Gesundheit in allen Sprachen

Das Projekt MiMi bietet Newcomer*innen Beratung und Begleitung rund um Gesundheitsfragen an, denn ohne Sprachkenntnisse stellen sich im Alltag hier viele Hindernisse in den Weg.

von Annie Berend

Foto: Isabel Marin Arrizabalaga/ MiMi Hamburg

Was kann ich im Alltag für meine Gesundheit tun? Welche (präventiven) Untersuchungen und Angebote werden für mich finanziert? Und wie funktioniert das mit den Krankenkassen? – Fragen, mit denen ich manchmal ganz schön überfordert bin und das obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Bei dem Gedanken, dass ich solche Fragen in einer mir neuen Sprache klären müsste, wird mir ganz anders. Schließlich habe ich Bekannte, die ich um Rat bitten kann und es gibt etliche Internetseiten, die teilweise zwar gefährliches Halbwissen bereitstellen, aber dennoch eine erste Orientierung bieten. Vor allem kann ich mich auch direkt bei Ärzt*innen und Gesundheitsämtern informieren.

Für Migrant*innen ohne Deutschkenntnisse bleiben diese Informationen allerdings verschlossen und somit entgehen ihnen viele Angebote im Gesundheitsbereich, sowie generelles Wissen über Gesundheit. An einem schönen Herbsttag treffe ich mich mit Isabel Marin Arrizabalaga, die für ein Projekt arbeitet, das genau hier ansetzt: das MiMi-Gesundheitsprojekt. Der Name bedeutet Mit Migranten für Migranten und ist Programm: Gesundheit soll mit Hilfe von bereits integrierten Migrant*innen als Mittler*innen für alle barrierefrei gemacht werden. Isabel Marin Arrizabalaga ist Koordinatorin des Projekts in Hamburg, aber MiMi gibt es nicht nur hier. Die Idee stammt vom Ethno-Medizinischen Zentrum e. V. in Hannover, dort wurde das Konzept 2003 entwickelt. Mittlerweile wird das MiMi-Programm an 71 Standorten in Deutschland und Europa umgesetzt. Bisher wurden über 2.000 Gesundheitsmediator*innen ausgebildet, die etwa 120.000 Migrant*innen und Flüchtlinge in mehr als 11.000 Informationsveranstaltungen über gesunde Lebensweisen, Gesundheitsförderung, Präventionsangebote und die Ressourcen örtlicher Gesundheitsdienste informiert haben.

In Hamburg gibt es MiMi bereits seit 2005, wobei die stadtweiten Aktivitäten seit Projektbeginn sehr erfolgreich vom Verband für offene Kinder- und Jugendarbeit e. V. durchgeführt werden. Damit Gesundheitsangebote allen zugänglich werden, bildet MiMi Migrant*innen mit sehr guten Deutschkenntnissen zu sogenannten interkulturelle Gesundheitsmediator*innen aus. Themen bei der Schulung sind zum Beispiel Familienplanung, Ernährung oder Kindergesundheit und orientieren sich an den Bedürfnissen der Migrant*innen. Je nachdem was gerade besonders gefragt ist, werden Themen hinzugenommen, vertieft oder gekürzt. Das Projekt ist somit in ständigem Prozess und reagiert auf Entwicklungen im Umfeld. Isabel Marin Arrizabalaga berichtet, dass sie vor der Schulung Gespräche mit den Bewerber*innen führt, um zu schauen, ob diese gut vernetzt sind, damit das Wissen möglichst viele interessierte und hilfesuchende Menschen erreicht. Auch die Herkunft spielt eine Rolle, so sollen möglichst viele Sprachen in den Schulungen abgedeckt werden. Die Koordinatorin erklärt, dass auch Sprachen, die nur ein kleiner Teil der Migrant*innen spricht, wie beispielsweise Aramäisch, vertreten sein müssen, da ausnahmslos alle Menschen mit MiMi erreicht werden sollen. Schließlich ist Gesundheit ein Recht, das  allen Menschen zusteht. Im Anschluss an die Schulung können die MiMis, so werden die Mediator*innen in Hamburg genannt, eigenständig Informationsveranstaltungen geben oder Gesprächsgruppen leiten. Das besondere daran: die Migrant*innen ohne Deutschkenntnisse bekommen sämtliche Informationen in der eigenen Sprache, können Fragen stellen und werden zugleich vorsichtig mit der neuen Kultur vertraut gemacht. In Kontakt kommen die MiMis und die Migrant*innen zum Beispiel über die gemeinsame religiöse Gemeinde, den gleichen Verein oder die Nachbarschaft. Material für die Veranstaltungen, wie Broschüren und Präsentationen, werden dabei in zahlreichen Sprachen von dem Ethno-Medizinischen Zentrum gestellt. So sollen die Qualität und die Vollständigkeit der Informationen gesichert werden. Grundsätzlich haben die MiMis bei den Veranstaltungen aber Raum für freie Gestaltung: in Form einer Powerpoint oder einer Diskussionsrunde; Informationsveranstaltungen im Friseursalon oder im Park, in der Moschee oder in der Flüchtlingsunterkunft; dem Format und Ort sind keine Grenzen gesetzt. Hauptsache ist, dass sich die Migrant*innen geschützt fühlen.

Während das Angebot für die Migrant*innen zu Beginn größtenteils aus diesen Informationsveranstaltungen bestand, entwickelten sich daraus in Hamburg mit der Zeit auch Begleitungen. Mit dem Gedanken, dass niemand bei zentralen gesundheitlichen Fragen alleine gelassen werden soll, begleiten die MiMis Migrant*innen bei Arztbesuchen oder zu Terminen im Gesundheitsamt. Dabei wohnen sie auch ganz besonderen Momenten des Lebens bei, das können Geburten sein aber auch Sterbebegleitung. Diese Arbeit kann schwierig sein,

Isabel Marin Arrizabalaga steht deswegen immer für Gespräche zur Verfügung, die engagierte Leiterin des Projekts erfüllt hier vielfältige Aufgaben. Und sie tut das mit vollem Einsatz, denn für sie ist das Projekt nicht nur Arbeit, das Anliegen liegt ihr wirklich am Herzen. Gesundheit als ein Recht aller zu sehen, bedeutet auch Wege zu finden, sie allen zugänglich zu machen. Mit MiMi und der damit einhergehenden Wissensvermittlung von Gesundheitsangeboten und Präventionsmaßnahmen können die Migrant*innen mehr Eigenverantwortung und Integration erreichen und vor allem bekommen sie die Möglichkeit der Partizipation. Dabei beobachtet Isabel Marin Arrizabalaga eine schnelle Wirkung der Veranstaltungen und Schulungen. Von vielen Migrant*innen, aber auch von Sozialarbeiter*innen oder Unterkunftsleitungen kommen positives Feedback und Dankbarkeit zurück, dass es MiMi gibt. Zum Schluss erzählt mir Isabel Marin Arrizabalaga noch, dass viele Menschen, die begeistert von dem Projekt hörten, sich selber eine Erklärung des deutschen Gesundheitswesens wünschten, auch wenn sie schon immer hier leben. Es geht also nicht nur mir so – Gesundheitsfragen sind eine komplizierte Angelegenheit.

Mehr Infos zum Projekt „MiMi – Mit Migranten für Migranten“ gibt es hier.

Außerdem bietet MiMi die Möglichkeit, muttersprachliche Wegweiser (bis zu 16 Sprachversionen) zu bestellen. Diese gibt es zu zahlreichen Gesundheits- und Präventionsthemen wie „Müttergesundheit“, „Diabetes“, „Impfschutz“, „Gewaltschutz für Frauen“ „Medizinische Rehabilitation“, „Depression“, „Hospiz- und Palliativversorgung“, „Traumafolgestörung und Posttraumatische Belastungsstörung“ etc.

Das Angebot wird jährlich um Themen und Sprachen erweitert. Die Wegweiser sind kostenlos (es fallen nur die Versandkosten an) und sind hier online bestellbar.