Freundschaften schmieden – Ein Interview mit Tamim Masood über das Kunstprojekt „Odyssee“

Tamim Masood, 22, war in Afghanistan Journalist, bevor er im Oktober 2015 nach Deutschland kam. Im Kurzinterview erzählt er von seinen persönlichen Erfahrungen während der Entstehungsphase des Kunstprojekts „Odyssee“, das vom Künstler und Stahlbildhauer Georg Friedrich Wolf ins Leben gerufen wurde. Im Dezember 2016 wurde das Projekt aus dem hessischen Habitzheim in Berlin präsentiert.

von Christine Schmutzler & Miriam Zlobinski

Vorschaubild Porträt von Tamim Masood. Foto: Louisa Löwenstein
Tamim Masood. Foto: Louisa Löwenstein

Wie hast Du von dem Kunstprojekt erfahren?

Die Schmiede des Künstlers Georg Friedrich Wolf liegt in Habitzheim. Hier lebe ich seit November 2015 mit etwa 35 anderen Newcomer*innen aus Afghanistan, dem Irak und Syrien. Wolf hat sein Projekt von Anfang an speziell unter Einbeziehung der Newcomer*innen geplant und uns über die freiwilligen Asylbetreuer*innen vor Ort kontaktiert. Es ging darum, gemeinsam eine große Skulptur zu errichten und zunächst die Bestandteile – unter anderem hunderte von Eisennägeln – selbst zu schmieden. Die ersten Tage verliefen hektisch und etwas konfus. Das Projekt musste erst seine Form finden und die Leute verstehen, dass es sich um ein festes Projekt handelt, mit verlässlichen und pünktlichen Arbeitszeiten vor Ort in der Schmiede. Außerdem galt es, über einen Zeitraum von etwa drei Monaten rund 100 Newcomer*innen aus den umliegenden Orten in das Projekt einzubinden. Aufgrund meiner Deutschkenntnisse konnte ich hier mit sehr viel Übersetzungs- und Koordinationsarbeit helfen.

Du bist von Anfang an dabei gewesen. Wie hat sich das Projekt im Laufe des Jahres entwickelt?

Durch diese intensive Mitarbeit war ich seit Mai 2016 von morgens bis abends beschäftigt. Neben der Koordination habe ich gelernt, Nägel zu schmieden. Das war für mich absolutes Neuland, da ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine handwerklichen Tätigkeiten ausgeübt hatte. Ich konnte diese Kenntnisse auch an nachfolgende Mitarbeiter*innen weitergeben. Auch wenn sie aus anderen Ländern kamen als ich: Es gab immer Möglichkeiten der Verständigung. Bei Schwierigkeiten konnte ich die anderen im Team gut motivieren und ich habe mich jederzeit in die Arbeitsprozesse einbezogen gefühlt.

Bild davon, wie die Asylbewerber*innen die Skulptur in Berlin gemeinsam errichten. Foto: Mriiam Zlobinski
Gemeinsam errichten die Asylbewerber*innen die Skulptur in Berlin. Foto: Miriam Zlobinski

Georg Friedrich Wolf hat dich bei der Präsentation in Berlin als seine rechte Hand vorgestellt und Dir seinen besonderen Dank ausgesprochen. Was war deiner Meinung nach wichtig, um schnell in dem Projekt anzukommen?

Meine Deutschkenntnisse. Die verdanke ich vor allem den guten Kontakten zur ortsansässigen Bevölkerung. Ich spiele Fußball mit Habitzheimer Jugendlichen und habe viele Kontakte zu den freiwilligen Asylbetreuer*innen vor Ort. Wann immer es möglich ist, helfe ich zudem meinen Nachbar*innen und nehme mit den anderen Asylbewerber*innen an den Ortsfesten teil. Die Grundkenntnisse habe ich mir in einem dreimonatigen Deutschkurs vor Ort erarbeitet, der für alle Newcomer*innen angeboten wurde. Ferner hat mich der Sozialarbeiter der Gemeinde bei Problemen mit anderen Newcomern*innen oft um Mithilfe gebeten. Die Helfenden vor Ort haben uns auch bei den Behördengängen und Arztbesuchen begleitet und beim Ausfüllen der anfallenden Papiere geholfen, da ging die gemeinsame Arbeit weit über das Projekt hinaus. Die Zusammenarbeit fand ich immer angenehm und habe dabei viel gelernt – sowohl die deutsche Sprache und auch etwas Hessisch!

Gab es besondere Herausforderungen neben der Sprache?

Durch die ungewohnte Tätigkeit hatte ich in den ersten Tagen viele Blasen an den Händen, auch kleinere Brandwunden waren dabei. Wegen des schweren Hammers haben abends der Nacken und die Oberarme geschmerzt, aber gleichzeitig war da eine große Befriedigung, handwerklich zu arbeiten und mit anderen ein gemeinsames Projekt zu erschaffen. Durch Gespräche mit den anderen Newcomer*innen habe ich Einblicke in deren Lebensgeschichte und Schicksalsschläge gewonnen. Das hat mich tief berührt und meinen beziehungsweise die Lebensverläufe meiner Geschwister erträglicher gemacht.

Wie hast Du das Finale des Projektes miterlebt?

„Es war eine geile Woche“, war die Aussage aller Beteiligten, nachdem wir sieben Tage lang gemeinsam das Projekt fertiggestellt, gearbeitet, gegessen und gefeiert hatten. Ich habe eine Nacht im Zelt bei unseren Helfer*innen aus dem Westerwald übernachtet. Wir haben abends noch lange am Feuer gesessen und uns unterhalten. Leider war die Woche sehr schnell vorbei, ich hätte auch gerne vier Wochen mit allen verbracht. Immer wieder Neues zu lernen und auch bei Problemen nicht aufzugeben, war für mich enorm wichtig, um in Deutschland anzukommen und heimisch zu werden.

Du und Deine Geschwister waren auch in Berlin zur Präsentation der Skulptur. Wie war das für Dich?

Bereits während des Projektes kamen immer wieder Leute aus Berlin in der Schmiede und später beim Aufbau vorbei, mit denen wir engen Kontakt und viele gute Gespräche hatten. Ich war sehr stolz, dass meine Geschwister und ich mit nach Berlin fahren durften. Wir haben alle Berliner*innen, die uns in Habitzheim während des Projektes besucht haben, wiedergesehen, sie besucht und gemeinsam gegessen. Auch die Stadt haben wir uns angesehen und einen kleinen Einblick in die Deutsche Geschichte erhalten. Das war ein toller Abschluss und wir sind alle sehr glücklich, dass die Skulptur jetzt in Berlin steht.

Ein Bild der fertigen Skulptur mit allen Beteiligten. Foto: Tamim Masood
Die fertige Skulptur. Foto: Tamim Masood

Wie geht es jetzt für Dich weiter?

Derzeit absolviere ich eine Einstiegsqualifizierung zum Fachinformatiker bei einer Firma in Darmstadt, noch bis Ende August 2017. Danach hoffe ich, mit einer Ausbildung zum Fachinformatiker starten zu können. Ich warte noch immer auf einen Interviewtermin beim BAMF und hoffe in Deutschland bleiben zu können, um mir hier eine Zukunft aufzubauen. Ich möchte auch weiterhin in Habitzheim wohnen, da mir die kleine dörfliche Atmosphäre mit mittlerweile vielen bekannten, netten Leuten sehr gut gefällt und ich mich hier sehr wohl fühle. Schön wäre auch ein neues Projekt mit allen Newcomer*innen und Habitzheimer Bürger*innen.

 

Tamim Masood hat inzwischen eine Lehrstelle gefunden, sein Asylantrag dagegen ist noch immer nicht bestätigt.

Miriam Zlobinski hat die inklusive Kunstperformance „Odyssee“ bereits auf WIR MACHEN DAS vorgestellt. Hier geht es zum Beitrag.