Erst wenn es meinem Land wieder gut geht, wird es auch mir wieder gut gehen

Haya war 11 Jahre alt, als der Krieg in Aleppo ausbrach. Was bedeutet es, in diesen Zeiten aufzuwachsen? Kann man unter diesen Umständen Kind sein? Haya erzählt, wie sie die Jahre des Krieges erlebt hat und wie stark der Zustand ihrer Heimat mit ihrem eigenen seelischen Wohlergehen verknüpft ist.

von Haya Hafez

Text_VS_IMG_HAYA
Selbstporträt von Haya Hafez auf einer Schulparty in Deutschland. Berlin 2016. Foto: Privat

Mein Name ist Haya. Ich habe einen Krieg erlebt, der keine Gnade kannte. Ich werde Euch erzählen, was meine Seele durchstehen musste.

Der Krieg hat einen anderen Menschen aus mir gemacht. Ich bin sehr schnell erwachsen geworden. Die Zeit verging wie im Flug. Jeder Tag wurde zu einer einzigen Stunde und jede einzelne dieser Stunden glich der anderen. Jedes Jahr wartete ich auf das kommende und mir war nicht bewusst, dass diese Jahre zu meinem Leben zählen würden. Ich habe vergessen zu leben. Alle haben sich verändert. Das Haar meines Vaters ist ergraut und meine Mutter ist zu einer alten Frau geworden. Mein älterer Bruder war plötzlich ein Mann. Der Krieg stiehlt uns die schönsten Momente.

Wie grausam und fürchterlich das Wort „Krieg” ist. Es trägt eine Bedeutung, die so viel größer ist als diese fünf Buchstaben.

Ich bin noch immer ein Teenager, aber ich habe Dinge erleben und lernen müssen, die andere Jugendliche in meinem Alter niemals kennengelernt haben. Ich wurde stark, als ich Wasser nach Hause getragen habe, nachdem wir keines mehr hatten. Ich wurde mutig, als ich zur Schule ging, während Bomben und Raketen auf uns niedergingen. Ich wurde genügsam, als ich mir ein Stück Kleidung wünschte, das ich nicht kaufen konnte.

Ich habe gelernt, dass der Glaube Berge versetzen kann, als ich die neunte Klasse bei Kerzenschein bestand. Ich habe gelernt, den Wert des Lebens zu schätzen und wie sehr die Menschen sich vor dem Verlust des Lebens ängstigen: Sobald geschossen wird, verstecken sich alle. Ich habe gelernt, dass sich Verlust nicht nur auf materielle Dinge wie Geld bezieht, sondern auch darauf, dass ein Junge seinen Bruder verliert oder eine Mutter ihren Sohn. Ich habe gelernt, dass Entbehrung nicht einfach bedeutet, dass ich nicht das neueste Handy besitze oder die modernste Kleidung, sondern dass eine Familie entbehrt, wenn sie nicht in der Lage ist, einen Laib Brot zu kaufen. Und wie oft habe ich Dinge gesehen, die nicht jeder kennt: Ich habe einen Mann weinen sehen, weil er nicht genug Geld hatte, um seine Familie zu ernähren. Ich habe Kinder gesehen, die ohne ihre Mütter verloren waren. Ich habe Blut gesehen, Trauer und Tränen.

Und nach Monaten und Tagen, die der Krieg andauerte und wir weiterlernten und weiterlitten, begann ich plötzlich, mich an den Krieg zu gewöhnen. Alles begann natürlich zu wirken und ich verstand, dass der Krieg zu einem Teil meines Lebens geworden war. Wie grausam es ist, sich daran zu gewöhnen, Blut zu sehen und Zeuge von Gewalt zu werden; wie schmerzhaft es für ein Herz ist, zu Stein zu werden und für Gefühle, einfach zu verschwinden. Jeden Tag mehr Tote, jeden Tag mehr Zerstörung. Jeder Tag ist wie ein neuer Schock, mit weiterem menschlichen und materiellem Verlust. Die Opfer wurden zu schieren Zahlen: zwanzig, dreißig oder vierzig. Der Tod verlor seine Bedeutung und alles Menschliche wurde zunichte gemacht.

Diese Worte stehen nicht nur für mich, sondern für meine ganze Generation. Dieses Leid ist nicht nur mein eigenes, sondern jedermanns. Wie sehr ich mir den Tag herbeisehne, an dem es meinem Land wieder gut geht. Wenn es meinem Land wieder gut geht, wird es auch mir wieder gut gehen.

Haya.

Haya Hafez, geb. 2000, ist in Aleppo aufgewachsen und zur Schule gegangen. Im Dezember 2015 konnte sie durch den Verein Flüchtlingspaten Syrien e.V. mit ihren Eltern und Geschwistern legal nach Deutschland ausreisen. Sie hat in Berlin zunächst eine Willkommensklasse besucht, jetzt geht sie regulär in eine 10. Klasse und will Abitur machen.

Aus dem Englischen: Julia Dösch