Kluge Informationen ohne klare Kante

„Wenn Menschen flüchten“ ist ein kleines Sachbuch für Kinder ab 8 Jahren. Es nähert sich den Themen Flucht und Migration auf informative und zugängliche Weise an, verschafft in simplen, kindgerechten Formulierungen einen Überblick und liefert erste Impulse um mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu gehen.

von Miriam Smidt

Illustrationen von Alexander von Knorre aus „Wenn Menschen flüchten“ von Susanne Schädlich, Carlsen Verlag 2016
Die Illustrationen in dem Kinderbuch „Wenn Menschen flüchten“ von Susanne Schädlich stammen von Alexander von Knorre, Carlsen Verlag 2016

Die Autorin Susan Schädlich geht chronologisch vor und stellt so zuerst die Frage, „warum flüchten Menschen?“. Sie zeigt unterschiedliche Gründe dafür auf: Krieg, Religion, Sexualität, Terrorismus, Armut oder Umweltzerstörung werden je in ein paar knappen Sätzen erläutert. Im Anschluss geht es darum, weshalb eigentlich so viele Menschen in Europa Schutz suchen. In einer Infobox werden in einfachen Sätzen die Genfer Konventionen erklärt.

Neben zahlreichen Zeichnungen und Infoboxen, einer Landkarte, in der verschiedene Fluchtwege nach Europa exemplarisch dargestellt werden, erscheinen im Buch zwei Erlebnisberichte von jugendlichen Geflüchteten:

Da ist der 16 jährige Abean, der erzählt, wie er von Syrien nach Jordanien floh, von dort aus mit dem Flugzeug in die Türkei und weiter mit einem Schlepper über das Meer nach Griechenland; um von hier aus durch Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland zu gelangen. 37 Tage mit Flugzeug, Boot, Bus, Taxi, Zug und zu Fuß hat die Familie hinter sich gebracht, um ihr Ziel zu erreichen, dennoch hat Abean das Gefühl, dass seine Verwandten irgendwann zurück möchten nach Syrien. Für ihn selbst „ist das vorbei“ – er möchte irgendwo in der Welt ein neues Leben beginnen.

In einem zweiten Erlebnisbericht erzählt Ronya, die schon vor vielen Jahren mit ihrer kurdischen Familie aus der Türkei nach Deutschland kam, ihre Geschichte. Sie berichtet dabei auch von ihren Erfahrungen offener Diskriminierungen. Leider verpasst es die Autorin, darauf näher einzugehen. Sie schneidet zwar an anderer Stelle die unterschiedlichen Positionen in der „Flüchtlingsdebatte“ an und verweist darauf, dass viele der Alteingesessenen „Angst“ haben vor dem Fremdem, ja dass es „sogar manchmal“ Angriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte gibt, bezieht jedoch keine Position. Sie fragt „Was steckt dahinter?“ und erklärt, „Es geht um wichtige Fragen: Wie viele neue Menschen kann ein Land aufnehmen? Wie wird sich das Land dadurch verändern? Wie kann es gelingen, dass alle gut zusammenleben? Darüber streiten Politiker überall in Europa und auch viele Bewohner der Länder reden sich die Köpfe heiß.“

Illustrationen von Alexander von Knorre aus „Wenn Menschen flüchten“ von Susanne Schädlich, Carlsen Verlag 2016
Karte mit Ronyas und Abeans Wegen. Illustration von Alexander von Knorre aus „Wenn Menschen flüchten“ von Susanne Schädlich, Carlsen Verlag 2016

Bei aller Neutralität, und Sachlichkeit, die zu dem Genre Sachbuch gehören dürfen, fällt dennoch auf, dass die Worte Rassismus und Diskriminierung in Schädlichs Text gänzlich fehlen.

So legt die Autorin, mit Unterstützung und fachlicher Beratung durch den Anwalt für Migrationsrecht Tim Kliebe und den UNHCR Deutschland ein kluges Sachbuch vor, das gut recherchierte Basisinformationen für Kinder aufbereitet, ohne sich jedoch im öffentlichen Diskurs zu positionieren. Offen bleiben die Fragen: Von wo aus spricht das Buch zu uns? Einige Möglichkeiten, auf sachliche und informative Art Stellung zu beziehen, hätten beispielsweise darin gelegen, tiefer in die Lebensrealitäten Geflüchteter einzutauchen, die Begriffe Rassismus und Diskriminierung zu erläutern oder die Künstlichkeit von Nationalstaaten und -grenzen historisch zu erörtern.

Das Buch kann als Basisinformation dienen, um mit Kindern im Unterricht oder zuhause erste Fragen zu klären, oder in das Thema allgemein einzusteigen. Menschen die sich bereits eingehender mit der Thematik befasst haben, werden jedoch schnell etwas Tiefgang vermissen. Das Buch schließt mit der Frage, „Was kannst du tun?“ Die Antwort „neugierig sein, Kopf einschalten, hinschauen“ darf in diesem Sinne ergänzt werden durch „mutig sein, Stellung beziehen!“

Illustration: Alexander von Knorre aus „Wenn Menschen flüchten“ von Susanne Schädlich, Carlsen Verlag 2016