Jede*r kann ein Vorbild sein

Für die Fotoausstellung „Flucht nach vorn“, die Migrant*innen und Menschen mit Fluchterfahrung als Vorbilder zeigt, hat Kuratorin Ronja Sommerfeld vom Berliner Afrika Medien Zentrum e.V. viele Gespräche geführt. Aber was ist eigentlich ein Vorbild und geht das Ausstellungskonzept auf? Eindrücke von der Vernissage.

von Corinna von Bodisco

Foto: Corinna von Bodisco
Hervé Tcheumeleu, Geschäftsführer von AMZ, während seiner Eröffnungsrede bei der Ausstellung “Flucht nach vorn” in Berlin. Foto: Corinna von Bodisco

 

Als ich den schlichten Ausstellungsraum betrete, unterhält sich Kuratorin Ronja Sommerfeld gerade angeregt auf Französisch und ermuntert Besucher*innen, sich etwas zu trinken zu holen. Die Stimmung ist herzlich, ich nehme mir einen Saft und schaue mich um.

Die Ausstellung des Berliner Afrika Medien Zentrums e.V. (AMZ) findet in den Räumen des Europäischen Integrationszentrums Berlin (EIZ) statt. Sie zeigt Migrant*innen und Menschen mit Fluchterfahrung als Vorbilder – sei es mit Blick auf ihren Beitrag zu unserer Gesellschaft oder auf die Hürden, die ihnen auf dem Weg der Integration hier begegnet sind.

Aber was ist eigentlich ein Vorbild? Ein Ideal, ein Star? Ich frage Hervé Tcheumeleu Kameni, Geschäftsführer des AMZ und Herausgeber des LoNam Magazins. „Jeder ist ein Vorbild für etwas Bestimmtes“, meint er. Lieber aber betrachte er andere als Vorbilder – nicht sich selbst, fügt er hinzu. Diese Haltung ist durchaus nachvollziehbar: Ein Vorbild wird in den Fokus gerückt und erhält Aufmerksamkeit von einzelnen oder einer Gruppe. Das ist nicht immer angenehm. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum leider niemand der Porträtierten an diesem Januarabend anwesend ist. Ein anderer ist wohl, dass die meisten nicht in Berlin wohnen.

Die lebensgroßen Porträtfotos auf den langen Papierbahnen wirken beinahe wie Statuen, nah an der Wand und trotzdem raumeinnehmend. In ihrer Größe und Präsenz lassen sie spüren: Die hier abgelichteten Personen stehen für etwas. Sie sind da und gehören zu uns. Neben den Fotos sind Zitate und Kurzbiografien der Porträtierten abgedruckt. „Flüchtling zu sein ist eine Situation, die hoffentlich ein gutes Ende nimmt. Es ist niemals ein ‚Titel’ oder ein Kennzeichen für irgendeine unglückliche Person“, steht auf dem Porträt von Thomas Mboya Ochieng. Der gelernte Pädagoge, so lese ich auf der Informationstafel, floh 2009 von Kenia nach Deutschland und arbeitet als Ehrenamtskoordinator für die Flüchtlingshilfe in Eberswalde. Dort ist er Ansprechpartner für Ehrenamtliche und Neuangekommene, vor allem was Beschäftigungsmöglichkeiten oder Spracherwerb betrifft.

Nach meiner Runde durch den Raum unterhalte mich mit Ronja Sommerfeld über die Entwicklung der Fotoausstellung. „Es geht darum, sich nicht zu verstecken, sondern das Thema Flucht einmal anders in den Blick zu nehmen. Das meint, dass Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung schon längst dazugehören, sich engagieren und Teil unserer Gesellschaft sind“, so die Kuratorin. Um diesen Gedanken zu verstärken, zeigt ein Foto die Porträtierten neben bekannten Persönlichkeiten, die während der NS-Diktatur lange Zeit im Exil verbrachten. Der Fokus liegt dabei auf den Tätigkeiten der fotografierten Personen – Journalismus, Politik und Jugendarbeit –, nicht etwa auf einem besonderen Status.

Die Ausstellung „Flucht nach vorn“, die noch bis Ende März zu sehen sein wird, gehört zu einem größeren, gleichnamigen Projekt, bei dem auch Diskussionen und internationale Kochabende angeboten werden. „Es geht uns besonders um den gegenseitigen Austausch und Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung sind immer die Akteur*innen“, erklärt Sommerfeld. Zum Beispiel habe das Angebot „Vorbilder treffen“ des AMZ zum Ziel, dass Menschen in ihrem beruflichen Fachgebiet Kontakte knüpfen. So ist im März ein Besuch bei der Berliner Polizei für all jene geplant, die sich für dieses Berufsfeld interessieren. Gerade Jugendlichen mit Migrationserfahrung fehlten öffentliche Vorbilder, mit denen sie sich identifizieren können, so die Kuratorin.

Dass es trotzdem noch immer nicht selbstverständlich ist, die Porträtierten nicht auf ihr Anderssein zu reduzieren, sondern als Teil unserer Gesellschaft zu begreifen, zeigt sich leider auch an diesem Abend. In seinem Impulsvortrag „Fuß fassen in der neuen Heimat“ ermutigt der Politik- und Sprachwissenschaftler Serge Aka Neuangekommene dazu, mit Alteingesessenen in Kontakt zu treten – etwa bei Veranstaltungen wie dieser. „Veranstaltungen wie die Kölner Silvesternacht meinen Sie aber nicht, oder?“, tönt es in diesem Moment aus dem Publikum. Es dauert einen Moment, bis das Gesagte registriert wird, doch der Besucher übernimmt erneut das Wort: „Ja, bei solchen engagierten Leuten, wie sie hier vorgestellt werden, wünscht man sich, dass sie Vorbilder für alle wären. Aber sie haben eben Persönlichkeitsmerkmale, die andere von ihnen nicht haben.“ Was passiert hier gerade?, frage ich mich. In diese Anspannung hinein sagt eine andere Besucherin: „Darf ich Sie bitte unterbrechen? Die Unterstellung ist nicht nur gegenüber den hier anwesenden Veranstalter*innen und Zuhörer*innen unangebracht, sondern vor allem gegenüber denen, die Sie als ‚andere Hälfte’ bezeichnen, auf die der Funke nicht überspringen würde.“ Damit ist die kurze Irritation auch schon wieder vorbei und eine Diskussion hat sich nicht entwickelt. Aber es stimmt mich nachdenklich: Besuchte besagter Gast die Ausstellung einzig mit dem Ziel der Provokation? Nach dem Vortrag jedenfalls gibt er der Kuratorin Tipps, was sich am Layout der Porträts verbessern ließe. Ich unterbreche die beiden, um Frau Sommerfeld noch ein paar Fragen zu stellen. Erleichtert dreht sie sich in meine Richtung. Dennoch: Das  Gespräch mit den Provokateur*innen sollten wir weiterführen. Das nehme ich mir für das nächste Mal vor.

Auf dem Heimweg treibt mich dann wieder die Frage des Abends um: Was ist eigentlich ein Vorbild? Vielleicht hilft bei der Beantwortung ein Gedanke des Porträtierten Ruhin Ashuftah: „Man braucht eine positive Einstellung. Wie mir selbst auch gesagt wurde: Du musst auf die Gesellschaft zugehen, auch wenn sie nicht auf dich zugeht […] den Leuten, egal, wie oft du nein hörst, trotzdem freundlich entgegentreten und es weiter versuchen, bis sie einsehen: Du gehörst doch dazu.“

Die Ausstellung „Flucht nach vorn“ wird im Laufe des Jahres noch erweitert, auch ein begleitender Katalog soll erscheinen. Bis Ende März kann sie im Europäischen Integrationszentrum (Harzer Straße 51-52, 12059 Berlin) von Montag bis Freitag zwischen 9 und 16 Uhr besichtigt werden. Danach zieht sie ins Afrika Center Berlin-Schöneberg.