Im Gespräch mit der Künstlerin Alina Amer

FLAX (Foreign Local Artistic Xchange) ist ein Mentoring-Programm für geflohene Künstler*innen und ein Netzwerk für kulturelle Kollaborationen. Hier stellen wir einige der Künstler vor, mit denen FLAX auf unterschiedliche Weise zusammenarbeitet. Den Auftakt macht ein Interview mit der syrischen Künstlerin Alina Amer.

Alina Amer während der performativen Installation „Bureau De Langue” des brasilianischen Künstlers Paulo Nazareth im Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt. Juni 2016. Foto: Juliane Kuttner, Copyright: Frankfurter Kunstverein
Alina Amer während der performativen Installation „Bureaux de Langue” des brasilianischen Künstlers Paulo Nazareth im Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt. Juni 2016. Foto: Juliane Kuttner, Copyright: Frankfurter Kunstverein

Sie wurden in der Ukraine geboren, haben ein Studium der Architektur und Stadtplanung an der Universität Damaskus abgeschlossen und sind dann 2013 wegen des Krieges nach Beirut gezogen. Seit 2015 leben und arbeiten Sie als Künstlerin in Berlin. Was bedeutet “Nationalität” für Sie?

Ehrlich gesagt, das Label “junge, syrische Künstlerin” kann Türen öffnen. Gleichzeitig kann diese Bezeichnung aber auch einengend sein. Sprache, Nation, Religion, Rasse – diese Kategorien genügen nicht, um eine Identität zu beschreiben. Schauen Sie sich um! Wir sitzen in der Ausstellung des brasilianischen Künstlers Paulo Nazareth: Aqui é Arte. Die Austellung wurde von Franziska Nori für den Frankfurter Kunstverein kuratiert und wird als Teil des Festivals “Projeto Brasil” im Mousonturm Frankfurt gezeigt. Ich nehme an Nazareths performativer Installation “Bureaux de Langue” teil. Ich mag seine Arbeit sehr. Sie beschreibt die Herausforderungen, die entstehen, wenn man mit Menschen in Kontakt tritt. Es geht um die Frage, ob man zu einer Gemeinschaft dazugehört – oder nicht. Natürlich hat dies auch politische Auswirkungen. Aber um Ihre Frage zu beantworten: individuelle Identität oder künstlerisches Profil haben nichts mit Nationalität zu tun.

In Ihren Werken verwenden Sie verschiedenste Medien: Fotografie, Malerei, Installationen. Wann haben Sie mit Performance-Kunst begonnen?

Angefangen habe ich mit Mixed Media, mit Bildern, Skulpturen und Video-Kunst. Ich habe einige konzeptionelle Studien über geschlossene Wassersysteme gemacht. Schon bald hat mein Ansatz größere Dimensionen angenommen. Momentan habe ich das Gefühl, dass ein theaterähnlicher Rahmen für meine Arbeit förderlicher sein könnte.

Sie arbeiten noch immer in den Themenbereichen Wasser, Schmutz und menschlicher Körper.

In Gedichten entdeckte ich den Topos des Kindes, das sich weigert, sich zu waschen. Kennen Sie die berühmte russische Geschichte Moydodyr von Karnei Chukovsky? In Deutschland hat man den Struwwelpeter, der sich nicht waschen will. Beide Kinder in diesen Geschichten sehen schwarz aus, haben wilde Haare und sträuben sich vor dem Waschen. Noch ein Beispiel: Frauen werden oft mit schmutzige Körpern assoziiert. Daraus wurde in einigen Religionen die Idee abgeleitet, dass eine Frau während ihrer Periode nicht beten oder Gotteshäuser betreten darf. Meine Recherche befasst sich allgemein mit Schmutz und dessen Sozialgeschichte. Was Schmutz in einer Kultur ist, mag in einer anderen Kultur Sauberkeit sein. Diese Idee fand ich in Terrance Mclahen’s “Dirt as a Social History: Uses and Abuses of Dirt” (“Schmutz als Sozialgeschichte: Nutzen und Missbrauch von Schmutz”). In meiner Recherche analysiere ich verschiedene kulturelle Rituale und wie sie Wasser nutzen. Ich interessiere mich für Fragen wie: Was bedeutet der Prozess des Reinigens für sie? Was wird als schmutzig betrachtet? Was als sauber? Führt physischer zu psychischem Schmutz?

Meine Recherche ist auch auf Abwasserkanäle und Kanalisationen fokussiert; die versteckten unterirdischen Infrastrukturen von Städten, das System, welches mit den Abfällen des täglichen Lebens gefüllt ist. In unserer modernen Gesellschaft und den urbanen Strukturen werden Schmutz und Abfall mit großer Sorgfalt versteckt. Chemisch verseuchtes Wasser wird unterirdisch und weit weg von Städten versteckt. Unsere Desillusionierung bezüglich Schmutz und wie wir uns davor zu schützen suchen, beschäftigt mich täglich. Dieses Phänomen ist ähnlich wie unsere Distanziertheit zum Tod. In der Vergangenheit wurden Rituale, die mit dem Sterben zu tun haben, als normal angesehen. Frauen waren daran gewöhnt die toten Körper ihrer Angehörigen zu waschen. Ihnen wurde beigebracht, den Tod als eine normale Phase des Lebens zu akzeptieren, doch der Fortschritt und die modernen gesellschaftlichen, architektonischen und technologischen Strukturen haben uns von der Idee des Sterbens distanziert und unsere Einstellung zum Schmutz ist genauso.

Zum Thema des weiblichen Körpers – welche Künstler haben Ihre Arbeit beeinflusst?

Natürlich bin ich mir der Tradition der weiblichen Körper-Performance bewusst, wie es Marina Abramovic oder Regina José Galindo tun, aber mein künstlerischer Ansatz erfolgt nicht durch die Wahl des Mediums. Vielmehr war ich anfangs von Fakten und historischen Entwicklungen beeinflusst. Ich habe viel zu den Themen Schmutz und Hygiene recherchiert. Die verschiedenen Waschrituale zu untersuchen, führte mich zum Thema des Abwassers. Ich entdeckte die Kanalisation als die versteckte Kehrseite der Zivilisation, und damit die Frage, wie wir damit verbunden sind. Meinen Körper zu benutzen, war einfach der nächste logische Schritt.

Ihr neuestes Werk zeigt Sie in einer Badewanne sitzend. Mit einer Bürste schrubben Sie sich Ihr Gesicht und Ihre Haut, bis Sie bluten.

Bei Station Beirut habe ich an dem Gemeinschaftsprojekt “Irrational Loop” teilgenommen, welches aus Videos, Installationen und Performances bestand. Die Performance wurde anstatt im normalen Ausstellungsraum in der Toilette der Galerie gezeigt. Eine Live-Übertragung wurde auf vier Bildschirmen präsentiert. Eine davon lief über die Sicherheitskamera, was eine Schleife zwischen der privaten Toilette und dem Austellungsraum herstellte. “Eine Performance in einer Badewanne in einem geschlossenen Badezimmer, für den Zweck des Anlasses, es erinnert an die Anleitungen für Kinder, wie man so sauber wie möglich werden kann, um letztendlich in die Bedeutungslosigkeit der Gesten abzugleiten, die nur zum Selbstzweck ausgeführt werden. Die Rituale, die das Dogma überwinden sollten, sind selbst zum Dogma geworden.”

Kann man dies als politisches Statement verstehen?

Dies ist keine Kritik. Ich bin nur Teil des Systems. Wir sind umgeben von Schmutz, nicht nur in den physischen Überbleibseln des Alltags. Politische Programme, vergiftete Gedanken, Gewalt, du kannst ihnen nicht entkommen. Nicht mal durch mein obsessives Waschen. Durch den Wasserhahn kommt immer wieder das gleiche Wasser. Das ist nichts Neues. Die symbolische Bedeutung von der Befreiung von Schmutz ist sehr alt. Während der Französischen Revolution haben sich psychisch Kranke und Kriminelle in der Kanalisation versteckt. Bis die Aristokraten sie reinigten. Pierre Bruneseau initiierte die erste Reinigung seit dem Bau der Pariser Kanalisation. Später gab es dann touristische Ausflüge, in denen Leute bequem auf ihren Sänften durch die Kanäle getragen wurden. Schmutz ist endlos, wir haben uns nur daran gewöhnt ihn nicht zu beachten.

An was arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite an einem neuen Video. Teil davon wird eine Dokumentation meines eigenen Begräbnisses sein. Ich habe mit verschienden Materialien experimentiert, welche mir ermöglichen, meinen Körper in einer transparenten Membran zu modellieren, die wie eine zweite Haut aussieht. Das Video zeigt, wie ich eine Leiche wasche, die eine Kopie meines eigenen Körpers ist. Ich wasche und begrabe die Leiche nach den Anweisungen des islamischen Bestattungsrituals.

Wird es eine Ausstellung geben?

 Ich bin sehr glücklich, dass der Frankfurter Kunstverein mich eingeladen hat, Teil der perfomativen Installation “Bureaux de Langue” zu sein. 2017 werde ich auch am Shubbak Festival in London teilnehmen.

Welche Institutionen oder Netzwerke sind Ihrer Meinung nach hilfreich für junge Künstler?

Zuallererst braucht ein Künstler einen Ort zum Arbeiten. Dies ist aber nicht nur im Interesse des Künstlers, jede Stadt braucht Platz für kreative Gemeinschaften. Ich bin sehr glücklich, ein kleines Studio gefunden zu haben, wo ich meine Ideen und Kunstwerke entwickeln kann. Zweitens ist es für meine Generation sehr wichtig, Zugang zu Wissen und Informationen zu erhalten. Dies könnte in Form von Workshops oder Stipendien sein, es muss nicht unbedingt an Universitäten geschehen, die meist spezifische Interessen fördern. Ebenfalls sehr wichtig ist die Sichtbarkeit unserer Arbeit. Neben den großen kulturellen Institutionen, sollte es auch der Gesellschaft möglich sein, einen Einblick in unsere Arbeit zu bekommen, zum Beispiel in Pop-up-Projekträumen.

Wie erging es Ihnen in der Zusammenarbeit mit FLAX?

Die Zusammenarbeit mit FLAX läuft seit vier Monaten. Sie suchten in Deutschland neuankommende Künstler, Autoren und Musiker. Zusammen diskutieren wir die Schwierigkeiten, die wir hier bei der Weiterführung und Verbreitung unserer Arbeit erfahren. Die Newsletter erweisen sich als nützlich, es ist eine Kollaboration. In Sitzungen werden neue Strategien besprochen, wie man es Neuankommenden aus allen Ländern, nicht nur aus Syrien, leichter machen kann.

Gibt es einen Link zwischen der jungen syrischen Künstlergemeinde und der europäischen Kunstszene?

Szenen fliessen immer ineinander. Sobald du anfängst darüber nachzudenken, wirst du eine Verbindung finden.

Übersetzung aus dem Englischen und redaktionelle Betreuung: Hannah Newbery

Das Originalinterview führte Franziska Nori für den Frankfurter Kunstverein in englischer Sprache im Juni 2016.