Schwimmen gegen den Strom

Ise Bosch im Porträt – für Ihr Engagement wird sie mit dem deutschen Stifterinnenpreis 2018 ausgezeichnet. Lest hier über ihre ungewöhnliche Biografie und was ihr wichtig ist.

Foto: Lucas Wahl

Ise Bosch ist eine erstaunliche Frau. Ihr Großvater Robert Bosch war der Gründer des bekannten Unternehmens für Haushaltsgeräte. Als Erbin war sie von Geburt an reich. Trotzdem ist sie politisch links und kritisiert Steuerentlastungen für die Oberschicht. Auch ihr Aussehen ist erstaunlich. Sie kommt zum Bahnhof und holt mich ab, sie hat das selbst so vorgeschlagen. Ihre Kleider und Frisur sieht nicht aus wie die von reichen Frauen, die Haare sind nicht vom Friseur gestylt, ihre Kleider glitzern nicht, die Absätze der Schuhe klackern nicht auf dem Pflaster. Sie kommt auch nicht im Porsche oder Ferrari. Sie fährt im blauen Toyota vor.

Ise Bosch ist reich, ohne dass sie ihr Geld mit Arbeit verdient hat. Sie hat viele Jahre ihres Lebens genau aus diesem Grund mit schlechtem Gewissen gelebt. Der Großvater, den sie nie gesehen hat, hat ihr ein großes Vermögen hinterlassen, und Ise Bosch hat entschieden, das Geld nicht für teure Dinge zum Fenster rauszuwerfen. Sie hat Stiftungen gegründet, die Filia-Stiftung und die Dreilinden-Stiftung um damit Frauen und sexuelle Minderheiten zu unterstützen. Der Grund dafür geht zurück auf sie selbst und ihr Privatleben: „Ich habe 15 Jahre meines Lebens in Frauenbeziehungen verbracht und bin tief in feministische und lesbische Szene eingetaucht. Für Spenden und Unterstützung der Projekte braucht man eine gewisse Expertise”, sagt sie und fügt hinzu: „Dieses Thema ist stark vernachlässigt, es gibt nicht genug Verstehen und Unterstützung, daher fühle ich mich da immer gebraucht.”  Für Ihr Engagement wird sie jetzt mit dem deutschen Stifterinnenpreis 2018 ausgezeichnet.

Abschied von Kreuzberg und dem alternativen Leben

Ise Bosch schlägt vor, erstmal einen Spaziergang zu machen. In der Nähe ihre Hauses ist Wasser, wir wandern auf dem Uferweg. Das Haus ist bescheiden und erinnert an ganz normale Mittelschicht-Häuser. Es liegt in einem Dorf in der Nähe von Hamburg. Beim Spaziengehen erzählt sie aus ihrem Privatleben: Sie hat zehn Jahre hauptberuflich als Musikerin gearbeitet und lebte mit ihrer Freundin zusammen in Kreuzberg, in einem Bezirk mit vielen Migranten und einer lebendigen alternativen Szene. In dieser Zeit gab sie mit ihrer Musikband zusammen Konzerte, manchmal traten sie in coolen Clubs wie SO36 auf, wo häufig auch Homosexuelle feiern.

Später beschloss sie, das aufregende Leben in Berlin hinter sich zu lassen. Sie zog auf´s Land. Sie fing an, mit dem geerbten Geld Dinge zu machen, die sie für richtig hält. Sie hat es zum Beruf gemacht, zielgerichtet Projekte finanziell zu unterstützen und strategisch zu spenden – auf dem Weg zu einer egalitären Gesellschaft. „Ich hatte die Befürchtung, dass ich als Geldgeberin nur mit Geld gesehen werde. Aber in den Projekten und in meiner Arbeit als Geldgeberin konnte ich trotz des Geldes viele persönliche Beziehungen entwickeln. Ich habe langsam die Scheu verloren und angefangen mich mit dem Geld auch zu zeigen.”

Sie wechselt den Beruf. Sie ist nicht mehr Musikerin, sondern ihr Beruf ist jetzt, Geld auszugeben. Kontrabas spielt sie nur noch zum Vergnügen, vom Garten aus sieht man das Instrument hinter dem Fenster. Seit einigen Jahren hat sie einen Ehemann: Ihr Mann ist Kantor in Mecklenburg. Da spielt sie häufig Kontrabass in Orchester.

“Links zu sein ist für mich selbstverständlich”

Nach dem Spaziergang sitzen wir zu Hause und trinken grünen Tee. Sie erzählt, was ihr am Herzen liegt – von ihrer Arbeit, ihren Sorgen und schließlich von ihrem Großvater, dem bekannten Industriellen.

Robert Bosch hat, wie seine Enkelin, gespendet und andere finanziell unterstützt. Aber das war nicht sein Beruf, sondern er tat es dann und wann. Ise Bosch sagt: “Kaum war er zu Geld gekommen, fing er damit an.” Aber der Großvater, der zwei Weltkriege erlebt hat, gab Geld für eine andere Art von finanzieller Hilfe aus: „Sein zentrale Interesse war Bildung; Er selbst hatte eine schlechte Bildung genossen.”

Nach dem ersten Weltkrieg war alles Vermögen von Bosch außerhalb von Deutschland konfisziert worden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden seine Produktionsstätten in Frankreich, Großbritanien und den USA enteignet. Seine Enkelin sagt:  „Mein Großvater wurde in der Zeit des Nationalsozialismus  zunehmend frustriert und wütend und starb mit dieser Frustration und Verzweiflung.” Er half zusammen mit anderen, jüdische Leute aus dem Land zu bringen.

Höhere Steuern für Reiche

Die Enkelin von Robert Bosch ist nicht frustriert und wütend wie ihr Großvater. Aber sie schwimmt gegen den Strom. Im Vergleich mit ihrer Lage als reiche Frau und Erbin eines Großunternehmens hat sie merkwürdige Ansichten, die man von Reichen nicht erwarten würde. In ihren offiziellen Interviews hat sie häufiger gesagt, dass die Steuern für Menschen mit hohen Einkommen erhöht werden sollen. Sie selbst zahle gerne mehr Steuern, sagt sie. Das verwundert. Sie erklärt: „Es ist mir einfach deutlich, dass es in Deutschland eine Kluft zwischen den Menschen mit den größten Einkommen und denen mit dem geringsten Einkommen gibt. Das kann nur dann geändert werden, wenn die mit dem großen Einkommen oder Vermögen sehr viel Geld freiwillig hergeben oder dazu gezwungen werden. Aber das Gegenteil geschieht – für die Spitzenverdiener gab es über die Jahren Steuererleichterungen.” Sie findet es nicht seltsam, dass sie die Steuersenkung für Reiche kritisiert, obwohl sie selbst und ihre Familie von von einer solche Steuerentlastungen bemerkenswert profitiert haben könnten. „Ich bin ein Fan von einer egalitären Gesellschaft”, sagt sie. “Da sind dann alle gefragt – auch die mit dem größen Vermögen” Familie Bosch steht laut dem Manager Magazin auf die 33. Stelle in der Liste der reichsten Deutschen.

Auf ihrem Esstisch, wo wir zusammensitzen, liegen ein paar Deko-Objekte. Eine Hängematte hängt im Wohnzimmer. Ise Bosch ist eine vermögende Frau, und ihr Vermögen ist das Ergebnis von industrieller Produktion und Handel im privaten Sektor. Trotzdem sagt sie, sie gehört nicht zu den Leuten, die blind sagen: Privat macht alles besser. „Eine Hardcore liberale Einstellung ist für wenig Steuern und sehr viel privaten Sektor. Das sehe ich anderes: Soziale Verteilung funktioniert über Steuer. Ich finde, dass der radikale Liberalismus den Staat untergraben hat, das ist nicht nachhaltig und ist sozial schädlich.” Ich frage sie, ob sie politisch links eingestellt ist. Sie antwortet: „Natürlich! Links ist mir so selbstverständlich.”

Negin Behkam arbeitete für verschiedene Medien im Iran. Einige von diesen – wie etwa „Bahar“ und „Kaargozaraan“ – wurden von der Regierung geschlossen. Die Verfolgung von Journalisten nach der Wahl von Mahmud Ahmadinedschad brachte sie dazu, den Iran zu verlassen. In Deutschland arbeitet sie journalistisch viel zu Minderheiten. Sie studiert an der Freien Universität Wirtschaftswissenschaften. Seit Juli 2017 arbeitet sie in der persischen Redaktion von Amal, Berlin!

Amal, Berlin! informiert täglich um 11 Uhr auf Arabisch und Farsi darüber, was in der Stadt los ist. Das Wichtigste vom Tage wird ergänzt durch Reportagen, Interviews und Kommentare. 10 Journalisten und Journalistinnen aus Syrien, Afghanistan, Iran und Ägypten betreiben diese mobile Nachrichtenplattform als eine lokale Tageszeitung für das Smartphone. Amal, Berlin! ist ein Projekt der Evangelischen Journalistenschule und wird von der Evangelischen Kirche in Deutschland finanziert. Es wurde 2017 als „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“ prämiert. www.amalberlin.de.