Kommt, wir kaufen ein Schiff!

Jugendliche starten Initiative für private Seenotrettung.

von Theresa Schmidt

April 2015. Jakob Schoen (19) sieht in den Nachrichten die Meldung über das bislang größte Schiffsunglück im Mittelmeer: 800 Menschen kommen an diesem Tag vor Lampedusa ums Leben. „Wir haben zusammen auf dem Sofa gesessen und uns ohnmächtig gefühlt“, erinnert er sich. Jakob steht zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Abitur. In den kommen Wochen diskutieren er und seine Freunde viel darüber, wie sie der fehlenden politischen Handlungsbereitschaft konkrete Maßnahmen entgegensetzen können. „Ich hab dann irgendwann reingerufen: Kommt, wir kaufen ein Schiff!“

März 2016. Seit jenem Abend vor nicht ganz einem Jahr ist viel passiert. Jakob ist inzwischen 1. Vorsitzender des Vereins Jugend Rettet e.V. und Teil des achtköpfigen Berliner Kernteams – alles junge Erwachsene zwischen 19 und 28, darunter einige Berliner, andere sind aus NRW zum Studium in die Hauptstadt gekommen. Ihr Netzwerk erstreckt sich über 29 deutsche Städte bis nach Paris, Groningen und Liechtenstein. Sie engagieren sich ehrenamtlich neben Studium oder Berufsausbildung und sie alle eint der Gedanke an eine humanere, gerechtere und engagiertere Asylpolitik mit einem kollektiven Ziel: weniger Tote auf dem Mittelmeer. Und zwar mit Hilfe des Schiffs, von dem Jakob vor einem Jahr sprach.

Das Kernteam von Jugend Rettet von links nach rechts: Sahra, Pauline, Jakob, Alex, Matze, Lena und Sonja. Nicht im Bild sind: Jojo und Titus.
Das Kernteam von Jugend Rettet von links nach rechts: Sahra, Pauline, Jakob, Alex, Matze, Lena und Sonja. Nicht im Bild sind: Jojo und Titus. Foto: Jugend Rettet

Ihre Expertise für die private Seenotrettung haben sich die jungen Leute Stück für Stück zusammengesammelt. „Wir haben viel telefoniert und uns hartnäckig durchgefragt“, erzählt Jakob. Er lacht, als er an seinen ersten Anruf bei einer Werft zurückdenkt: „Wir haben gesagt, dass wir auf der Suche nach einem Schiff sind, auf dem etwa 100 Leute Platz finden, das aber nicht länger als 20 Meter sein soll. Da haben die uns erst mal den Kontakt zu unseren maritimen Beratern gegeben. Wir hatten ja keine Ahnung!“ In der Anfangsphase sind Harald Zindler und Gijs Thieme, Mitbegründer von Greenpeace Deutschland, beratend an der Seite des Teams. Ende Juli fällt mit ihrer Unterstützung die Entscheidung für einen holländischen Fischtrawler als geeignetes Schiff für die Operation.

Lena und Jakob bei der Schiffsbegehung. Foto: Jann Wilken
Lena und Jakob bei einer Schiffsbegehung. Foto: Jann Wilken

Die Hartnäckigkeit des jungen Teams zahlt sich weiterhin aus. Im November besucht Jakob zusammen mit seiner Kollegin Lena das Einsatzführungskommando der Bundeswehr und informiert sich über die Durchführung einer solchen Operation. „Die waren sehr kooperativ und haben ihre Erfahrungen mit uns geteilt: Wie läuft eine Rettung ganz praktisch ab, wie funktioniert das mit den Pendelbooten, worauf muss man achten. Das war sehr hilfreich.“

Ende des Jahres geht es Schlag auf Schlag. Jugend Rettet bekommt eine offizielle Webpräsenz und einen Facebook-Auftritt, die ersten Spenden gehen ein, Schiffe werden besichtigt und die Organisation beginnt Kooperationen mit Schulen und anderen Partnern – alles organisiert vom jungen Berliner Kernteam.

Jetzt sind sie fast am Ziel: Die Finanzierung des Schiffes wurde ihnen im Januar dieses Jahres von zwei Privatpersonen zugesichert – vorausgesetzt, der Verein bekommt bis Ende März die 80.000 Euro für den seetauglichen Umbau zusammen. Gelingt dies, startet im Juni erste Rettungsoperation auf der zentralen Mittelmeerroute mit einer professionellen Crew aus Kapitän, Maschinist und Medizinern. Sechs Monate werden sie dort unterwegs sein. Die Idee der jungen Erwachsenen hat schon jetzt weite Wellen geschlagen.

Netzwerktreffen im Bundestag.
Netzwerktreffen im Bundestag. Foto: Jugend Rettet

Langfristig geht es der Initiative um internationale Vernetzung mit jungen Leuten in ganz Europa durch ihr Botschafter-Netzwerk. Und sie wollen ein Zeichen setzen: „Ich mache das, weil ich glaube, dass jeder etwas gegen diese Ungerechtigkeit tun kann“, erklärt Jakob. „Egal, wie schlecht die Ausgangssituation ist. Und bei uns war sie wirklich extrem schlecht: Wir sind jung, unerfahren und haben kein Geld. Trotzdem bewegen wir etwas.“

 

Die Organisation Jugend Rettet e.V. möchte mit einem Schiff Flüchtlinge auf dem Mittelmeer retten. Ein Schiff gibt es bereits. Jetzt muss es seetauglich gemacht werden. Dafür werden bis Ende März insgesamt 80.000 Euro benötigt. Für die ausstehenden 25.000 Euro bleiben noch 15 Tage zum Spenden.