Kandel ist aktiv

Das besondere an Kandel ist der soziale Zusammenhalt, die riesengroße Hilfsbereitschaft untereinander.

von Patricia Bonaudo

Bistro International in Kandel. Foto: Patricia Bonaudo
Bistro International in Kandel. Foto: Patricia Bonaudo

Kleinstädte und Dörfer haben etwas, was wirklich nervig sein kann und manchmal eben doch ganz hilfreich ist: Zusammenhalt. Wer auch fernab der Großstadt nicht untätig rumsitzen möchte, ist im „Bistro International“ in Kandel genau richtig.

Moabit hilft! Kreuzberg hilft! Friedrichshain hilft! – In Berlin hat fast jeder Bezirk eine Willkommensinitiative. Wer sich engagieren möchte, informiert und vernetzt sich in den sozialen Netzwerken. Das ist gut und wichtig, denn in Berlin kommen täglich hunderte von Menschen an und müssen leider noch immer mit dem Allernötigsten versorgt werden. Aber auch fernab von Berlin, in den Kleinstädten Deutschlands, werden Menschen aktiv. Statt Angst zu haben, wollen sie anpacken.

Kandel in der Pfalz, eine klitzekleine Kleinstadt 20 km vor Karlsruhe, ist so ein Beispiel. „Das besondere an Kandel ist der soziale Zusammenhalt, die riesengroße Hilfsbereitschaft untereinander“ erzählt Gudrun im „Bistro International“, einem offenen Treffpunkt, wo sich jeden Freitag von 16 bis 18 Uhr Menschen aus aller Welt bei Kaffee und Kuchen treffen und ins Gespräch kommen. Hier werden Fragen gestellt, Probleme besprochen und es wird ganz unkompliziert zwischenmenschliche Hilfe geleistet.

„In Kandel wird nicht lang überlegt“, erzählt Petra vom Frauen- und Familienzentrum. „Die Dorle zum Beispiel, die ist über 70, die wollte einfach was machen und kam zum Waffeln backen vorbei. Als sie mitbekommen hat, dass Fahrräder gebraucht werden, stand sie zwei Tage später mit drei Rädern da.“ Solche Geschichten bekommt man hier viele erzählt. Vom Optiker, der einfach die Augen vermisst, kostenlos und unbürokratisch. Von Leni*, die Nabil* einfach so ein Zimmer zur Verfügung stellt und ihm Deutsch beibringt. Von Julia, Alex, Paula, Franca, Karo und Lina, die mit ihren neuen Mitschülern Abdullah und Maan im „Bistro International“ Gesellschaftsspiele spielen und immer, wenn die protestantische Kirchengemeinde zu einem gemeinsamen Essen und Tanzen einlädt, zusammen nach Erlenbach fahren. Und natürlich die Geschichte von Annette und Anette. „Wir stehen in sehr engem Kontakt mit den Geflüchteten, erinnern sie an Termine, geben Informationen schnell weiter oder hören einfach nur zu“ erzählt eine der beiden. Sie haben über ihr ehrenamtliches Engagement zusammen gefunden und bringen nun gemeinsam einiges ins Rollen.

 

Die Ehrenamtlichen arbeiten unermüdlich gegen bürokratische Hürden, Vorbehalte, Vorurteile an und machen das Unmögliche möglich. Das ist auch in der beschaulichen Pfalz nicht immer ein leichtes Unterfangen. Wer sich engagiert, rückt in die Öffentlichkeit, wird zur öffentlichen Person, die sich für eine Sache einsetzt, die nicht jedem gefällt. Anfeindungen und private Übergriffe sind die weniger schönen Momente, genauso wie der wiederholte Brandanschlag auf eine Gemeinschaftsunterkunft in Herxheim, ein Dorf nur wenige Kilometer entfernt. „Ich habe vor Ort in der Kleiderkammer geholfen, es waren so viele schöne Sachen. Da ist buchstäblich ein Stück von allen, die was gebracht haben, mitverbrannt“ erzählt Annette.

Es wundert dennoch wenig, dass Mohammad, der eigentlich gerne in eine größere Stadt wollte, ganz froh ist in Kandel zu sein. Seit knapp einem Jahr lebt er schon in der Kleinstadt und ist ganz zufrieden damit, dass er einen Ausbildungsplatz ganz in der Nähe gefunden hat. Sulaimann, ein Apotheker aus Damaskus, freut sich schon darauf, bald seiner Frau und seinem einjährigen Kind, Kandel zu zeigen und seine neuen Bekannten vorzustellen. Auch Amin aus Ägypten ist ganz froh in Kandel zu sein. Er musste seine Heimat verlassen, weil er aufgrund seines Glaubens in Gefahr schwebte. Seine Familie fehlt dem 24 jährigen sehr und es fällt ihm schwer, dass er hier nicht arbeiten darf. Seit 2,5 Jahren wartet er nun schon darauf, endlich einen Termin zum Interview zu erhalten und er wünscht sich sehr, sich hier ein richtiges Leben aufzubauen. Kandel gefällt ihm gut, denn hier kann er in Frieden leben und offen zu seinem Glauben stehen. Ein kleines Tattoo am Handgelenk, ein Kreuz, erinnert daran, dass er sich nie wieder verstecken möchte. In Kandel wird sein Glaube respektiert, das soll für den Rest seines Lebens so bleiben.

Mohammad wanted to live in a metropolis but now he is very happy in Kandel. Foto: Patricia Bonaudo
Mohammad lebt seit einem Jahr in Kandel. Foto: Patricia Bonaudo

„Es geht um die nächste Stufe der Integration, die Menschen haben ein Recht darauf, hier in Frieden zu leben!“ sagt Anette bestimmt bevor sie die nächste Boule-Kugel wirft. Die Ehrenamtlichen in Kandel organisieren nämlich auch Sportaktivitäten, wie Boule, Boxen und Fußball in den Vereinen, beraten und begleiten bei Behördengängen und bieten kostenlose Sprachkurse an. Kreativ- und Musikkurse und noch Vieles mehr sind geplant. Menschen, die mitmachen und sich einbringen möchten, sind herzlich willkommen. Wer mag, kann einfach beim „Bistro International“ immer freitags ab 16 Uhr im Max und Moritz in der Rheinstraße 65 in Kandel vorbei schauen.

*Die Namen wurden aufgrund des Persönlichkeitsschutzes geändert