Fatimeh und ich

Fatimeh lernt kein Deutsch - und ich komme an meine Grenzen. Eine Helferin aus Bayern erzählt.

von Astrid K.

Various & Gould, Siebdruck-Collage, Berlin 2016
Various & Gould, Siebdruck-Collage, Berlin 2016

Seit September 2015 helfe ich ein bis zweimal pro Woche ehrenamtlich im örtlichen Flüchtlingszelt. Rund 20 Familien wohnen hier in dem oberbayerischen Ort in einer überdachten und beheizten Zeltstadt, die aus einem großen Mittelzelt sowie fünf Nebenzelten und angrenzenden Containern aus Küchen und sanitären Einrichtungen besteht. Jedes Nebenzelt beherbergt drei Familien, die sich auf engstem Raum arrangieren müssen. Privatsphäre gibt es keine, notdürftige Vorhangkonstruktionen bieten zwar Blickschutz – doch hören kann man alles. Viele der Menschen klagen über Kopfschmerzen, wahrscheinlich weil das permanente Heizungsgebläse über ihren Köpfen Nasen und Schleimhäute austrocknet. Die afghanische Familie, die ich betreue, ist menschlich ganz großartig und eine Bereicherung für mein Leben, aber sie kostet mich auch ziemliche Nerven. Wenn ich dann genervt bin, fühle ich mich sofort ungerecht und anmaßend, weil dieses Gefühl einfach nicht zu meiner Hilfsbereitschaft passen will.

Was mich so nervt? Die Tatsache, dass wir Ehrenamtlichen uns hier vor Ort um alles – die Behörden sich gleichzeitig um nichts – kümmern, wir unsere Zeit investieren, Spenden sammeln, Kleidung verteilen, Angebote für Beschäftigungen organisieren, endlich die ersten Jobs vermitteln. Und Fatimeh, meine afghanische Flüchtlingsfrau? Geht nicht zum Deutschunterricht, der täglich in ihrem Zelt stattfindet und zu dem sie ganze zehn Meter zu Fuß gehen müsste. Das ärgert mich vor allem deswegen, weil ich mich weiterhin nur mit Händen und Füssen mit ihr unterhalten kann.

Sie kann sich im Ort nicht wirklich bewegen, ich begleite sie zu Ärzten und Behörden und kann trotzdem nicht viel ausrichten, denn: sie versteht mich nicht und ein Übersetzer ist nur selten parat. Erzählen mir die Ärzte Wichtiges über ihre Krankheiten, kann ich es ihr oft nicht richtig mitteilen. Sehe ich ihren kleinen Jungen im von uns gesponserten Verein turnen, kann ihr nicht davon erzählen. Wann immer ich es trotzdem versuche, lächelt sie mich mit diesem Blick an, der mir zu verstehen gibt: Keine Ahnung, was du da gerade sagst – magst Du vielleicht noch eine Tasse Tee?

Sie wünscht sich von mir, dass ich ihren Jungen, Amir, adoptiere, falls ihr Asylantrag abgelehnt wird. Dass das schon rechtlich nicht möglich ist, kann ich ihr nicht vermitteln. Dass ich es zudem gar nicht möchte – ist eine ganz andere Geschichte. Ich würde ihr all das so gerne erklären. Das Miteinander auf Augenhöhe funktioniert nur, wenn es eine gemeinsame Sprache gibt. Dann kann gelacht, vertraut, vermittelt und zusammen agiert werden. Weil Fatimeh kein Deutsch lernt und meine Geduld dadurch immer wieder auf die Probe gestellt wird, stelle ich mir folgende Fragen:

Ist meine Erwartungshaltung typisch deutsch?

Meinen Ärger über das Nicht-Deutsch-Lernen offenbart wohl meine Erwartung, dass sich die geflüchteten Menschen unserer Kultur und Sprache anpassen müssen. Doch was hat das mit meiner scheinbar liberalen Gesinnung und dem Wunsch danach zu tun, dass alle Menschen frei leben können und sollen? Gehört dann nicht auch die Akzeptanz dazu, dass sich Menschen frei gegen das Erlernen der Sprache des Landes, in das sie geflohen sind, entscheiden dürfen? Müsste nicht vielmehr auch ich ein Zeichen setzen und Farsi oder Dari lernen? Ja – für eine echte Beziehung mit der afghanischen Familie wahrscheinlich schon.

Geht es hier ums deutsche Leistungsprinzip?

Von anderen Helfern wurde mir schon geraten, Fatimeh zu „erziehen” und ihr nur noch dann Zuwendung, Zeit oder auch Materielles zu schenken, wenn sie etwas auf Deutsch sagen kann. Aber wäre das nicht genau dieser Weg, der viele Deutsche so arrogant gemacht hat – nach dem Motto: Wer etwas leistet, ist gut, wer nichts leistet, ist weniger wert? Ist das nicht vollkommen irre?

Kann es überhaupt darum gehen, zu geben, um zu bekommen?

Der kapitalistische Ansatz, nur zu geben, wenn man auch etwas dafür bekommt, ist grundlegend falsch, denn er verrät, dass es offenbar nicht um Hilfsbereitschaft geht, sondern um eine auf einen Erfolg gerichtete Handlung und daraus folgenden Ertrag. Aber führen die Auswirkungen der kapitalistischen Denkweise nicht genau zu dem Wahnsinn, in dem wir uns derzeit weltweit befinden? 62 Menschen besitzen mehr als der Rest der ganzen Welt zusammen.

Alles in allem bin ich sehr dankbar über die persönlichen Erfahrungen, die ich machen darf. Die Flüchtlingssituation ist für mich eine Chance, selbst zu reifen. Ich bin überwältigt von der grenzenlosen Gastfreundschaft der Familien im Zelt, die zu jeder Tages- und Nachtzeit Tee bereitstellen, Essen kochen und mich mit Süßigkeiten versorgen, als würde mein Zuckerkonsum ihr eigenes Warten versüßen. Doch die Behördenmühlen mahlen langsam, Menschen wohnen im Zelt oder frieren vor Registrierungsstellen und die quälend in die Länge gezogenen Entscheidungen – die dann doch nicht getroffen werden – lähmen und mindern den Enthusiasmus des Helfenwollens.

Heute habe ich angefangen, ein paar Brocken Farsi zu lernen – natürlich nur per Lautschrift, denn die Schriftzeichen kann ich leider nicht entziffern. Wieso sollte es mir auch besser gehen als Fatimeh, die mit der deutschen Sprache so gar nichts anfangen kann? Über so etwas zum Beispiel würde ich am liebsten einfach mit ihr reden können – dann würde sich das Ganze auch nicht mehr wie Helfen anfühlen. Sondern vielleicht wie ein echtes Zusammenleben.