Kunst erzählt Geschichte

Morgen beginnt in Köln die PLURIVERSALE V. Wie kann eine Reihe kultureller Veranstaltungen die Geschichten von Geflüchteten und Zuwanderern erzählen? Ein Interview mit Ekaterina Degot, Kuratorin der PLURIVERSALE und Künstlerische Leiterin der Akademie der Künste der Welt in Köln.

von Theresa Schmidt

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Podiumsgespräch auf der Pluriversale: “Wie kolonial ist die Willkommenskultur?” am 3. Mai 2016 in Köln. Foto: Presse

Vom 2. September bis zum 16. Dezember 2016 wird es in Köln ein dichtes Programm aus Gesprächen, Filmvorführungen, Installationen, Performances, Konzerten, Diskussionen und eine Ausstellung zu entdecken geben. Muss man sich die PLURIVERSALE mehr als Gruppenschau denn als Festival vorstellen? Was genau ist die PLURIVERSALE?

Ekaterina Degot: Die PLURIVERSALE kann als Geschichte oder auch mehrere Geschichten verstanden werden, die zu einem linearen Narrativ zusammengefasst sind. Linear, weil sie über eine längere Zeit erzählt werden. Dennoch bleiben sie komplex. Es gibt Verbindungen zwischen den einzelnen aufeinanderfolgenden Veranstaltungen, einen Anfang und ein Ende. Zum Beispiel beschäftigt sich Katarina Zdjelar mit der Bedeutung von Klang in der Erfahrung eines Vertriebenen. Anschließend eröffnet ein Vortrag von Bonaventure Ndikung die konkretere politische Dimension über Klangwirklichkeiten von Geflüchteten, zum Beispiel von jemandem, der sich nur ausdrücken kann, indem er ein Lied aus seiner Heimat singt. Sonic Shadow wird sich musikalisch mit dem Thema befassen. Am Tag darauf wird Bachtyar Ali in einem Vortrag darüber reflektieren, politisch kommentiert von der Rap Band Mazzaj. Solche Verknüpfungen waren von Anfang an geplant, aber es werden sich auch andere, innere Dialoge eröffnen, die wir jetzt noch gar nicht sehen können. In dieser Hinsicht ist die PLURIVERSALE eine Ausstellung mit einem linearen Parcours aber auch eine Art performatives Magazin, weil sie Themen unserer Zeit reflektiert – in Form von Kunstdarbietungen und Diskursen.

Alle Veranstaltungen der PLURIVERSALE werden als eigenständige künstlerische und diskursive Elemente verstanden, die zusammen ein quasi-literarisches Narrativ ergeben. Wie würden Sie die Dramaturgie und das kuratorische Konzept beschreiben? Welche Geschichte erzählt die PLURIVERSALE?

Die fünfte PLURIVERSALE erzählt Geschichten von Geflüchteten und Zuwanderern, die wir hoffen, aus ungewöhnlichen Perspektiven beleuchten zu können. Sie endet mit einem offenen Forum, in dem unsere Position „hier“ gegenüber „denen, die hier her kamen,“ reflektiert werden soll.

Besucher*innen und Teilnehmer*innen können in einer Veranstaltung demnach einen kleinen Teil eines großen Narratives oder – wenn sie die PLURIVERSALE über einen längeren Zeitraum verfolgen – ein ganzes Panorama entdecken. Nimmt das Kölner Publikum dieses Konzept des Wieder-Besuchens, Wieder-Sehens und Wieder-Diskutierens an?

Ja, das war auch bei der letzten PLURIVERSALE schon so und ich freue mich, viele Besucher*innen wiederzusehen. Auch einige Künstler*innen sind noch einmal dabei: Avi Mograbi kommt nach der Retrospektive im letzten Jahr nun mit seinem neuen Film.

Das Thema der diesjährigen PLURIVERSALE ist die komplexe Situation von Geflüchteten, die Kriegsgebiete hinter sich gelassen haben, physische, militarisierte Grenzen überwunden haben und, in der vermeintlichen Sicherheit angekommen, ganz neuen Formen der strukturellen Gewalt, Ausgrenzung und Unterdrückung ausgesetzt sind. Wie kann eine Veranstaltung wie die PLURIVERSALE ein so großes Thema bearbeiten?

Das ist natürlich extrem komplex und wirft viele politische, logistische und ökonomische Fragen auf. Aber es geht auch um bestimmte Denkmuster und das ist etwas, woran wir mit der Akademie arbeiten können: Ich hoffe, dass wir nicht nur Bürger*innen, sondern auch Noch-nicht-Bürger*innen oder Bald-Bürger*innen erreichen und natürlich die Geflüchteten selbst. Wir alle brauchen eine Neuausrichtung unserer Blickwinkel und unserer Denkweisen.

Avi Mograbis Film Between Fences (France, Israel 2016) wird am 20. Oktober 2016 auf der Plurivisale gezeigt. Foto: Film still
Avi Mograbis Film Between Fences (France, Israel 2016) wird am 20. Oktober 2016 auf der Plurivisale gezeigt. Foto: Film still

Die PLURIVERSALE V bewegt sich zwischen globalen Gegebenheiten und der alltäglichen Realität in Köln. Die Veranstaltungen finden über all in dieser typischen „Stadt des Westens“ statt. Welche Rolle spielt die Stadt und ihre Geschichte für die PLURIVERSALE?

Die Stadt macht es konkret. Das „Wo“ ist sehr wichtig für das „Was“. Es gibt auch Projekte, die sich unmittelbar mit der Kölner Geschichte und dem Krieg auseinandersetzen. Aber wir wollen auch zeigen, wie dieser Westen sich verändert hat und dass er schon viele nicht-westliche Elemente verinnerlicht hat, die wir nicht ignorieren können.

Die Veranstaltungen umfassen verschiedene kulturelle Disziplinen und geografische Regionen. Wie werden die teilnehmenden Künstler*innen ausgesucht?

Ich verlasse mich auf Recherchen – meine eigenen und die unserer Kurator*innen, aber natürlich auf Empfehlungen unserer Mitglieder oder Stipendiat*innen und all derer, die Teil der Akademie sind. Derzeit planen wir keine Festivals mit geografischem Fokus, weil uns gerade die Anknüpfungspunkte verschiedenen Regionen interessiert.

Die PLURIVERSALE betont die Rolle der Kunst für persönliche Selbstermächtigung. „Jenseits des Opferstatus finden sich Stärke und Humor“, heißt es im Programm. Wie würden Sie die Zielsetzung der PLURIVERSALE beschreiben?

Es geht darum, den Blick zu weiten. Nicht nur geografisch, sondern im Hinblick darauf, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Darin liegt die Ermächtigung aber das ist vielschichtiger, als nur ein Narrativ in ein anderes zu umzuschreiben. Es geht nicht darum, einen Opferstatus auf einmal mit einem siegreichen Ton zu ersetzen. Humor spielt eine wichtige Rolle. Er ist durch sogenannte Opfer/Diskriminierte entstanden und wir können viel davon lernen. Ich freue mich immer, wenn unsere Veranstaltungen die Leute auch zum Lachen bringen, das hat etwas Befreiendes. Die Veranstaltung von Monika Gintersdorfer geht in diese Richtung, zwei Shows und ein Film über Gentrifizierung in Afrika.

Auf welches Event freuen Sie sich besonders?

Die Nebeneinanderstellung des Vortrags von Arjun Appadurai, einem berühmten postkolonialen Denker, der über Gewalt schreibt, mit einer extravaganten Musical-Tanzperformance von Uriel Barthélémi, die auf Texten von Franz Fanon basiert, wird sehr interessant. Ich habe sie auf den gleichen Abend im Stadtgarten gelegt und bin sehr neugierig, welche Perspektiven sich eröffnen werden.

 

Ekaterina Degot
, geboren 1958 in Moskau, ist Kuratorin, Kunsthistorikerin und Autorin. Seit 2014 ist sie Künstlerische Leiterin der Akademie der Künste der Welt. Dort gründete sie das transkulturelle und transdisziplinäre Festival PLURIVERSALE, das halbjährlich an verschiedenen Orten in Köln und im ACADEMYSPACE stattfindet.

WIR MACHEN DAS wird über den Ablauf und das Programm der PLURIVERSALE V weiter berichten.

Theresa Schmidt führte das Interview in englischer Sprache und übertrug es ins Deutsche.