Lanna Idriss und Gyalpa

Falls Sie sich jetzt wundern: Ja, das geht alles auf einmal, wenn man so viel Energie und Entschiedenheit besitzt wie Lanna Idriss.

von Annika Reich

Lanna Idriss im November 2014 beim Treffen mit Produzentinnen im Libanon. Foto: Jesco Denzel

Lanna Idriss hatte eine Idee, die gleichermaßen einleuchtend wie abenteuerlich klingt: Sie wollte Syrerinnen und Syrern mitten im Kriegsgebiet bzw. in den angrenzenden Flüchtlingslagern die Möglichkeit geben, durch Arbeit ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften.

Und sie legte bei dieser Idee das Augenmerk vor allem auf die Frauen und Mädchen, weil sie es sind, die in Situationen, in denen die Männer entweder gestorben, auf der Flucht oder an der Front sind, die Kinder versorgen. Idriss beließ es nicht bei einer Idee, sondern gründete ein soziales Unternehmen, um die Idee zu realisieren: Gyalpa.

Gyalpa hat in Syrien und im Libanon Frauenkollektive und Gruppen der Zivilgesellschafft gefunden und kauft nun Syrerinnen und Syrern Handtaschen und Einkaufstaschen, bestickte Handtücher und Kissenbezüge und weitere Produkte auf eigenes Risiko und in großen Zahlen ab, um diese Produkte dann hier über die Website www.gyalpa.com zu verkaufen.

Gyalpa ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung, die Lanna Idriss seit längerem mit dem Thema Flucht und Erwerbsarbeit umtreibt. Hilfsprojekte, die auf Spenden angewiesen ist, sind ihr zu unberechenbar. Außerdem findet sie es wesentlich nachhaltiger, Unabhängigkeit zu fördern: „Wir geben keine Almosen, sondern bezahlen einen fairen Preis für gute Arbeit“ – das ist das Motto.

Produzenten im Libanon, 2014. Foto: Jesco Denzel
Produzenten im Libanon, 2014. Foto: Jesco Denzel

Lanna Idriss ist Bankdirektorin, Kunstkennerin und bestens in der syrischen Exil-Gemeinde vernetzt. Sie hat einen syrischen Vater und lebte nach der Schule eine kurze Zeit selbst in Syrien und ist seither immer wieder hingereist. Als Jugendliche wollte sie noch Uno-Generalsekretärin werden und den Israel-Palästina-Konflikt befrieden. Im Politikstudium fand sie dann aber heraus, dass die UNO nicht das politische Organ ist, das sie sich vorgestellt hatte und rückte von dem Plan mit dem Generalsekretariat der Vereinten Nationen ab. Stattdessen studierte sie Rechtswissenschaften und Literatur, merkte in Praktika schnell, dass sie mit relativ wenig Mühe erfolgreich mit Zahlen umgehen konnte und wurde relativ zügig Bankdirektorin. Seit sie 2013 zusammen mit anderen ehrenamtlichen Helfer_innen Gyalpa e.V. und dann im Mai 2015 die Gyalpa UG gründete, ist sie zudem soziale Unternehmerin.

Falls Sie sich jetzt wundern: Ja, das geht alles auf einmal, wenn man so viel Energie und Entschiedenheit besitzt wie Lanna Idriss. Und, ja, sie hat sich zum Glück noch etwas von ihrem jugendlichen Größenwahn erhalten, nur ist er jetzt mit einem glasklaren Pragmatismus gepaart.

In dem taz-Interview, das Ines Kappert geführt hat, antwortete Lanna Idriss auf die Frage, was sie am meisten an der Zusammenarbeit mit den Syrerinnen überrascht hat: „Die Energie dieser Frauen, mit ihr hatte ich nicht gerechnet. Die ist umwerfend.“
Auf Augenhöhe eben.

Kappert, die das Gunda Werner Institut der Böll Stiftung leitet, hat Idriss so überzeugt, dass sie eine Kooperation mit Gyalpa eingegangen ist und in Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk der HBS das Pilotprojekt „Open Studio“ Berlin-Moabit ins Leben gerufen haben, das dem Empowerment insbesondere von Frauen dient. Ziel ist, dass die Teilnehmenden ein eigenes Gewerbe anmelden können. Hilfe zur Selbstständigkeit steht auch dabei wieder im Vordergrund. Die geflohenen Menschen werden hier in den Werkstätten wie in den Flüchtlingslagern immer als Expert_innen angesprochen und nicht als Bittsteller_innen bzw. Hilfesuchende.

"Open Studio" im zk/u in Berlin-Moabit, Foto: Gyalpa/zk-u Berlin
“Open Studio” im zk/u in Berlin-Moabit, Foto: Gyalpa/zk-u Berlin

Der 1. Workshop des Open Studio fand am 30.11.-19.12. statt und die mithilfe von Mosaiktechnik gefertigten Produkte wurden erfolgreich auf dem weihnachtlichen “Gütermarkt” des ZK/U verkauft. Der Erlös geht wieder an die Teilnehmenden. Mittelfristig ist geplant, die erstellten Produkte über Gyalpa UG zu vertreiben. Zusätzlich zu den von Künstler_innen mit Fluchthintergrund geleiteten Workshops zu Mosaiktechnik werden Qualifizierungskurse in Schneiderei, Design und anderen Handarbeitstechniken angeboten.

Gyalpa UG und „Open Studio“ haben ein gemeinsames Ziel: insbesondere geflohene Frauen und Mädchen zu begleiten und zu coachen, damit sie sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt positionieren können. Denn nur so kann Teilhabe funktionieren.

Während ich diesen Text schreibe, trinke ich meinen Tee aus einem der up-cycelten grünen Gläsern, die es auf www.gyalpa.com zu kaufen gibt, und freue mich über die schöne Farbe, aber vor allem darüber, dass es Frauen wie Lanna Idriss und Ines Kappert gibt, die nicht nur Ideen haben und umsetzen, sondern auch noch aktive Mitstreiterinnen von „Wir machen das“ sind.