Studieren ohne Papiere – die *foundationClass

Wer flüchtet, muss oft nicht nur das eigene Zuhause, sondern auch Zeugnisse und Dokumente aus dem Studium zurücklassen. Ein Projekt an der weißensee kunsthochschule berlin will geflüchteten Studierenden den Einstieg an der Uni erleichtern.

von Patricia Bonaudo

Text_Ulf_Aminde_MG_1816
Prof. Ulf Aminde, Leiter der foundationClass. Berlin 2016. Foto: Juliette Moarbes

Das wichtigste muss in eine Tasche passen. Wer überstürzt seine Heimat verlassen muss hat eine ungewisse Reise vor sich. Papiere, Dokumente und Zeugnisse mitzunehmen, oder gar eine ganze Dokumentation der bisherigen Arbeit, steht dabei verständlicherweise nicht an erster Stelle. Das macht es vielen Menschen, die neu in Deutschland ankommen, unmöglich ein geplantes Studium zu beginnen oder ein bereits begonnenes Studium wieder aufzunehmen. Und selbst wenn die Dokumente und Zeugnisse vorhanden sind, werden sie in Deutschland häufig nicht anerkannt. Kurzum: Die Hürden zum Zugang zu einer deutschen Hochschule erweisen sich als kaum zu überwinden.

Deshalb startet die weißensee kunsthochschule berlin zum Sommersemester 2016 die *foundationClass. Die Klasse empfängt Studieninteressierte, die verloren gegangene Unterlagen, Abbildungen, Belege, Portfolios und Materialien zur Qualifikation für die jährlichen Eignungsprüfungen rekonstruieren und erstellen möchten. Der über ein bis zwei Semester geplante Kurs richtet sich an Geflüchtete, die in ihren Herkunftsländern entweder ein Kunst- oder Designstudium aufnehmen wollten, schon begonnen hatten, oder einen Studienwechsel anstreben.

Die Grundidee der *foundationClass ist dabei erst einmal die Infrastruktur der Hochschule, etwa Werkstätten, anzubieten und den Kontakt mit anderen Studierenden und Lehrenden zu ermöglichen. Dabei ist das Ziel die Interessierten Hochschulwechsler oder Anfänger auf die Eignungsprüfung für ein Studium an einer Kunst- oder Designhochschule vorzubereiten. „Im Idealfall sind die Absolvent_innen der *foundationClass Protagonist_innen im Hochschulkontext und später Protagonist_innen im Kunst- oder Gestaltungsbusiness.“ erklärt Prof. Ulf Aminde, Leiter der *foundationClass.

Die Studieninteressierten werden zunächst als Gasthörer aufgenommen. Im Zuge der *foundationClass erwerben sie Credit Points, also Leitstungspunkte,, die sie in ihr späteres Studium mitnehmen. Der Übergang in den Status als ordentliche Studierende nach Abschluss des Kurses ist das erklärte Ziel.
Ein festgeschriebener Lehrplan ist nicht vorgesehen. Aufbauend auf den Ideen und Vorstellungen, Bedürfnissen und Erfahrungen der Teilnehmer_innen wird gemeinsam der Lehrinhalt erarbeitet: „Was heißt eigentlich „Grundlagen“ vermitteln, wenn Menschen mit ihrem je eigenen Kunst – und Gestaltungsbegriff herkommen? Menschen, die vielleicht ein anderes Verständnis davon haben, was Malerei sein könnte oder sich in ihrer Arbeit auf einen Kanon der Bildsprachen beziehen, den wir an unserer Kunsthochschule in seiner Spezifik erst einmal kennen lernen müssen. Eine gemeinsame Grundlage muss erstmal erarbeitet werden, wir können so das Wissen des Grundlagenunterrichts an einer Kunsthochschule in Frage stellen“, erläutert Ulf Aminde.

Um der Heterogenität der Teilnehmenden Rechnung zu tragen, hat die Kunsthochschule Lehrende ausgewählt, die selbst aus unterschiedlichen Kontexten stammen und verstehen, was Flucht, Neuankommen und Neuanfang für einen Menschen bedeuten. „Mir war es wichtig hier Personen einzusetzen, die selbst Flucht- oder Migrationserfahrung mitbringen oder aus dem aktiven Unterstützer_innenumfeld kommen. Menschen, die ein ganz anderes Verständnis und eine andere Perspektive haben, als ich, der seit 30 Jahren in Berlin lebt. Menschen, die den kulturellen Switch, der unser Ziel ist, verkörpern.“ erklärt Ulf Aminde.

Bonaventure Ndikung, Azin Feizabadi, Marina Nabrushkina, Ali Mahmoud, Nasser Hussein und Ali Kaaf werden die Studieninteressierten den individuellen Interessen und Bedürfnissen entsprechend in die Fachbereiche hineinbegleiten. Ulf Aminde weiß um die besondere Herausforderung: „Das verlangt den Lehrenden totale Flexibilität ab, weil wir auf die individuelle Fragestellung der einzelnen Person eingehen müssen. Wir sind daran interessiert neue Formate des Austausches und des Teilens zu entwickeln.“

Dieser Ansatz gilt auch für das soziale Leben an der Kunsthochschule. „Was passiert wenn so viele unterschiedliche Menschen zusammen kommen und wie können Studieninteressierte in den Studienalltag hineinfinden?“ fragt sich Ulf Aminde und gibt auch gleich die Antwort: „Es ist eine ganz große Bereicherung, wenn Menschen aus unterschiedlichen Kontexten in einer heterogenen Gruppe zusammen kommen, das birgt eine große Chance.“ Begleitende Sprachkurse sorgen dafür, dass die Teilnehmenden weiter in Ihrer Autonomie gestärkt und befähigt werden am regulären Studienbetrieb teilzunehmen.

Sich auf Augenhöhe begegnen, die Grenzen zwischen Helfen und Teilhabe auflösen, das ist Ulf Aminde wichtig. Auch wenn es immer wieder kleinere und größere Hürden gibt und oft das Geld fehlt. Es ist beispielsweise noch völlig ungeklärt, wie das Mittagessen der Teilnehmenden in der Mensa finanziert werden soll. Ulf Aminde erläutert, warum aber gerade diese Teilhabe sehr bedeutsam ist: „Genau an der Stelle möchte ich Gleichberechtigung. Natürlich könnten wir einkaufen und Essen hier zubereiten, aber dann entsteht wieder eine Ausgrenzungssituation.“

Die Kunsthochschule ist nicht nur an dieser Stelle noch auf Spenden angewiesen. „Die Grundfinanzierung steht, bei allem weiteren müssen wir schauen, wie wir das finanzieren“ verdeutlicht Ulf Aminde. Wer die *foundationClass und die Kunsthochschule in der Realisierung unterstützen möchte, kann Geldspenden an das unten genannte Konto richten:

Konto-Nr.: 581515 100
Blz.: 10010010
IBAN: DE79100100100581515100
BIC: PBNKDEFF
Postbank Berlin
Titel: 28290
Kassenzeichen 0600300019225
Betreff: *foundationClass

Die Teilnahme in der *foundationClass ist als Gasthörer_in unentgeltlich.

Alle Fragen zur *foundationclass und dem Studium an der weißensee kunsthochschule berlin beantwortet: Miriam Schickler, Tel: 030-47705-342, foundationclass@kh-berlin.de
Offene Sprechstunden: Dienstag 13:00 – 16:00 und Donnerstag 10:00 – 12:00 Uhr und nach Vereinbarung

Der Kurs ist innerhalb der weißensee kunsthochschule berlin im Fachgebiet Künstlerische Grundlagen angesiedelt und wird von Prof. Ulf Aminde geleitet.

Als Lehrbeauftragte für die unterschiedlichen theoretischen und künstlerisch/gestalterischen Inhalte unterrichten im Sommersemester:
Theorie und Geschichte: Bonaventure Ndikung,
Photographie und Video/Digitale Medien Azin Feizabadi,
Zeichnen, Druckgrafik: Marina Nabrushkina,
Grafik- Produkt– und Textil–Design: Ali Mahmoud,
Malerei: Nasser Hussein,
Plastisch-Räumliches-Installatives Gestalten: Ali Kaaf.
Für die Begleitung in allen Fragen der Studienberatung und sozialer Belange steht den Kursteilnehmer_innen außerdem eine weitere Person zur Seite.