Meet your neighbours in der Buchhandlung Pfeiffer

Am 6. September fand der fünfte Abend der Münchner Reihe "WIR MACHEN DAS - Begegnungsort Buchhandlung" statt. Der syrische Dichter und Journalist Yamen Hussein stellte einige seiner Texte vor und sprach mit dem Münchner Autor Fridolin Schley über das Leben in Syrien und Deutschland und das Schreiben in Zeiten des Krieges.

von Silke Kleemann

text_muenchen_img_6578
Der Autor Yamen Hussein und die Übersetzer Peter Tarras und Marwa Amara während der vollbesetzten Lesung in der Buchhandlung Pfeiffer. München 2016. Foto: Privat

Yamen Hussein ist jung. Das dunkle Haar hat er zu einem Zopf zurückgebunden, sein Blick ist wach und zugewandt. Er gibt ausführlich und ernsthaft Auskunft, dazwischen blitzt immer wieder feine Ironie auf – man kann sich sofort vorstellen, dass seine journalistischen Texte so engagiert wie pointiert sind. In seiner Heimatstadt Homs wurde Yamen bereits 2006 mit Anfang 20 wegen erster kritischer Artikel zwangsexmatrikuliert (vom Mathematikstudium!) und einige Tage inhaftiert. Diese abschreckend gemeinten Maßnahmen seien in seinem Fall jedoch “kontraproduktiv” gewesen, wie er erzählt: Fortan schrieb er, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

2011, im Jahr der Revolution, arbeitete er kurz für einen regierungsnahen Radiosender, kündigte aber bald, weil ihm die Propaganda zuwider war. Das machte ihn bei Assads Alawiten unbeliebt, er (selber Alawit) musste Homs verlassen und floh nach Damaskus. Dort arbeitete er in einer geheimen Gruppe von Oppositionellen. Sie demonstrierten, bauten Schulen in den zerstörten Gebieten wieder auf und Yamen verfasste regimekritische Texte. Die Gruppe gab ihm ein Gefühl der Stärke, es war “ein Raum der Freiheit”. Doch 2013 tauchte sein Name auf schwarzen Listen der Milizen auf, einige Freunde wurden verhaftet. Die Gefahr kam, den komplexen Verhältnissen in Syrien entsprechend, gleich von mehreren Seiten: vom syrischen Geheimdienst, aber auch von einer islamistischen Gruppe. Yamen versteckte sich wochenlang in den Bergen und unternahm erste Fluchtversuche über den Libanon und die Türkei.

Aus seinem Gedicht “Exil”:

2. Am Flughafen – Atatürk ist verärgert zum dritten Mal
Ich werde dich lieben – morgen – wenn ich
den Sicherheitscheck bestanden habe und die Passkontrolle samt dem Blick
in die kleine Kamera.

Dann passiere ich den Detektor – aufrecht wie ein König,
schwerelos wie eine Möwe, die furchtlos sogar einem Jäger
den Bissen zwischen den Zähnen entreißt.

Ich strecke die Arme von mir wie eine Vogelscheuche, wie
Jesus am Kreuz, damit sie meinen Körper abtasten
und scannen. Die Beine gespreizt wie ein Hund beim Pinkeln.
Sollen sie doch die Munition finden, die ich im Hodensack
verstecke, und die Handgranate zwischen meinen Nieren.

Die Schuhe ziehe ich lieber nicht aus, sonst kommt mir der
Weg womöglich so leicht vor, dass ich einfach loslaufe und
allen Reisenden um den Hals falle.

Die Bodenfliesen waren kalt und strahlten wie dein Gesicht
an einem Wintermorgen. Atatürk aber schaute finster drein
und schickte mich zurück.

Im Dezember 2014 kam er schließlich legal über das Writers in Exile-Programm des PEN nach München. Von der neuen Heimat berichtet er positiv. Zum Vertrautwerden mit der Stadt machte er lange Spaziergänge mit seiner Kamera, auf die er oft keinen Stadtplan oder elektronische Hilfsmittel mitnahm – so musste er sich, um den Rückweg zu finden, bei Passanten durchfragen.
Im Gespräch klingt immer wieder durch, wie schwierig und zwiespältig der Aufenthalt häufig ist, trotz seiner zur Zeit durch das Stipendium gesicherten Situation. Die Konzentration im täglichen Deutschkurs wird durch die Sorgen um die Familie in Homs und die aktuellen Nachrichten immer wieder beeinträchtig. Zur Kommunikation nutzt er hauptsächlich Skype, da der Familie vom Sicherheitsdienst drohend mitgeteilt wurde, dass Social Media und Telefon abgehört werden. Mit Galgenhumor stellt Yamen die Frage, wie es der Sicherheitsdienst denn wohl überhaupt rein zeitlich schaffen solle, sämtliche Flüchtlinge abzuhören … und weist auf die “fehlende Sicherheitsrelevanz der Kontakte” hin, er nennt lächelnd Beispiele: “Meine Mutter gibt mir Rezepte durch, wie ich bestimmte syrische Gerichte richtig zubereiten soll. Mein Vater ermuntert mich, schnell Deutsch zu lernen.” Es ist der Versuch, so etwas wie eine gemeinsame Alltagsebene aufrechtzuerhalten. Die Dinge, die uns allen wichtig sind, und die auch im Exil wichtig bleiben.

Ein weiterer Auszug aus “Exil”:

5. Skype mit meiner Mutter
Gestern fiel ihr ein, dass sie mich einmal wegen einer
schlechten Mathematiknote geschlagen hatte. Sie hatte damit
erreichen wollen, dass ich mich künftig mehr anstrenge.

Sie weinte auf Skype und bat Gott, ihr zur Strafe die Hand
zu brechen, die sich gegen mich erhoben hat.

Es hat mir das Herz zerrissen.

Ich schwor bei ihren grauen Haaren und ihren Tränen, dass
ich mich nicht erinnerte und ihr nicht böse bin.

Wie soll ich ihr klarmachen,
dass ich von ihr keine Narben trage
außer dem Nabel?

Besonders seltsam war für Yamen ein Moment am Tag des Amoklaufs im Juli 2016, als er am Marienplatz plötzlich einen Anruf von seiner Mutter erhielt, die sich in Homs um seine Sicherheit sorgte. Bangen einmal andersherum, und jeder, der diesen Tag in München erlebt hat, wird sich noch leichter vorstellen können, was es heißt, Tag für Tag aus der Ferne die Ungewissheit über das Schicksal naher Menschen ertragen zu müssen.

Das Schreiben, so Yamens Antwort auf Fridolins Frage nach dessen Bedeutung in Zeiten des Krieges, hilft beim Verarbeiten und dient auch der Dokumentation. Direkt die Politik beeinflussen könne man damit wohl nicht, aber an den Reaktionen des Regimes merke man doch, dass die Stellungnahmen stören. Und er betont, wie sehr er in Europa die Freiheit zur Meinungsäußerung schätzt, Charlie Hebdo inklusive. Seine Texte kreisen jedoch nicht nur um den Krieg und die Wunden, die er in Land und Leuten hinterlässt. Er liest aus einem Brief an eine syrische Freundin, melancholisch, aber auch witzig: sie amüsieren sich über ihre “hochnäsige Kritik zweier geflüchteter Schriftsteller”, die das Talent der Deutschen eher bei Philosophie, klassischer Musik und Autobau sehen als in der modernen bildenden Kunst.

Mit Blick auf die aktuellen Mediendebatten bedauert Yamen, dass die Flüchtlinge zu oft alle in einen Topf geworfen werden. Eine differenzierte Wahrnehmung würde die Newcomer bei der Aufarbeitung ihrer eigenen Erlebnisse und beim Neubeginn unterstützen. Zu den jüngsten Wahlerfolgen der AfD sagt er, er kenne aus seiner Heimat zur Genüge, wie Angst zur Stimmungsmache genutzt wird. Und dass daraus nichts Gutes entsteht.

Für Syrien ist Yamen überzeugt, dass es einen Umsturz braucht, vermutlich mit Hilfe von außen, und dann einen Neubeginn. “Jeder Tag unter Assad ist ein Tag mit mehr Gefallenen”, fasst er die nach wie vor katastrophale Lage zusammen.

Wenn sein Asylantrag bewilligt wird, möchte Yamen nach Ablauf seines Stipendiums in München bleiben. Sein Traum ist, auch hier wieder journalistisch arbeiten zu können, Deutschlernen steht also weiter an erster Stelle. Zum Schluss des Gesprächs wechselt er spontan ins Deutsche (schon vorher hatte sich bei den Fragen angedeutet, wie viel er bereits versteht) – und zitiert Sophie Scholl mit ihren letzten Worten “Die Sonne scheint noch”. Die “Weiße Rose”, hier in München ein persönlicher Anknüpfungspunkt für ihn bezüglich der Erfahrungen mit Unterdrückungssystemen in unterschiedlichen Zeiten. Der Geschwister-Scholl-Platz ist für Yamen Hussein zu einem seiner “Hoffnungsplätze” in München geworden, neben dem Englischen Garten und dem Café, wo er den ersten Kaffee nach seiner Ankunft trank – Orte, an denen er neue Kraft findet, wenn die Verzweiflung zu groß zu werden droht.

Einige seiner Gedichte erscheinen nächstes Jahr in einer Anthologie des PEN. Und bereits für die kommende Buchmesse ist die Anthologie “Weg sein – hier sein. Texte aus Deutschland” im Secession Verlag angekündigt, in der Texte von 19 Autorinnen und Autoren, darunter 17 aus Syrien, einschließlich Yamen Hussein, versammelt sind.

Ich freue mich auf weitere Texte von ihm, in Übersetzung und demnächst vielleicht auch auf Deutsch. Und bin dankbar für einen weiteren Abend der Begegnung, der einen Mensch mit seiner Geschichte und seinen Talenten sichtbar gemacht und uns Zuhörern neue Eindrücke aus erster Hand geschenkt hat.

Die Buchhandlung Pfeiffer in der Hohenzollernstraße war bis auf den letzten Platz besetzt, beziehungsweise sogar noch darüber hinaus, von den rund fünfzig sehr interessierten Zuschauern mussten einige auf dem Boden sitzen. Franziska Sperr vom deutschen PEN-Zentrum hatte den Kontakt zu Yamen Hussein hergestellt, sie war ebenso im Publikum wie Peter Tarras, der einen Großteil der vorgetragenen Gedichte aus dem Arabischen übersetzt hat. Als Dolmetscherin half Marwa Amara aus Tunesien, die an der LMU Jura und Politikwissenschaften studiert. Und den Gastgeberinnen Dorothee Luther, Dominika Hirschler und Michaela Kube ist für Wasser, Wein, eine Frischluft-Pause und die freundliche Atmosphäre insgesamt zu danken.

Impressionen des Abends auf der Seite des PEN-Zentrums.
Das Gedicht “Narziss” im Signaturen-Magazin, Übersetzung von Peter Tarras.

“Meet your neighbours” ist eine eigene Begegnungsort-Buchhandlungs-Reihe, initiiert und organisiert von den Münchner AutorInnen und LektorInnen Linda Benedikt,  Björn Bicker, Lena GorelikMarion Hertle, Sandra Hoffmann, Katja Huber, Fridolin Schley und Florian Kessler. Seit April stellen die AutorInnen einmal im Monat in ihren Lieblingsbuchhandlungen Menschen vor, die auf der Flucht nach München gekommen sind. Es werden Geschichten erzählt, Filme gezeigt, es wird gelesen. Zu diesen Gesprächsabenden laden sie alle interessierten Münchnerinnen und Münchner ein, mit und ohne Fluchterfahrung. Es gilt: Wenn man sich begegnet, ist alles möglich.

Die Auszüge aus dem Gedicht “Exil” wurden aus dem Arabischen übersetzt von Leila Chammaa.