Eis brechen

Ich versuchte, die Atmosphäre bei jenem Arbeitstreffen aufzulockern. Ich sagte zu ihr: „Verstehe, ich bringe syrische Musik mit und du Rammstein.“

von Rasha Abbas

Die Autorin und Journalistin Rasha Abbas. Foto:
Die syrische Autorin und Journalistin Rasha Abbas. Berlin 2015. Foto: privat

Kein Zweifel, die Globalisierung hat die Kommunikation zwischen den Menschen erschwert. Damals, als sich der Gesprächseinstieg mit Fremden noch ums Wetter oder um ein aktuelles Ereignis irgendwo auf der Welt oder um Hausmittel zur Behandlung von Brandwunden oder Grippe drehte, funktionierte die Kommunikation zwischen Menschen noch viel besser. Denn diese Art Gesprächsthemen lassen einem gar keine Gelegenheit, ins Reden zu kommen und dabei womöglich auf Glatteis zu geraten und die andere Person zu kränken, noch haben bei solchen Smalltalk-Themen die eigene Dummheit oder der eigene beschissene Humor eine Chance, sich zu offenbaren.

Zweifellos ist der Standard der zwischenmenschlichen Kommunikation erheblich gesunken, seit es üblich geworden ist, dass Leute aus verschiedenen Ländern zusammenkommen. Denn jeder, der das Eis im Gespräch mit einer Person aus einem fremden Land brechen will, ist der Meinung, dass das beste Mittel dafür sei, belanglose Allgemeinplätze über das jeweilige Land loszuwerden.

Das ist natürlich der kürzeste Weg, sich jegliche Chance zu verspielen, eine gute Beziehung zu der Person aufzubauen, mit der man gerade ins Gespräch zu kommen versucht.

Ich erinnere mich an die Geschichte eines Freundes. In den ersten Wochen seines Auslandsstudiums traf er einmal zufällig eine irische Kommilitonin in der U-Bahn. Er ist kein sonderlich geselliger Typ, deshalb wusste er zuerst nicht recht, worüber er sich mit dem Mädchen unterhalten sollte. Er versuchte, sich krampfhaft alles, was er über Irland wusste, ins Gedächtnis zu rufen, was am Ende dazu führte, dass er ihr gegenüber folgendes Schmuckstück formulierte: „Ich liebe die IRA!“ Mir sind keine Einzelheiten darüber bekannt, wie das genaue Ende dieses Kommunikationsversuchs verlief. Was ich aber sicher weiß, ist, dass sich dieses Mädchen nicht mehr unter seinen Freunden befindet.

Es kann aber durchaus noch schlimmer laufen, nämlich wenn du zusätzlich versuchst, dieser ganzen Katastrophe noch eine Prise Humor hinzuzufügen. Es reicht nicht, dass du alles auf eine an sich schon äußerst bedenkliche soziale Praxis gesetzt hast, noch dazu bist du dir des Unterschieds im Humor zwischen den beiden Kulturen nicht bewusst. So habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit versucht, mit einem koreanischen Studenten zu sprechen, der mit mir den Sprachkurs besucht. Ich wollte ihn mit meiner Witzigkeit beeindrucken, während wir uns über Nord- und Südkorea unterhielten, indem ich ihm sagte: „Man kann von Glück sprechen, dass Kim Jong Un kein großer Kinoliebhaber ist. Immerhin werdet ihr jetzt nicht mehr so oft nach Nordkorea entführt.“ Die Technik, die jener Koreaner zum Verschwinden benutzte, ist mir nach wie vor unbekannt. War es ein Ninja-Trick? Denn innerhalb eines Sekundenbruchteils war er aus dem Raum verschwunden und hatte mich in einer äußerst peinlichen Lage mit den irritierten Blicken der anderen Leute im Raum allein gelassen. Übrigens bin ich sehr froh, dass wir jetzt darüber sprechen. Und wo wir schon einmal dabei sind, an dieser Stelle hätte ich ein ernstes Wörtchen zu sagen an diejenigen, die jedes Mal wenn arabische und israelische
Personen an einem Ort zusammentreffen, den Scherz wiederholen: „Bitte bringt euch nicht um!“ Ich bitte euch. Dieser Witz ist mittlerweile uralt und hat keinerlei Effekt, außer dass er die Stimmung in der Runde vergiftet.

Ich komme jetzt auf Deutschland zu sprechen – und zu Deutschland gibt es natürlich viel zu erzählen: Womöglich kennen ja viele bereits jenes merkwürdige Phänomen, das dann auftritt, wenn Araber und Deutsche versuchen, miteinander zu kommunizieren und das Eis zu brechen. Um es besser einzugrenzen: Was könnte wohl das erste Gesprächsthema sein, das einem Araber in den Sinn kommt, wenn er zum ersten Mal in seinem Leben einem Deutschen begegnet? Was jetzt kommt, ist in der Tat ein ziemlich alter Hut, beziehungsweise entstammt er noch jener Zeit, bevor Deutschland selbst zur Heimat vieler Araber wurde, die es somit aus der Nähe kennenlernen konnten.

Okay. Da dieser Abschnitt etwas peinlich zu werden droht, möchte ich Sie ein wenig darauf vorbereiten. Ein Großteil der Araber, die, sagen wir es einmal so, nicht mitverfolgt haben, wie sich die Dinge in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt haben, haben eine etwas falsche Vorstellung davon, wie man einem Deutschen Komplimente macht und dafür sorgt, dass er sich zu Hause fühlt. Vielleicht ahnen Sie an dieser Stelle bereits, was ich sagen will. Genau. Es hat etwas mit jenem Mann zu tun, dessen Namen wir nicht nennen wollen. Sie wissen schon: der Mann mit dem Schnauzbart und dem gestörten Verhältnis zur Bildenden Kunst. Nein, nein. Nicht Salvador Dalí.

Es mag für einige kaum zu glauben sein, aber vor nicht allzu langer Zeit war es etwas sehr Übliches, dass ein deutscher Tourist in einem arabischen Land von Einheimischen begrüßt wurde mit: „Oh, Deutschland? Good, good! Hitler so good! Nice man.“ Die Interpretation, dass Hitler und jener Einheimische eben, sagen wir, gemeinsame Feinde oder so ähnlich haben, liegt zwar nahe, aber stimmt nicht unbedingt. Alles, was der Einheimische da versucht, ist, in seinem Gedächtnis irgendetwas berühmtes Deutsches zu finden, und in diesem Sinne steht für ihn Hitler in einer ähnlichen Beziehung zu Deutschland wie die Pyramiden von Gizeh zu Ägypten oder die Chinesische Mauer zu China.

Dabei ist er im Glauben, gerade die Brücke des Vertrauens zwischen ihm und jenem Deutschen geschlagen zu haben, indem er dem Deutschen auf diese Weise versichert, dass er sehr wohl darüber im Bilde ist, wofür sein Land berühmt ist. Bestimmt können Sie sich die totale Fassungslosigkeit jenes Touristen vorstellen, der nicht in der Lage ist auszumachen, ob das jetzt ein Witz ist oder doch ernst gemeint oder gar zeitgenössische Kunst.

Auch wenn dieses Phänomen in der arabischen Welt heutzutage zum Glück so gut wie ausgestorben ist, bedeutet das nicht, dass es nicht auch heute viele andere Fettnäpfchen gibt, die für uns bei unseren Kommunikationsanläufen mit Deutschen bereitstehen, mit einer schmerzhaften Prise einer Komödie vom Kampf der Kulturen.
Beispielweise war da dieses Arbeitsmeeting, auf dem ich war. Wir waren dabei, ein Abendessen zu planen, das gleichzeitig ein Brainstorming für ein neues Projekt werden sollte. Die deutsche Teilnehmerin schlug vor, jeder von uns solle zum Abendessen ein Gericht und Musik aus seinem jeweiligen Land mitbringen. Erklärend sagte sie zu mir: „Beispielsweise du, du könntest syrisches Essen und Musik mitbringen und ich bringe ein deutsches Gericht und deutsche Musik mit.“ An dieser Stelle beging ich einen Fehler, für den ich noch heute in meinem Arbeitsleben zahle: Ich versuchte, die Atmosphäre bei jenem Arbeitstreffen aufzulockern. Ich sagte zu ihr: „Verstehe, ich bringe syrische Musik mit und du Rammstein.“

Na gut, sagen wir es so: Sie fand es nicht sonderlich witzig. Ich hatte sogar ein bisschen den Eindruck, als sei sie sauer, als sie mir in scharfem, vorwurfsvollem Ton sagte: „Deutsche Musik ist nicht nur Rammstein“, bevor sie beleidigt davonstapfte. Vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass ich danach nie wieder etwas von ihr gehört habe, noch weiß, was aus jenem Projekt geworden ist. Ich hoffe, dass alles für alle bestens läuft.

Ich habe mir viele Vorwürfe gemacht für diesen Fehler. Vor allem, da mich ja eigentlich schon einmal eine meiner deutschen Freundinnen bei einer Veranstaltung, auf der wir gemeinsam waren, beiseite genommen hatte, um mich zu warnen, nicht vor allen Leuten herumzuerzählen, dass ich Deutsch anhand von Rammstein-Songs lerne, die ja oft einen recht einfachen Satzbau haben wie: „Du, du hasst … Du hasst mich“, aber gleichzeitig auch voller Lebensweisheiten sind, zum Beispiel, dass Größe nicht das Wichtigste ist, wie ich vom Lied „Pussy“ gelernt habe.

Meine Freundin hielt mir eine feministische Standpauke. Sie sagte, das Narrativ der Band ähnele dem Narrativ eines Vergewaltigers seinem Opfer gegenüber. Das war mir so gar nicht aufgefallen. Ich vermute, mein großer Enthusiasmus beim Deutschlernen hat mich dafür blind gemacht.

Letztendlich muss Deutschland sich womöglich wie jedes andere Land auf der Welt eben damit abfinden, dass es auch Allgemeinplätzen zum Opfer fällt, die nun einmal in der Welt dominieren, und dass viele Leute diese Klischees für bare Münze nehmen werden. Etwa dass der Deutsche eine Art arbeitssüchtige Maschine ist oder dass ein Deutscher, sobald er morgens seine Augen öffnet, ununterbrochen Bier in sich hineinschüttet und dazu Würstchen isst.

Rasha Abbas ist eine syrische Journalistin und Autorin. Sie lebt derzeit in Berlin. In Rasha Abbas’ Kurzgeschichten trifft der Alltagstrott auf Absurdistan. Sie verwebt die stinknormalen Erfahrungen des Einlebens in Berlin beim Asylantrag, im Jobcenter, beim Sprachkurs, zwischen Künstler-Inflation und Hipster-Invasion gekonnt mit anderen Genres: Slapstick, Zombiefilm, Cartoon, Computerspiel. Bewaffnet mit einer Narrenkappe erzählt sie die Wahrheit über „uns Deutsche“, aber auch über „die Flüchtlinge“.

Rashas Kurzgeschichten-Band: Die Erfindung der deutschen Grammatik ist am 08. März im Berliner Verlag Mikrotext als ebook erschienen und wird demnächst auch gedruckt im Orlanda Verlag erhältlich sein.