Gute Musik, Crossover und temporäre Nachbarn im Betonparadies

Ein improvisiertes Musikprojekt in einem temporären Kulturraum, Crossover-Klänge und die Frage nach grenzüberschreitender nationalistischer Segregation, dazu Nachbarn aus dem Westend und einige Kulturschaffende aus ganz München – zusammengebracht von Denijen Pauljević. Das war die zweite Münchner Meet your neighbours-Veranstaltung im März.

Der Musiker Menya Arnold und Denijen Pauljević. Foto: Lisa Hörterer

Nach den letzten beiden Veranstaltungen in der Monacensia und in der Stadtteilbibliothek Hadern hatte sich Denijen Pauljević für den nächsten Meet your neighbours-Abend einen ganz besonderen Ort ausgesucht: das Köşk. Die Bezeichnung – im Deutschen erinnert das Wort „Kiosk“ daran – stammt aus dem Türkischen, Köşk heißt Villa. Für 1000 Tage Zwischennutzung bietet die ehemalige Stadtteilbibliothek im Münchner Westend, dem Viertel jenseits von Oktoberfest und Schwanthalerhöhe, einen Kulturfreiraum. Er wird von Jugendlichen bespielt, hier treffen sich Nachbarschaftsinitiativen zum Chorsingen, vertonen Menschen ihr Viertels oder organisieren Ausstellungen  – wie zur Zeit der Veranstaltung ein Fotoprojekt mit Kindern aus Uganda. Eine Villa ist das Köşk allerdings nicht. Es ist ein Flachbau, eingerahmt von Grün und Spielplatz. Im Innenraum mit den deckenhohen Fenstern und dem Betonboden gibt es außer nackten Heizkörpern, einer improvisierten Garderobe und einer kleinen Bar keine weitere Einrichtung.

In diesen Rahmen hatte Denijen Pauljević den seit 2008 in München lebenden Kulturschaffenden Asmir Šabić (alias Chaspa) geladen. Der brachte den Musiker Menya Arnold und das gemeinsame Projekt „Die Arbeiterklasse schreitet ins Paradies“ mit. Thema des Abends sollte „politische und musikalische Dissidenz unter dem Vorzeichen der Migration“ sein. Der Name des Bandprojekts ist an einen italienischen Film aus dem Jahr 1971 angelehnt, in dem der Produktionsarbeiter Lulù Massa sich erst gegen den Kampf seiner Kollegen für mehr Rechte der Arbeiter stellt und stattdessen an der Perfektionierung seiner Effizienz arbeitet, um dann – nach dem Verlust eines Fingers wegen Müdigkeit, weil er unermüdlich weiter geschuftet hatte – am Ende als einziger weiter zu kämpfen, dem Wahnsinn nah. Mehr Informationen gab es zu Anfang nicht – außer dem Hinweis, dass die beiden erst seit ein paar Monaten an ihrer Idee experimentieren, dass es der erste öffentlichen Auftritt des Projekts sei und dass das Publikum „auch Fehler genießen“ solle.

Dum-dum, dum-dum-dum … der erste Track aus dem digitalen Mixer setzte mit tiefen Bässen ein, dazu eine Stimme, die von „democratize me“ erzählte, und von Tagen harter Arbeit. Das Publikum war augenblicklich dabei. Chaspa nahm die treibenden Beats auf, spielte seine Bouzouki darüber – ein Lauteninstrument, das vor allem aus dem griechischen Raum bekannt ist. Der Sound seiner Bouzouki changierte zwischen genau jenen Klängen, die man gemeinhin mit Balkanmusik verbind

et und einem E-Gitarren-ähnlichen Klang. Nach dem Solo gab er der Trompete von Menya Raum, legte das eben live Eingespielte als neue Tonspur über die Beats. Die fünf Tracks hatten alle eine eigenständige Wirkung, versetzten die Zuhörer*innen, manche mit geschlossenen Augen, teils in eine Art Trance, um sie mit harten Elektroklängen wieder herauszureißen und in Bewegung zu versetzen. Nicht immer klappte alles. Dass die digitale Technikzwischendurch einen Neustart erforderte und die einzelnen Tracks mehrfaches Umstöpseln störte das Publikum wenig, verlieh der ganzen Performance aber den Eindruck echter Handarbeit. Und obwohl viele Elemente bereits vorher eingespielt waren, machte genau das diese Inszenierung einmalig und unwiederholbar.

Die Zuhörer*innen mögen sich an Westernklänge, ungarische Volksweisen, Dance-House, Urlaub und Meeresrauschen oder afrikanische Drums erinnert gefühlt haben, dabei manch Neues, nicht Einzuordnendes gehört haben – Crossover über die einzelnen Stücke, innerhalb der verschiedenen Frequenzen eines Stücks und irgendwie auch in einem einzigen Augenblick, zwischen verschiedenen Tönen. Die beiden Musiker selbst sagen über ihr Projekt, dass es „Geschichten von bewaldeten Bergketten und wilden Flüssen erzählt. Und dass ihre Melodien, Beats und Gedanken eine Ästhetik erzeugen sollen, die von Arbeit, der Fremde, der Heimat und von dem Dazwischen berichten will. Es ist Musik, die uns hält, die uns die Vielfalt der Welt zeigt. Erschaffen, um uns zu fangen, um unsere Seelen zu retten.“ Dargestellt wurde die Musik durch den sich ständig in Bewegung befindlichen Chaspa, der Tonspur über Tonspur legte (und zwischendurch sogar meinte, er habe zu kämpfen) und den beinah stoisch ruhigen Menya, der mit seiner Trompete Reinheit und Klarheit verkörperte.

So verschieden das Temperament der beiden Musiker auf der Bühne war – so verschieden war auch die Botschaft, die sie mit dem Projekt verbinden. „Ich habe Angst“, war eine der ersten Aussagen von Chaspa. Er lebe gerne in München, verfolge aber die Entwicklungen in seinem Heimatland Bosnien mit großer Sorge. Er beobachte eine weiter fortschreitende nationalistische Segregation, die mit dem Ende des Krieges keineswegs abrupt zu Ende gewesen sei. Und er wundere sich, dass international kaum Sorge über das faktische Einparteiensystem in Serbien geäußert werde. Mit „Die Arbeiterklasse schreitet ins Paradies“ wolle er darauf aufmerksam machen, dass immer mehr Menschen aus den ehemals jugoslawischen Staaten auf der Suche nach Arbeit diese Länder verlassen. Und dass diese Menschen nationalistisch geprägt aufgewachsen seien, dass auch die  internationale Tendenz zu mehr politischen Populismus in jenen Ländern auf besonders fruchtbaren Boden falle. Er wünsche sich ein stärkeres Europa und dass die Menschen in den Nachbarländern des Balkans, wozu er Deutschland rechnet, genauer hinsehen und sich bewusst werden, dass Nationalismus vor Grenzen keinen Halt mache, sondern auch exportiert werden könne. Er fügt hinzu: „Ich habe erlebt, wie schnell bloße Rhetorik in Gewalt umschlagen kann.“ Der aus Ungarn stammende Musiker Menya meinte im anschließenden Gespräch mit Denijen Pauljević, dass er nicht nur von Europa sprechen wolle, sondern ihm daran liege, einen allgemeinen, weltumspannenden Humanismus zu leben. Volksmusik sei eine seiner Ausdrucksformen, weil sie aus dem Volk stamme und gegen nationalistische Tendenzen verteidigt werden müsse. Nur wenige Minuten dauerte das Gespräch zwischen Chaspa und Denijen, schon kamen die ersten Wortmeldungen aus dem Publikum. Einige, die dem Konzert von weiter hinten im Raum gelauscht hatten, rückten mit nach vorne, es kam zu einem regen Austausch mit den Künstlern und innerhalb des Publikums. Uneinigkeit herrschte unter anderem darüber, ob „man“ sich „in Deutschland“ tatsächlich zu wenig Gedanken über den Balkan mache. Oder darüber, ob es die EU den Kulturschaffenden tatsächlich schwer mache, gemeinsame Projekte umzusetzen. Eine andere Diskussion drehte sich um die Feststellung, dass Künstler mit migrantischem Hintergrund zwar oft sehr leicht Anschluss finden, aber immer wieder im Rahmen eines bestimmten Stereotyps gebucht werden. In Chaspas Fall heißt das, dass er sich, als Nirvana-Fan aus Bosnien, die Bouzouki erst in Deutschland für diverse Balkanprojekte aneignete.

Das Meet your neighbours-Konzept wurde an diesem Abend insofern perfekt umgesetzt, als die Menschen auf der Bühne sofort mit den Menschen auf den Ledersofas davor ins Gespräch kamen. Freilich waren auf beiden Seiten keine oder nur sehr wenige Neuankömmlinge vertreten (denn Chaspa und Menya kann man längst zu alteingesessenen Künstlern rechnen) – aber dafür Menschen unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster Herkunft, die neben einem bewegenden musikalischen Auftritt ganz sicher die Anregung mitnahmen, sich mit den Balkanstaaten mal wieder jenseits ihres Strandurlaub zu befassen. Und wenn Chaspas These, dass verschiedene Kultur-Projekte in München viel zu wenig miteinander kommunizieren, stimmt, dann hat dieser Abend darüber hinaus das  Köşk und die Glockenbachwerkstatt (Chaspas musikalische Heimat), Westend und Glockenbachviertel zusammengebracht und den Blick einmal mehr auf die Mehrheitsgesellschaft und ihren Umgang mit dem Fremden zurückgelenkt.

Aufmerksam lauschten die Gäste den Klängen des Duos. Foto: Lisa Hörterer
Der Musiker Menya Arnold hatte verschiedenste Instrumente dabei. Foto: Lisa Hörterer
Zum Beispiel eine Trompete und …Foto: Lisa Hörterer
…technische Hilfsmittel. Foto: Lisa Hörterer
Das anschließende Gespräch mit dem Publikum war sehr angeregt. Foto: Lisa Hörterer
Die Veranstaltung war gut besucht. Foto: Lisa Hörterer

Die Veranstaltungen der Meet your neighbours–Reihe finden statt in Zusammenarbeit mit der Allianz Kulturstiftung und der Stiftung :do. Die Veranstaltung am 27. März war eine Kooperation mit dem şk.