Das Mannheimer Erbe der Weltkulturen – Die große Show

Am 20. und 21. Januar 2017 erreichte das einzigartige Projekt des Vereins und Künstlerhauses zeitraumexit unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO Kommission nach beinahe einjähriger Vorbereitung einen wichtigen Höhepunkt. Über neunzig Vertreter*innen der vielfältigen Mannheimer Kulturlandschaft präsentierten in einer Live-Show ihre Beiträge, die in die Liste des Mannheimer Erbes der Weltkulturen aufgenommen wurden.

von Anna Burlingame

Der Ratssaal war gut gefüllt. Foto: Arthur Bauer
Die Veranstaltung im Ratssaal war sehr gut besucht. Foto: Arthur Bauer

Mit viel Freude, Leidenschaft und Enthusiasmus ließen die rund 90 Teilnehmer*innen der feierlichen Veranstaltung in jeweils fünfminütigen Präsentationen das Komitee und Publikum an für sie bedeutsamen Ritualen, Orten und kulturellen Objekten teilhaben. Die Show orientierte sich dabei an den Sitzungen des UNESCO World Heritage Commitees. Trotzdem sollte hier keineswegs nur imitiert werden. Die Bürger*innen und ihre persönlichen Verbindungen zwischen alter und neuer Heimat standen uneingeschränkt im Mittelpunkt der Veranstaltung. Das Komitee, bestehend aus 20 Mannheimer*innen und dem Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz, repräsentierte die offene Stadt. Dementsprechend wurden alle für das kulturelle Erbe nominierten Beiträge gleichermaßen aufgenommen. Das inklusivere Format ließ ebenfalls zu, dass Gremiumsmitglieder vom Publikum abgelöst werden konnten: So durfte beispielsweise ein junger Mannheimer an beiden Tagen den Platz des Oberbürgermeisters einnehmen.

Die Moderator_innen Sonja Pregrad und Lajos Talamonti. Foto: Arthur Bauer
Sonja Pregrad und Lajos Talamonti moderierten die Show. Foto: Arthur Bauer

Die Programmbeiträge ermöglichten es, die eigene Stadt und ihre Bewohner*innen besser kennenzulernen. Hier erfuhren die Zuschauer*innen, dass eine von außen unscheinbar wirkende Lagerhalle große Bedeutung für die bosnische Gemeinde Mannheims hat. Denn es handelt sich dabei nicht nur um einen Ort des Beisammenseins, sondern daüber hinaus um den verborgenen Nachbau einer traditionellen bosnischen Hütte. Solche neuen und auch überraschenden Erkenntnisse waren im Laufe der Show nicht selten. Neben dem schönen chinesischen Teehaus im Luisenpark, das einem thailändischen Studenten dabei hilft sein Heimweh zu überwinden, und dem Mannheimer Nationaltheater, das an das äthiopische Theater erinnert, durfte sogar ein einfacher Sportplatz im Rahmen des togoischen Beitrages einige Minuten Ruhm genießen. Obwohl es in der Stadt wesentlich modernere Sportplätze gibt, ist es gerade der dort beim Fußballspielen aufgewühlte Staub und Schmutz, an den sich für den Mannheimer aus Togo schöne Erinnerungen an sein Land knüpfen. Inmitten dieser Staubwolke, da fühle er sich genau wie in seiner Heimat erzählte er.

togoischer Fussballplatz Schnickenloch. Foto: Arthur Bauer
Beitrag zum Fussballplatz Schnickenloch. Foto: Arthur Bauer

Wie so oft im Laufe der Show, rief auch der togolesische Beitrag eine Atmosphäre von Nostalgie und gleichzeitiger Freude hervor. Das Publikum spürte deutlich wie stolz, glücklich, aber auch nervös es die Teilnehmer*innen machte, ihre Mitbürger*innen auf eine Reise in solch persönliche und emotionale Erinnerungen mitzunehmen. Ob in Humor und Gelächter, gespanntem Zuhören oder motivierendem Applaus und Zurufen, es entstand ein direkter und unbefangener Dialog zwischen den Zuschauer*innen und den Vortragenden, was sicherlich nicht zuletzt dem lockeren Format zu verdanken ist.

Auch das Contra`N, eine Szene-Kneipe im Jungbusch, fand im Rahmen des südafrikanischen Beitrags einen Platz auf der Liste. Der Jungbusch, wo auch die Künstlerkooperative zeitraumexit zu Hause ist, ist einer der Stadtteile Mannheims, die in den letzten Jahren immer häufiger ihre Daseinsberechtigung als Knotenpunkte zahlreicher Kulturen gegen den städtischen Wandel verteidigen mussten. Hier zeigt sich die Bedeutung des Projekts nicht nur für die drei Frauen aus Südafrika, die in der Musik und der Offenheit der Kneipe ein Stück Heimat fanden, sondern auch für Orte wie das Contra`N und Stadteile wie den Jungbusch, die in der Debatte um die zukünftige Entwicklung des Stadtbildes auf ihre kulturelle Bedeutung bauen können. Mit diesem Projekt setzen das Team, die Teilnehmer*innen und die Stadt Mannheim ein klares Zeichen: Wir gehören hier alle hin.

Mannheim ist nicht nur eine Stadt vieler unterschiedlicher Kulturen, sondern auch eine Stadt der Musik, was nicht zuletzt Menschen wie Marcus Jesus Gonzales Jimenez zu verdanken ist, der im Projekt Kuba vertrat. Mit seiner Musik, die ihn am tiefsten mit seinem Land verbindet, versetzte er in seinem Beitrag das Publikum in stille Begeisterung. Es ging los mit einem stetigen Beat, den er mit Claves (Klanghölzern) erzeugte. Nach einigen einführenden Worten wurde das Klopfen der Holzstäbchen durch seinen Gesang ergänzt. Seine Stimme, variierend in Stärke, füllte den gesamten Raum und löste bei allen Anwesenden Gänsehaut aus. In Mannheim sei man nicht alleine, so der Kubaner über die Bedeutung der Stadt für jene, die sich hier eine neue Heimat aufbauen wollen. Nicht alleine sein, das war ein überragendes Thema für viele der Beteiligten. Ob in der Musik, im Tanz oder in alltäglichen Situationen, wie dem libanesischen Frühstück, stand das Zusammenkommen von Menschen im Zentrum. Davon konnten besonders die Jurymitglieder profitieren, denn selbstverständlich wurde das Frühstück nach libanesischem Vorbild mit ihnen geteilt.

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Armenischer Tanz. Foto: Arthur Bauer

Die Begegnung ist in Mannheim – wie eigentlich überall – zentral für das kulturelle Zusammenleben. Dass dafür viele Menschen offen sind, zeigte sich auch besonders in dem ständig wachsenden Anstrom der Besucher*innen im Laufe des Samstags. Neben Freund*innen und Verwandten, waren zahlreiche interessierte Mannheimer*innen vertreten, die alleine, mit der Familie oder in Gruppen den Weg in das Stadthaus fanden, sodass bis in die späten Abendstunden der Saal gut gefüllt blieb. Wie wichtig gerade das bürgerschaftliche Interesse und Engagement ist, erklärte ein junger Afghane, der in seinem Beitrag den afghanischen Reis vorstellte. Um mit Initiativen in Kontakt zu kommen, ist seiner Meinung nach gerade für Neuangekommene die Vernetzung mit Alteingesessenen sehr wichtig. Jedenfalls wäre er ohne das Engagement einer Mannheimerin, vermutlich nicht ohne weiteres zur aktuellen Veranstaltung des Mannheimer Weltkulturerbes gestoßen.

 

Die Live-Show ist noch lange nicht der Endpunkt für das Projekt und zeitraumexit. Neben der Hoffnung, andere Städte zur Nachahmung inspirieren zu können, sollen die Beiträge im Laufe des Jahres im Rahmen einer Ausstellung ein weiteres Mal aufgearbeitet werden. Auch über die Entwicklung einer zugehörigen App denken die Initiator*innen nach. Zentral ist jedenfalls der Wunsch, dass dieses Projekt regional und überregional zum transkulturellen Diskurs animiert und neue Perspektiven eröffnet.

Leckeres selbstgemachtes Essen von freiwilligen HelferInnen. Foto: Arthur Bauer
Leckeres selbstgemachtes Essen von freiwilligen HelferInnen. Foto: Arthur Bauer

Interessierte können sich selbst auf der Homepage des Projekts Weltkulturenerbe ein Bild von der Show machen, hier können die Live-Aufzeichnungen angeschaut werden. Eine Liste mit allen Beiträgen soll dort bald veröffentlicht werden. Zudem knüpfen an die große Show weitere kleine Events an, die unter dem Titel World Heritage Sound System Musikliebhaber*innen aus aller Welt einladen, ihren persönlichen Sound vorzustellen und einen Dialog zu eröffnen. Fest steht, dass dieses Projekt zwar ein Unikat darstellt, es aber hoffentlich nicht lange eins bleiben wird, denn das Zusammenbringen von alten und neuen Bürger*innen und der Austausch von Kulturen auf dem gemeinsamen Boden der neuen Heimat ist nicht nur in Mannheim essenziel für ein erfolgreiches und bereicherndes Miteinander.

Foto Facebook: Arthur Bauer

Nähere Infos und weitere Termine finden sich auf der Homepage von zeitraumexit.