Wo Fußball nicht am Stadionzaun endet

Als erster Fußballverein Deutschlands hat Babelsberg 03 Geflüchtete mit einer eigenen Mannschaft in den regulären Spielbetrieb integriert. Darüber, wie Fußball hier zum Begegnungsort wird, die Fanszene sich engagiert und welche Rolle Thüringer Sonntagskuchen bei den Spielen hat, habe ich mich mit Barbara, einer der vielen Aktiven des Vereins, unterhalten.

von Sophie Reimers

Barbara "... einmal damit in Berührung, hat mich dieses Fußballvirus angesteckt und nicht mehr losgelassen". Foto: privat
Barbara “… einmal damit in Berührung, hat mich dieses Fußballvirus angesteckt und nicht mehr losgelassen”. Foto: privat

Als 2015 die neu gegründete Mannschaft „Welcome United 03“ in die Liga aufgenommen wurde, berichteten die Medien bundesweit über das Refugee Team aus Babelsberg. Unterstützung kam nicht nur von den Fans, sondern auch von der Sportjugend Brandenburg und dem Fußball-Landesverband. Nach und nach wurde so eine Anlaufstelle geschaffen, ein Projekt, in dem man sich verwirklichen kann. Mittlerweile sind Newcomer*innen in allen Sektionen des Vereins angekommen und trainieren in unterschiedlichen Sportarten und Altersgruppen mit. Die anfängliche mediale Aufregung hat sich gelegt und immer mehr Vereine in ganz Deutschland haben sich ebenfalls geöffnet, wobei hier noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

Babelsberg 03 Welcome United beim Testspiel gegen Hertha 03 Zehlendorf. Potsdam, 23.01.2016. Foto: Sebastian Wells
Welcome United 03 bei einem Testspiel in Potsdam. 23.01.2016. Foto: Sebastian Wells

Im Gespräch mit Barbara konnte ich mehr über das Engagement beim Babelsberger Fußballverein erfahren und darüber, wie der Sport in den Alltag hineinwirkt. Gefragt zu ihrer Rolle beim Welcome-Team muss die Mitte Dreißigjährige selbst kurz überlegen: „Keine Ahnung, einmal damit in Berührung, hat mich dieses Fußballvirus angesteckt und nicht mehr losgelassen und seit ich mit meinem Mann zusammen bin, der auch bei Welcome United spielt, bin ich einfach fast immer dabei.“ Und weil sie das aus ihrer Kindheit in einem kleinen Dorf im Thüringer Wald so kennt, bringt sie dazu auch immer einen Sonntagskuchen mit. Mittlerweile hat sich daraus ein festes Ritual entwickelt: Nach dem Spiel wird gemeinsam Kuchen gegessen und gequatscht – Mannschaft, Zuschauer*innen, Trainer und Fans.

2009 kam sie zunächst durch ihre Arbeit als Sozialarbeiterin in Potsdam zum Babelsberger Verein. Sie betreute dort ein Fanprojekt, bei dem am Wochenende auch regelmäßig mit geflüchteten Fußballbegeisterten gekickt wurde. Als sie beruflich nicht mehr im Verein aktiv war, blieb sie trotzdem weiter engagiert, ging zu Spielen und verfolgte was sich so tat. Als die Idee entstand, Neuankömmlingen nicht nur das Fußballspielen zu ermöglichen, sondern sie als Mannschaft auch in den regulären Spielbetrieb zu integrieren, konnten die Initiator*innen von „Welcome United“ zunächst nicht glauben, dass sie deutschlandweit der erste Verein waren, der diesen Schritt machte, erinnert sich Barbara. Dass gerade beim Babelsberger Viertligist diese Initiative entstand, ist allerdings aus ihrer Sicht absolut kein Zufall. Im Gegenteil: „Wenn Menschen ausgegrenzt werden oder Schwierigkeiten haben in der Gesellschaft anzukommen, versucht die Fanszene diese Grenzen zu überwinden“, erklärt Barbara. „Von denen hieß es einfach: ‚Yo, dann sind wir die, die mit Flüchtlingen Fußball spielen, weil wir wollen wissen wer ihr seid und ihr wollt sicherlich wissen wer wir sind.’ Und so kommt man dann zusammen. Ohne große Hürden.“

Potsdam, Deutschland, 19.10.2015: Fußball Kreisklasse C Staffel 2 Kreis Havelland Saison 2015/2016 - Babelsberg 03 Welcome United.
Das Spiel gegen Fortuna Babelsberg III endete 2:0. Potsdam, 18.10.2015. Foto: Sebastian Wells

Für die Streetworkerin aus Babelsberg ist es aber nicht nur das politische Engagement, dass sie für den Fußball hier begeistert, die Liebe spielte dabei auch eine Rolle. Denn als sie 2015 ihren heutigen Mann kennenlernte stellte sich bald heraus, dass er Spieler bei Welcome 03 war. Seitdem begleitet Barbara das Team und erlebt aus nächster Nähe, wie wichtig der Fußball für die Newcomer ist und auf wie vielfältige Weise er in den Alltag hineinwirkt. Geflüchtete Frauen sind bislang leider noch nicht in den Fußballteams bei 03 vertreten. Die Babelsbergerin bedauert es ein bisschen, dass Fußball immer noch sehr männerdominiert ist. Es gebe zwar eine Frauenmannschaft bei 03, die offen für Newcomerinnen sei, aber in vielen Ländern ist es nach wie vor nicht alltäglich, dass Frauen Fußball spielen und so sind bislang nur in den anderen Sektionen – zum Beispiel beim Volleyball – auch Newcomerinnen dabei. Im Verein sind auf jeden Fall auch die Frauen herzlich willkommen.

Potsdam, Deutschland, 26.10.2015: Fußball Kreisklasse C Staffel 2 Kreis Havelland Saison 2015/2016 - Babelsberg 03 Welcome United.
Torfreude. Potsdam, 15.10.2015. Foto: Sebastian Wells

Barbara erzählt, dass der Fußball gerade in der Situation des Ankommens Vertrauen und Vernetzung herstellt. „In diesem Team zu spielen ist ein positives Erlebnis, nach dem Motto ‚Wenn ich hier ankommen kann, kann ich vielleicht auch im Job und im Alltag ankommen’.“ Wenn es keine Beschäftigungsmöglichkeit gibt, die Tage unfreiwillig vom Warten geprägt sind, finden die jungen Männer hier ein Ventil, Bewegung, einen Moment, um auf andere Gedanken zu kommen. Die Verständigung über Fairplay, Kontakt mit Alteingesessenen: Es ergeben sich viele Situationen, in denen die Spieler alltagspraktische Fragen stellen und sich gegenseitig unterstützen können.

Doch der Fußball ermöglicht nicht nur innerhalb des Vereins und mit den Fans Begegnungen: Wenn die Mannschaft gegen andere Vereine antritt, entsteht auch hier Raum, um sich kennenzulernen. Die Erfahrungen bei Auswärtsspielen in der Brandenburger Umgebung seien ganz unterschiedlich, berichtet Barbara. So gab es auch schon Erlebnisse, die sie sich lieber erspart hätten, erzählt sie, etwa als es zu rassistischen Beschimpfungen kam. Diese Situationen seien jedoch die Ausnahme. In der Regel begegneten sich die Teams beim Fußball gleichberechtigt. Klar reibe man sich, aber das gehöre dazu. Und es gibt auch die schönen Erfahrungen, bei denen Barbara den Eindruck hat, dass etwas angestoßen wurde. „Einmal hatte ein Verein nur Würstchen aus Schweinefleisch zum anschließenden Grillen. Sie haben sich gleich entschuldigt und gesagt sie könnten noch schnell was anderes besorgen. ‚Wo kaufen wir eigentlich halal ein?’ Solche kleinen Denkanstöße machen auch was mit der Lebenswelt der Leuten dort.“

Potsdam, Deutschland, 14.09.2015: Fußball Kreisklasse C Staffel 2 Kreis Havelland Saison 2015/2016 - Babelsberg 03 Welcome United.
Teambesprechung mit Trainer Sven George. Potsdam, 13.9.2015. Foto: Sebastian Wells

Im Bus, auf der Fahrt zu Auswärtsspielen, wird lebhaft diskutiert über Politik und das Weltgeschehen: „Der Wahlsieg Trumps und die Auswirkungen auf die Herkunftsländer waren ein wichtiges Thema“, erinnert sich Barbara, die meistens einen der Busse fährt. Oder die großartige Diskussion über Religionen: Muslime und Christen tauschten sich aus und am Ende rief einer aus der anderen Ecke des Busses „Marx sagte schon: Religion ist Opium für’s Volk!“ Das sind für die Babelsbergerin Überraschungsmomente, die sie als große Bereicherung erlebt. Und auch, dass sich mit dem sonntäglichen Kuchenessen am Spielfeldrand ein kleines Alltagsritual entwickelt hat, auf das sich die Spieler freuen und mit dem Erinnerungen an die Kindheit im Thüringer Wald verknüpft sind, bringt sie zum Lachen.

Offenheit und gelebtes Miteinander im Kiez ist den Babelsberger Fans wichtig. „Hier endet Fußball eben nicht am Stadionzaun, die Fans hier haben sich schon immer engagiert, wir sehen uns als Teil des Kiezes, prägen ihn mit und zeigen Präsenz in Potsdam durch Veranstaltungen wie das antirassistische Stadionfest „Der Ball ist bunt“.” Die Haltung des Vereins hat Vorbildfunktion, der Bedarf Fußball zu spielen ist groß und so bleiben diese Angebote hoffentlich auch langfristig erhalten.

Beim Spiel gegen den RSV Eintracht Teltow V, Potsdam 5.5.2016. Foto: Sebastian Wells
Beim Spiel gegen den RSV Eintracht Teltow V. Potsdam 5.5.2016. Foto: Sebastian Wells

Newcomer*innen haben bei Babelsberg 03 zu allen Heimspielen freien Eintritt.

Weitere Infos zu Welcome United 03 und den Aktivitäten bei Babelsberg 03 finden sich hier Welcome United 03