Found in translation

Über Schreiben als Kunst und Lebensform, über die eigene Geschichte und das Weiter-Schreiben nach der Flucht sprach Lea Schneider am Abend des 9. November mit Rasha Habbal, Ramy Al-Asheq und Nora Bossong bei Meet your neighbours in der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin.

von Lea Schneider

Bild von der Lesung mit Lama Al Haddad, Rasha Habbal, Ramy Al-Asheq, Nora Bossong und Lea Schneider in der Berliner Amerika-Gedenkbibkothek. Foto: Alexander Janetzk
Lama Al Haddad, Rasha Habbal, Ramy Al-Asheq, Nora Bossong und Lea Schneider in der Berliner Amerika-Gedenkbibliothek. Foto: Alexander Janetzko

Wir sitzen mitten zwischen Büchern: Rasha Habbal, Nora Bossong, Ramy Al-Asheq und ich. Wir sprechen über die Zusammenarbeit zwischen geflüchteten und in Deutschland aufgewachsenen Autor*innen im Projekt Weiter Schreiben, über Sprachwechsel, über Labels und Zuschreibungen. Lama Al Haddad übersetzt fantastisch, schnell und präzise zwischen uns Vieren, trotzdem wechseln immer wieder die Sprachen. Englisch, Arabisch und Deutsch lösen sich ab, weil wir einfach direkter miteinander sprechen wollen – weil es einfach zu viel Wichtiges zu sagen gibt.

Etwa dreißig Zuhörer*innen sind an diesem Novemberabend in den Salon der Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg gekommen, und weil wir miteinander statt übereinander reden wollen, haben wir gemeinsam mit der Bibliothek entschieden, keine Bühne aufzubauen, sondern unsere Tische und Stühle direkt zwischen die Regale zu stellen. Der Raum ist offen, und im Laufe der Lesung kommen immer wieder neue Gäste dazu. Der Raum ist aber auch konzentriert: Viele sitzen mit geschlossenen Augen da, um sich ganz auf die Texte zu konzentrieren – und auf deren Klang.

Was sich im Laufe des Abends als Erkenntnis einstellen wird: Es tut uns allen, egal ob neu in Berlin oder alteingesessen, verdammt gut, aus den üblichen Zuschreibungen herauszukommen. Rasha und Ramy sitzen nicht auf der Bühne, weil sie Geflüchtete, sondern weil sie wirklich gute Autor*innen sind. Ihre Texte sind relevant, weil sie ein spannender Teil Gegenwartsliteratur sind – und weil sie mit ihrer enormen Unterschiedlichkeit zeigen, dass das Etikett „Flüchtling“ genauso wenig in der Lage ist, reale Komplexitäten abzubilden wie jedes andere. Du bist eben nicht nur „Flüchtling“, sondern viele andere Dinge auch: Vater, Schwester, Geliebte, Fußballfan, passionierter Pizzabäcker, Briefmarkensammler oder Schriftstellerin – schon funktioniert die Aufteilung in „Neue“ und „Alteingesessene“ nicht mehr, schon führen wir ein richtiges Gespräch.

Was heißt „ein richtiges Gespräch“? Es heißt, dass wir alle Texte in ihrer Originalsprache anhören, auch wenn nicht alle von uns jede dieser Sprachen verstehen. Es heißt, dass wir nicht nur danach schauen, was in der Übersetzung verloren geht, also lost in translation, sondern auch danach, was gefunden wird – zum Beispiel, wenn Rasha erzählt, wie sie dadurch, dass sie täglich von einer neuen Sprache umgeben ist, ein anderes Gefühl, einen anderen Zugang zu ihrer literarischen Sprache Arabisch entwickelt. Es heißt, dass wir nicht ausblenden, wie präsent Zuschreibungen in unserem gesellschaftlichen Leben sind – zum Beispiel bei Veranstaltungen, die Ramy nicht ohne eine gewisse Ironie als „refugees in concert“ bezeichnet. Und es heißt nicht zuletzt auch, dass wir über ganz praktische Dinge sprechen, die eine Zusammenarbeit wie die im Rahmen von weiter.schreiben ja auch ausmachen – wenn Nora zum Beispiel davon erzählt, wie Rasha und sie als „Tourduo“ auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs waren.

Es heißt am Ende des Abends vor allem: Dass wir uns Dinge und Geschichten erzählen, die wir nicht längst kennen. Dass wir Neues erfahren und weitererzählen können, damit die Zuschreibungen ein kleines bisschen weniger gut funktionieren. Neu für mich war vor allem ein Wort: Dichter, شاعر . Das arabische Wort, sagt Ramy, kommt nicht wie das Deutsche von „verdichten“, sondern von „fühlen“. Dichten nicht als Verknappung, sondern als die aufwändige und komplizierte Tätigkeit, ein Gefühl für etwas zu entwickeln – mit diesem glücklichen Fund gehe ich nach der Lesung nach Hause.

Bild von der Lesung, Lama Al Haddad übersetzt gerade Rasha Habbal, Ramy Al-Asheq, Nora Bossong in der Berliner Amerika Gedenkbibkothek. Foto: Alexander Janetzko
Lama Al Haddad, Rasha Habbal, Ramy Al-Asheq. Foto: Alexander Janetzko