. Sie möchten Berlin aus einer anderen Perspektive sehen, aus der Sicht jener Menschen, die neu hierhergekommen sind. Eine Stadttour als Blickwechsel, der nur im direkten Kontakt mit Neuangekommenen gelingt. Ob Elisabeth Menschen mit Fluchterfahrung kennt? „Nicht im engen Bekanntenkreis, wobei… meine Eltern sind nach dem Krieg aus Schlesien geflohen, daher begleitet mich das Thema Flucht seit meiner Kindheit.“

Foto: Katarzyna Mazur

Mohamad biegt in eine Nebenstraße ein, bleibt stehen und zieht einige laminierte Landkarten aus seiner Stofftasche hervor. „Ich habe eine Frage an euch. Wo leben die meisten Kurden?“ „In der Türkei?“, so eine Teilnehmerin. „Wo noch?“ Das Fragespiel erinnert ein wenig an Schulunterricht – links hinter uns befindet sich ein Gymnasium. Es dauert einen kurzen Moment, bis wir die anderen Antworten erraten: Syrien, Irak, Iran, Europa. Mohamads Familie ist in Aleppo geboren, „aber wir stammen aus Afrin.“ Die Stadt Afrin nahe Aleppo befindet sich in einem der drei kurdischen Kantone in Syrien. Sie sind de facto autonom verwaltet, einen eigenen Staat haben die Kurd*innen nicht. Mohamad ist also Kurde und spricht sowohl Kurdisch als auch Arabisch.

Nach einem kurzen Fußweg bleibt Mohamad vor einem Café stehen. „Kurz nach meiner Ankunft bekam ich hier von einem ehrenamtlich tätigen Rechtsanwalt Hilfe: zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen.“ Vor zwei Jahren war das Café ein kurdischer Verein. „Mein Onkel arbeitete hier als Dolmetscher und ich dann später auch. Als ich besser Deutsch sprach, wollte ich gerne etwas Hilfe zurückgeben.“ Die Mieten seien gestiegen und der Verein umgezogen: „Alle wollen plötzlich nach Neukölln ziehen.“, seufzt Mohamad.

Die höhere Miete hat auch unsere nächste Station – eine türkische Moschee – aus einem Hinterhof der Karl-Marx-Straße verdrängt. Neben der Wohnung seiner in Berlin-Neukölln lebenden Tante und seinem Onkel, war dies der erste Ort, den Mohamad in Berlin mochte. Sogar übernachten konnte man hier und im Erdgeschoss spielte er oft Billard. „Jetzt ist gar nichts mehr drin?“, fragt eine Mitspaziergängerin. „Ich weiß nicht, was es wird – gerade ist es eine Baustelle.“

Foto: Katarzyna Mazur

Gegenüber treten wir kurz danach in das syrische Restaurant „Shaam“ ein und probieren echte syrische Falafel: zu erkennen am Loch in der Mitte. „Wisst ihr was mein Lieblingsgericht ist?“ Mohamad zeigt uns ein Foto auf einer weiteren laminierten Karte. Sieht aus wie Spinat, ist aber keiner. Die Gemüsepflanze heißt Mlouchya und wird häufig mit Reis und Lammfleisch gegessen. „Sehr lecker!“, versichert unser Tourguide.

Wie ist Mohamad nach Deutschland gekommen? Darüber berichtet er in einer Seitenbucht der großen Neuköllner Einkaufsstraße. Nach einer Morddrohung floh er zuallererst zu seinem Bruder nach Istanbul. Die Arbeitsbedingungen in einer Textilfabrik waren so schlimm, dass beide nach der 12-stündigen Schicht immer Döner aßen. „Aus Müdigkeit.“ Wir blicken auf einen Kebab-Laden gegenüber. Die Verbindung des urbanen Raums mit Mohamads Geschichte ist hier wie bei einigen anderen Stationen eher lose: sie entsteht erst durch die Vorstellungskraft der Teilnehmer*innen.

Mohamad entschied sich 2015 für eine Schlauchboot-Überfahrt von Izmit nach Griechenland. Die Organisator*innen kassierten das Geld, zeigten wie das Boot gesteuert werden kann und verschwanden. Insgesamt 55 Menschen auf einem sieben Meter Schlauchboot. Wie soll das gehen? frage ich mich später bei der Recherche. Ein vier Meter Boot ist maximal für sechs Personen ausgelegt. Der Motor ging drei Mal kaputt. „In dieser Situation hat man keine Hoffnung mehr.“ Alle Teilnehmer*innen der Tour sind nun still, es ist kalt, wir stehen seit zehn Minuten am gleichen Fleck. Wie kalt wäre uns nun, harrten wir viereinhalb Stunden auf offener See aus? „Ich hatte Glück.“ Mohamad schlief auf dem Boot ein und erwachte erst wieder, als sie in Griechenland auf Grund stießen.

„Hast du schon einmal die andere querstadtein-Tour gemacht?“, frage ich Mohamad beim Weitergehen. „Noch nicht, aber ich interessiere mich sehr dafür – es gibt so viele obdachlose Menschen in Berlin. Ich möchte gerne mehr von ihnen erfahren.“ Für die Teilnehmer*innen der heutigen Tour ist das sicher ähnlich. Im persönlichen Kontakt mit den obdachlosen oder geflüchteten Menschen  entsteht eine neue Verbindung, – es werden Blicke und Sichtweisen gewechselt. „Deswegen liebe ich das querstadtein-Projekt. Es gibt uns die Gelegenheit, Menschen kennenzulernen, ihnen einen Einblick in unsere Erfahrungen zu geben und die Bilder der Medien zu ergänzen oder sie zurecht zu rücken.“, erklärt Mohamad.

Foto: Katarzyna Mazur

Unsere letzte Station ist die Sonnenallee, für viele Menschen aus dem arabischen Raum eine sehr besondere Straße. „Die Sonnenallee erinnert mich immer an Aleppo. Beide Städte – Berlin und Aleppo – waren einmal geteilt.“ Wir probieren uns im Lesen auf Arabisch aus: Café, Frisör, Kneipe. Das könnte ich auch mal im Alltag üben. „Umkalthum“, ein häufiger Name von Shisha-Lounges stammt beispielsweise von einer sehr bekannten ägyptischen Sängerin („Umm Kulthum“), die vor allem abends gehört wird. Mit ihrer Musik verabschieden wir uns und wünschen Mohamad für seine Sprachprüfung alles Gute.

Zuhause lese ich in einem kurdischen Sprachführer: „Kurd*innen reden sich untereinander normalerweise mit dem Vornamen an. Es gibt keine Anrede, die dem deutschen ‚Frau’ oder ‚Herr’ entspricht. Jetzt verstehe ich, Herr Mohamad. Danke für die gemeinsame Erzähltour, die selbst bei langjährigen Neuköllner*innen einen Blickwechsel bewirkt.