Gemeinsam verschieden

In der Ausstellung „Villa Global“ sprechen Zimmer für ihre Bewohner*innen – und zeigen Berlin in seiner ganzen menschlichen und gesellschaftlichen Vielfalt.

von Theresa Samuelis

Der Eingang zu einem der Wohnräume in der Ausstellung “Villa Global”. Foto: Stefanie Kulisch

„Bitte Schuhe ausziehen“ steht auf der Fußmatte vor der Eingangstür des kleinen Zimmers mit der Nummer elf. Der blaue Teppich unter den Socken ist fluffig, auf dem Boden liegt eine Matratze mit Kissen in den Farben der afghanischen Flagge – schwarz, rot, grün. Darüber eine Sammlung von Familienfotos, ein Rihanna-Poster an der Wand gegenüber, auf einem Regal Briefe und das Foto eines Mädchen neben dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Das Mädchen ist Sadaf, das Zimmer ist ihr Zimmer in der Villa Global – einer Ausstellung im ersten Stock des Jugend Museums in Berlin-Schöneberg. In 14 Zimmern werden hier die Geschichten und Persönlichkeiten unterschiedlichster Menschen in Berlin erzählt. Sadaf war 13 Jahre alt, als ihre Familie nach Deutschland floh und dort in einem Übergangsheim in Berlin-Marienfelde unterkam. Weil sie schnell Deutsch lernte, bat sie den ehemaligen Bundespräsidenten bei einem Besuch – es war der 50. Jahrestag des Heims – um Hilfe und erwirkte das Bleiberecht für die Familie. Ein eigenes Zimmer hatte sie in Wirklichkeit noch nie.

Facetten des Verschiedenseins

Ellen Roters ist Leiterin des Jugend Museums und kennt alle Bewohner*innen – so werden die Porträtierten genannt – und Details der Ausstellung. „Die Besucher*innen sollen die einzelnen Personen in all ihren Facetten und Widersprüchlichkeiten selbst kennenlernen.“ erklärt sie. „Zum Beispiel die Briefe in Sadafs Zimmer: Die dürfen ausdrücklich gelesen werden!“ In einem anderen Raum erfährt man anhand des Familienalbums der 80-jährigen Berlinerin Christa, wie diese den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, in Nirits Wohnung sitzen jüdische und arabische Israelis mit Deutschen zusammen beim Essen, das Songbook des Rappers Jonni lässt Fan-Herzen höher schlagen und ob in Alex‘ Zimmer ein Junge oder ein Mädchen wohnt, ist nicht offensichtlich. „Vielfalt hat viele Facetten und geht über die Frage der Herkunft hinaus“, so Roters. „Wir versuchen, immer am Puls der Zeit zu bleiben. Einige Bewohner*innen aktualisieren ihre Räume von Zeit zu Zeit selbst, indem sie zum Beispiel etwas Neues mitbringen. Und wenn wir das Gefühl haben, dass wir einen bestimmten gesellschaftlichen Aspekt erzählen wollen, den man hier noch nicht findet, muss auch mal jemand aus der Villa ausziehen.“

2003 startete die Villa Global im Rahmen des Modellprojektes HEIMAT BERLIN – Migrationsgeschichte für Kinder, 2011 erfolgte eine Neuauflage der Dauerausstellung. Das interdisziplinäre Team des Jugend Museums besteht aus pädagogisch und kuratorisch versierten Mitwirkenden, freien Mitarbeiter*innen und FSJ-ler*innen. Die Museums-WG wurde mithilfe von Raumpatenschaften entwickelt, bei denen Mitarbeiter*innen und Bewohner*innen lange Gespräche führten, immer wieder Treffen vereinbarten und gemeinsam Möbel und Einrichtungsgegenstände zusammenstellten. Vorstellungsvideos der einzelnen Personen und Interviews mit Statements zu Themen wie Familie, Identität, Herkunft, Freundschaft, Erziehung, Heimat und Träume ergänzen die Räume.

Jugendarbeit und Diskurs

In der Ausstellung arbeiten Roters und ihre Kolleg*innen mit Schulklassen ab der 5. Klasse, aber auch die Familien, Freunde und Bekannten der Bewohner*innen gehören zum Publikum. „Es geht darum, Gemeinsamkeiten zu entdecken, aber auch unterschiedliche Lesarten einer Person“, so Roters. „Einmal sagte ein Junge, der in Berlin viele palästinensische Freunde hat, er könne Nirit nicht mögen, weil sie Israelin sei. Als er entdeckte, dass in ihrer Küche auch arabische Freunde zu Gast sind, brachte ihn das zum Nachdenken.“ Außerdem habe sich einmal eine Gruppe arabischer Männer im Zimmer der 80-jährigen Christa über Kriegserfahrungen ausgetauscht und die beste Freundin von Laila konnte bestätigen: So sieht es wirklich bei ihr zu Hause aus. Die Liebe zu Detail und Widerspruch machen die Villa Global zu einem so persönlichen Projekt und einen Besuch zu einer besonderen Erfahrung. „Viele Jugendliche wollen hier einziehen“, lacht Roters, die selbst immer noch in Socken unterwegs ist – ihre Schuhe hat sie vor Sadafs Tür stehen gelassen.

Übersichtsplan der Ausstellung ” Villa Global” im Jugend Museum in Berlin-Schöneberg. Foto: Stefanie Kulisch
Auf einem Computer kann man sich interaktiv ein näheres Bild über die Bewohner*innen und die Ausstellungsexponate machen. Foto: Stefanie Kulisch
Das Porträt einer Bewohnerin oder eines Familienmitgliedes der Villa Global. Foto: Stefanie Kulisch
Private Erinnerungen hängen an den Wänden. Foto: Stefanie Kulisch
Zusammen mit Fotografien sind Zitate oder Statements ausgestellt. Foto: Stefanie Kulisch
Einer der fiktiven Wohnräume in der Villa Global. Foto: Stefanie Kulisch
Das ist das Zimmer der Tochter einer der Bewohnerinnen. Als deutsch-türkische moderne und muslimische Frau versucht sie, ihre Kultur und Religion so gut es geht an ihre Tochter weiterzugeben. Foto: Stefanie Kulisch
Ein weiteres Exponat der Ausstellung. Foto: Stefanie Kulisch
An der Wand dieses Zimmers finden sich nicht nur private Fotos, sondern auch ein an die Wand gemaltes Gedicht. Foto: Stefanie Kulisch
Nicht nur Wohn- und Schlafräume sind Teil der Ausstellung, sondern auch eine Küche. Foto: Stefanie Kulisch
Ellen Roters, die Leiterin des Jugend Museums in Berlin-Schöneberg, während sie durch die Ausstellung führt und die einzelnen Bewohner*innen anhand der unterschiedlichen Einrichtungsstile vorgestellt. Foto: Stefanie Kulisch

Wer wohnt in der Villa? Mehr über die Bewohner*innen erfahren Sie hier.

Kontakt

Jugend Museum
Hauptstraße 40/42
10827 Berlin

museum@ba-ts.berlin.de
Tel. 030 90277-6163

Öffnungszeiten

Montag bis Donnerstag 14–18 Uhr
Freitag 9–14 Uhr
Samstag, Sonntag 14–18 Uhr

Eintritt frei

Für Schulklassen und Gruppen nur nach Voranmeldung:
Montag bis Donnerstag 9–13 Uhr
und nach Vereinbarung


weitere Texte von unserer Autorin Theresa Samuelis (geb. Schmidt) :

“Zeig mir woher du kommst”

“Kommt wir kaufen ein Schiff”

“Brötchen und Behördenbriefe”