Was tun? Beitrag aus dem philosophie Magazin

Im aktuellen philosophie Magazin: 27 Philosoph_innen zur Lage Deutschlands angesichts der Krise der Flüchtlingspolitik. Hartmut Rosa stellt sich der Frage: Ist das Konzept einer „globalen Verantwortung“ notwendig eine Überforderung?

von Hartmut Rosa

Artikel "Was tun? Philosophen zur Flüchtlingskrise" aus dem Philosophie Magazin Februar/März 2016. Foto: plainpicture/Westend61
Artikel „Was tun? Philosophen zur Flüchtlingskrise“ aus dem Philosophie Magazin Februar/März 2016. Foto: plainpicture/Westend61

Der Begriff der Verantwortung suggeriert eine klare, individu­elle Zurechnung von Handlungsfolgen. Als solche ist das Konzept einer globalen Verantwortung nicht nur eine Überforderung, sondern sogar ein gefährlicher Unsinn. Es ist Symptom für ein Problem, das uns an der Welt verzweifeln lässt. Wer hört, er oder sie trage Verantwortung nicht nur für das Wohlergehen der Menschen in Deutschland und in Europa, sondern auch für die in Afrika, Asien und Lateinamerika und darüber hinaus auch für das Weltklima, die Eisbären und für die Lebensmöglichkeiten zukünftiger Generationen, muss sich überfordert fühlen. Es ist nicht nur folgerichtig, sondern geradezu moralisch geboten, sich zu weigern, all diese Verantwortungen zu übernehmen.

Was die Überforderung bewirkt, ist eine Selbsterfahrung und ein Selbstgefühl der atomisierten Vereinzelung. Wir erfahren uns als abgetrennten, vereinzelten Teil in einer riesigen, grausamen, kalten und vor allem unüberschaubaren Welt, in der wir mit allen und allem anderen nur kausal oder instrumentell wechselwirken. Ich habe keine Ahnung, ob meine Weigerung, hier in Europa ein Handy mit Coltan aus Afrika zu kaufen, dort wirklich ein Kind rettet oder am Ende gerade dazu führt, dass es verhungert, weil seine Ausbeuter es nicht mehr brauchen. Wir leben längst in einer hochdynamischen Welt, in der wir im Grunde auch keine eindeutige Verantwortung mehr für uns selbst übernehmen können. Aber das muss, das kann und das darf uns nicht daran hindern, uns mit den anderen, mit allen anderen, verbunden zu fühlen. Ich bin nicht verantwortlich für das Kind im Kongo. Aber ich fühle mich mit ihm verbunden. Sein Schicksal ist mir nicht gleichgültig, es geht mich etwas an, es berührt mich, mir liegt etwas daran, dass es ihm gut geht. Ich kann geradezu leiblich spüren, wie die Zurückweisung dieses Gedankens zu einer inneren Verhärtung und damit zu einer Veränderung meines Weltverhältnisses führt, und genau diese setzt mich dann als abgetrennten Einzelnen unmittelbar den Überforderungen des Alltags aus. Die Welle in der Nordsee ist nicht verantwortlich für die Strömung am Golf von Mexiko, aber sie ist wie jene Teil des Meeres. Wenn wir uns als Teil eines lebendigen Geschehens wahrnehmen, denken, fühlen und handeln wir anders. Fremde, Flüchtlinge begegnen uns dann nicht als Problem- oder Versorgungsfälle, denen wir etwas schulden oder für die wir verantwortlich sind, sondern als Verwandte, die uns unmittelbar etwas angehen und in deren Augen uns eine Aufforderung zur Begegnung erreicht. Verbundenheit ist etwas anderes als Verantwortung; in ihr liegt nicht in erster Linie und nicht nur eine (abstrakte) Verpflichtung, sondern vor allem ein (unmittelbarer) Motivationsgrund, globale Zusammenhänge in unserem Handeln mit zu bedenken. Mitverantwortlich aber sind wir dafür, ob wir uns als abgetrennt oder als verbunden begreifen.

Dieser Artikel erscheint im Philosophie Magazin Nr. 2/2016.