Rettung aus dem Krieg – „Flüchtlingspaten Syrien“

Ulrich und seine Verbündeten schliefen über Monate nur noch vier Stunden pro Nacht.

von Marion Detjen

Ulrich war früher dran als wir anderen. Während Syrien im Frühjahr 2015 für mich noch  weit weg war, ließ er es schon in sein Badezimmer: „Ich kann  nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn ich weiter nichts tue“, sagte er und holte mit zwei Verpflichtungserklärungen die Angehörigen eines syrischen Bekannten aus dem Kriegsgebiet nach Deutschland. Ulrich, Tina, Martin und ein kleiner Kreis von anderen Verpflichtungsgeber/innen gründeten den Verein „Flüchtlingspaten Syrien“, arbeiteten sich in die Rechtslage ein, sammelten Spenden und Patenschaften, wurden zu ständigen Besuchern im Ausländeramt, organisierten die Zwischenaufenthalte in der Türkei und später im Libanon, suchten Wohnungen, bauten ein Netzwerk von freiwilligen Deutschlehrer/innen, Lotsen und Ärztinnen auf und richteten ein Ladenlokal ein. Ulrich und seine Verbündeten schliefen über Monate nur noch vier Stunden pro Nacht.

Verpflichtungserklärungen abzugeben für wildfremde Menschen, die in Deutschland keine staatlichen Leistungen in Anspruch nehmen dürfen? Abhängigkeiten schaffen, die eventuell ein ganzes Leben lang währen? Das schien mir damals heldenhaft, aber doch auch ziemlich verrückt. Ich schaute in den Spiegel, dachte mir: geht noch, richtete einen Dauerauftrag ein und beobachtete die „Flüchtlingspaten“ erst einmal nur aus sicherer Distanz.

Dann hörten wir von den obdachlosen jungen geflüchteten Männern, die in Berlin keine Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben. Hier zu helfen, schien uns machbar. S. zog bei uns ein. Kein großes Ding, wir haben Platz und ständig Dauergäste aus dem Ausland. Nun eben einen jungen Syrer.

S. stand früh auf, verließ vor uns das Haus, ging in seinen Deutschkurs und von dort direkt auf seine Arbeitsstelle: ein Café, wo er als Kellner und Küchenhilfe bis spät abends schuftete. Er kam meist erst nach Hause, wenn wir eigentlich schon auf dem Weg ins Bett waren. In diesen späten Abendstunden erzählte er uns von seiner Familie in Aleppo; von seiner Flucht übers Mittelmeer; von dem Bürgerkrieg, für den es vor ein paar Jahren zumindest theoretisch noch eine Lösung gab, jetzt jedoch, seit den Interventionen der Großmächte, nicht mehr. Er erzählte von seiner jüngsten Schwester, die ein Jahr lang nicht mehr zur Schule gegangen war, von den ständigen Granateneinschlägen, von der nur 150 Meter entfernten Frontlinie, von der zerstörten Schuhmanufaktur seines Vaters in dem IS-beherrschten Teil der Stadt, von den Schwierigkeiten, an Wasser und Strom zu kommen. Und am Wochenende sahen wir ihn im Garten sitzen und in sein Smartphone starren, auf dem er per Whatsapp Nachrichten seiner Angehörigen erwartete.

Irgendwann im August hieß es, dass der Vater, ein älterer, herzkranker Mann, sich nun auf den Weg machen würde, um später eventuell per Familiennachzug seine Frau und die jüngeren Geschwister von S. nachzuholen. Die Familie nahm Kontakt zu Schleppern auf.

An diesem Abend schauten mein Mann und ich gemeinsam in den Spiegel und wussten: es geht nicht mehr. Wären wir allein gewesen, hätten wir uns wahrscheinlich immer noch nicht getraut. Aber mit den „Flüchtlingspaten“ gab es die Infrastruktur, die Spenden und das Netzwerk, um die Risiken der Verpflichtungserklärung zu minimieren. Meine Eltern, mein Bruder und seine Frau und zwei weitere Paten, die uns der Verein vermittelte, stiegen mit ein.

Dann kam ein monatelanges Heckmeck mit den Behörden. Unendliche Komplikationen. Aber vieles lief auch glatt: Fast wie von selbst fanden wir eine Wohnung für die Familie, die dem Verein zum halben Preis vermietet wurde. Lauter hilfsbereite Menschen, auch in den Ämtern, das muss man sagen.

Über mehrere, ängstliche Wochen war Aleppo von der Außenwelt abgeschnitten. Wir fanden Menschen im Libanon, die uns halfen, ohne uns zu kennen. Eines Morgens sah ich  die Nachricht auf meinem Telefon, dass der erste Lastwagen mit frischen Lebensmitteln nach Aleppo aufgebrochen war, dass die Route wieder geöffnet würde. Die Familie solle sofort aufbrechen, nicht mehr warten. Wir hatten Angst um ihr Leben.

Am 4. Dezember, kurz vor Mitternacht, fuhren wir zum Flughafen Schönefeld, um die Familie in Empfang zu nehmen. S. war schon Stunden vorher da und zitterte vor Aufregung. Und dann kamen sie tatsächlich, einer nach dem anderen, aus dem Gate heraus. Ein unbeschreiblicher Moment, wie eine Geburt und ein Tod gleichzeitig.

Syrien-Paten-2
Familienzusammenführung geschafft. S. begrüßt seine Mutter und Schwester. Foto: Privat

Jetzt sind sie hier und wir lernen uns allmählich kennen. Das Behörden-Heckmeck ist nicht weniger geworden, ganz im Gegenteil, es ist phasenweise ein Fulltime Job, auch wenn uns das LaGeSo erspart bleibt, weil die Familie sowieso keine Sozialleistungen bekommt. Unser Leben fühlt sich ganz anders an als zuvor. Während die Familie mit dem Neuanfang und den Folgen von jahrzehntelanger Diktaturerfahrung kämpft und trauert und weint und lacht und sich fürchtet und wieder Mut fasst, schauen wir uns unsere eigene Welt an und erkennen plötzlich lauter Dinge, die uns bisher verborgen waren. Die Fassaden und Wahrnehmungsschranken, mit denen wir uns das Verstörende vom Leib halten, werden durchlässig. Und komischerweise empfinden wir das nicht als etwas Bedrohliches, sondern als etwas, was uns stärkt und uns bereichert. Auch die Schwere der Verpflichtungserklärung, die uns – wenn hoffentlich nicht finanziell so doch emotional und moralisch – ein Leben lang binden wird, tragen wir irgendwie gerne. Es sind Beziehungen, und indem wir sie eingehen, werden immer noch mehr und noch dichtere Beziehungen möglich.

Ulrich sehe ich nur selten, weil wir alle so viel zu tun haben. Aber es gibt ein tiefes Einverständnis – Wir machen das! Die Frage vor dem Spiegel hat sich erledigt.

Patenschaften abschließen und sich zu Verpflichtungserklärungen durchringen kann man hier: Flüchtlingspaten Syrien