Mein Weg von Syrien nach Deutschland, das habe ich erlebt

Eine 19-jährige Syrerin teilt ihre Erinnerungen an ihren Weg von Damaskus nach Stuttgart, wo sie heute lebt und im Rahmen einer Maßnahme der Agentur für Arbeit einen deutschen Schulabschluss erwirbt. Für die Projektprüfung hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben, aber nicht nur ihre Lehrerin soll davon erfahren.

von D.R.

Foto: Die Fotografie zeigt eine Gruppe von griechischen Flüchtlingen in Aleppo um 1900. George Grantham Bain Collection/ Library of Congress, Prints & Photographs Division [reproduction number, e.g., LC-B2-1234]
Warum erzähle ich meine Geschichte?

Seit meinem sechsten Lebensjahr habe ich in Syrien die Schule besucht. Elf Jahre lang war ich dort fleißig und habe viel gelernt. Wäre der Krieg nicht ausgebrochen, hätte ich heute mein Abitur in der Tasche und würde im zweiten Jahr an der Universität Englisch studieren, das wäre mein Traum gewesen. Nun, in Deutschland wurden meine Zeugnisse nicht anerkannt und deshalb mache ich derzeit meinen Hauptschulabschluss.

Um diesen zu bestehen, war es nun meine Aufgabe, ein Thema für meine Projektarbeit zu finden, und mir war sofort klar, dass ich über meine Flucht nach Deutschland schreiben möchte.

Ich möchte meine Geschichte erzählen, weil sich die Menschen hier gar nicht vorstellen können, wie es ist, ein Flüchtling zu sein, also seine Heimat zu verlassen und in einem anderen Land mit einer anderen Sprache und einer anderen Kultur ein ganz neues Leben zu beginnen.

Es gibt viele Vorurteile über Flüchtlinge. Viele Menschen wissen nicht viel über den Krieg in Syrien und denken, dass die Flüchtlinge nur wegen dem Geld kommen. Das stimmt aber nicht. Wenn die Leute dort in Sicherheit wären, müssten sie ihr Land ja nicht verlassen. Mit dieser Geschichte möchte ich Ihnen zeigen, was Menschen erleben, die aus ihrer Heimat fliehen müssen.

Zerstörung und Verlust des Heimatorts

Da ich in Damaskus geboren wurde, habe ich diese schöne große Stadt und ihre Geschichte erleben dürfen. Hier lebten auch während meines Aufwachsens dort Menschen aus sieben verschiedenen Religionen friedlich zusammen. Niemand fragte, welche Religion man hatte. Wir hatten eine multireligiöse Nachbarschaft voller Liebe. Die Zeit war sehr schön und ist mir unvergesslich geblieben.

Vor sieben Jahren wurde plötzlich alles schlimm. In unserem Land passierte etwas, was wir so nicht kannten. Es war erschreckend. Menschen sind verschwunden, Menschen wurden getötet. Jede Familie hat jemanden verloren. Wir haben das gehört, aber es nicht gleich geglaubt, weil der Krieg zuerst in anderen Städten wie Homs, Daraa, Hama und Aleppo angefangen hat und erst viel später in Damaskus ankam. So verloren wir unsere Träume.

Syrien wurde zerstört, unsere Kultur wurde zerstört, jeden Tag gab es Tote. Als das Töten normal wurde, begannen viele Familien, Syrien zu verlassen, um ihr Leben zu retten. Sie mussten alles zurücklassen, verloren alles, was sie hatten. Ganze Familien, Kinder und Jugendliche brachen in Richtung Europa auf. Aber warum nach Europa?

Die arabischen Länder haben den Syrern keine Türen geöffnet. Syrien hatte bisher immer hilfesuchende Einwanderer aus anderen Ländern aufgenommen. So haben wir 1914 Armenier aufgenommen, ab 1948 Palästinenser, ab 1975 Libanesen und ab 2003 Iraker. Als jedoch die Syrerinnen und Syrer fliehen mussten, haben andere Länder – sogar das reiche Saudi-Arabien – sie nicht aufgenommen. Deshalb gingen syrische Flüchtlinge nach Europa…

Weil es in Syrien nun keine Sicherheit mehr gab, habe auch ich mich entschieden, nach Europa zu gehen. Meine Mutter wollte das nicht und hat es mir verboten. Der Kompromiss war, dass ich in die Türkei gehe und dort bleibe. Meine Mutter hat mir geglaubt, weil zwei meiner Cousinen in der Türkei sind. Ich habe nur einen kleinen Rucksack mit ein paar Kleidern, Schuhen, Geld und Personalausweis gepackt, bin zum Busbahnhof gegangen und bin in Richtung Aleppo losgefahren.

Unterwegs nach Aleppo gab es eine Grenze der Al-Nusra-Kämpfer, die unseren Bus kontrolliert haben. Im Gebiet der Al-Nusra musste ich mich ganz verschleiern, also mit Kopftuch, Niqab und ganz langen Kleidern. Ich hatte Angst, dass sie mich nach meinem Ausweis fragen, weil ich auf dem Foto kein Kopftuch trage und weil sie dann auch gemerkt hätten, dass ich aus Damaskus komme. Außerdem dürfen Mädchen unter 18 in Syrien nicht alleine reisen. Aber die Frau neben mir hat mir geholfen. Sie sagte gleich zu Beginn der Fahrt, dass ich sagen soll, dass sie meine Tante ist. Dann ist alles gut gegangen. Die Kämpfer haben nur den Bus kontrolliert, sie haben mich nichts gefragt und wollten auch keinen Ausweis sehen. Wenn sie mich kontrolliert hätten, hätte ich mit ihnen gehen müssen und sie hätten mich auf jeden Fall verhört. In Syrien haben wir schon viele schlimme Dinge über die Al-Nusra Kämpfer gehört, denn sie gehen nicht besonders gut mit Frauen um.

Als ich dann in Aleppo ankam, war das sehr komisch für mich. Die Stadt war so traurig. Alles war zerstört. Ich habe bei einer Familie übernachtet, die sehr gut zu mir war.

Am nächsten Tag begleitete mich um sechs Uhr morgens ein Verwandter zum Busbahnhof, ich kaufte mir ein Ticket und bereits um 7.00 Uhr ging der Bus in Richtung türkische Grenze.

 

Über die Grenze

Um 19.00 Uhr war ich dann endlich in Bab Al-Salama. Dort hätte ich vier Jungs aus Damaskus treffen sollen, aber sie waren schon weg, weil ich zu spät angekommen war. Nun war ich ganz allein und mir wurde gesagt, dass ich entweder jetzt oder erst am nächsten Tag zusammen mit anderen über die Grenze gehen könnte. Ich habe gesagt, dass ich lieber alleine gehe, weil ich nicht wusste, wo ich bis zum nächsten Morgen bleiben sollte. Allein über die Grenze zu gehen war sehr gefährlich, weil die türkische Polizei mit dem Auto an der Grenze hin und her patrouillierte. Ich sollte fünf Minuten lang sehr schnell geradeaus rennen, damit die Polizei mich nicht sieht. Man sagte mir, dass, wenn jemand meinen Namen ruft, ich einfach so schnell ich kann in die Richtung rennen soll, aus der der Name zu hören ist.

Ich bin gelaufen, sie haben meinen Namen gerufen und ich habe es gehört. Zwei Jungs haben mich gesehen und mit dem Auto mitgenommen. Sie haben mich zu einer türkischen Familie gebracht, die ein bisschen Arabisch sprach. Bereits in Aleppo hatte man mir gesagt, dass die vier Jungs aus Damaskus, mit denen ich mich schon an der Grenze hätte treffen sollen, falls wir uns verpassen, bei dieser Familie auf mich warten würden.In dieser Familie lebte ein älterer Mann, eine ältere Frau, ein ca. 17 Jahre altes Mädchen und ein etwa 20-jähriger Mann. Das Mädchen war sehr traurig, weil ihre Familie sie verheiraten wollte und sie selbst nicht heiraten wollte. Die vier Jungs waren zwar bei der Familie gewesen, aber bereits weitergezogen und nicht mehr zurückgekommen. Leider konnte ich sie nicht anrufen, weil meine SIM-Karte in der Türkei nicht funktionierte.Ich habe die Familie gefragt, ob sie ein Handy haben, damit ich anrufen kann. Sie haben gesagt, sie hätten kein Handy, aber ich wusste, dass sie eins hatten. Sie haben dann auch noch den Strom abgestellt, damit niemand ins Haus schauen kann, und sie haben mich nicht mehr aus dem Haus gelassen, weil es draußen angeblich so gefährlich wäre.Jetzt wusste ich, dass mit dieser Familie irgendetwas nicht stimmte und wieder hatte ich Glück: mein Handy funktionierte wieder und ich konnte den Mann anrufen, mit dem ich mich eigentlich zu diesem Zeitpunkt bereits in Izmir hätte treffen sollen. Er fragte mich, wo ich sei und was passiert wäre. Ich habe ihm erzählt, dass ich seit vier Stunden bei dieser Familie bin. Er erzählte mir, dass er die Familie bereits angerufen hätte und sie ihm gesagt haben, dass ich nicht bei ihnen bin. Dann hat er der Familie gedroht, dass er ihnen große Probleme machen würde.Die Drohung hat wohl gewirkt, denn der ältere Mann brachte mich dann in ein Hotel, in dem ich die Nacht verbrachte, bevor er mich um sechs Uhr morgens abgeholte, um mich mit dem Auto zum Bus nach Izmir zu bringen.Schon wieder hatte ich also eine Situation überstanden, die auch anders hätte ausgehen können.

Der Mann hatte mich nämlich nachts um zwei Uhr nochmal angerufen und wollte mit mir ausgehen. Als ich nein gesagt habe, wurde er böse. Deshalb war es auch nicht besonders angenehm, am nächsten Morgen in sein Auto steigen zu müssen. Im Auto hat er mich dann noch gefragt, ob ich Auto fahren lernen möchte. Wieder habe ich nein gesagt. Trotzdem ist er in eine ganz kleine Straße abgebogen. Ich wurde dann richtig sauer, habe ihn angeschrien und dann hat er mich einfach wieder zurück auf die Straße und zum Bus gebracht. Noch heute würde ich ihn unter 1.000.000 Männern sofort erkennen.

Weiter nach Griechenland

Mit dem Bus fuhr ich nach Izmir und traf dort Freunde, die bereits einen Monat vor mir aus Damaskus in Richtung Europa aufgebrochen waren. Wir wollten nun gemeinsam nach Deutschland weiterreisen. In Izmir blieben wir eine Woche lang bei einer Freundin, die aus Syrien stammt und in Izmir wohnt. Eine Woche in Izmir zu bleiben war nicht geplant, aber das Meer war zu dieser Zeit so unruhig und gefährlich, dass wir nicht mit dem Boot losfahren konnten. Aber nach einer Woche hatte sich das Meer beruhigt und um 12 Uhr nachts trafen sich alle, die aufs Boot in Richtung Griechenland wollten, in einem kleinen Ort am Meer. Natürlich mussten wir uns vor der Polizei verstecken, deshalb war es Pflicht, schwarze Kleidung zu tragen. Schließlich ging es endlich los, aber nach vier Stunden fiel der Motor aus. Auch hier hatte ich Glück, denn ein Mann und eine Frau, die mit ihrem Boot hinter uns hergefahren waren, halfen uns.. Etwa 20 Minuten später erreichten wir eine griechische Insel. Bei Sonnenaufgang liefen wir los, um die nächste Stadt zu finden.

Nachdem wir in Griechenland angekommen waren, trafen wir die Frau und den Mann, die uns auf dem Boot geholfen hatten wieder. Sie nahmen uns mit zu sich nach Hause, weil wir sehr müde waren und Hunger hatten. Dort konnten wir duschen, unsere Kleider waschen und bis zum nächsten Tag schlafen.

Am nächsten Morgen brachten sie uns zu dem großen Schiff, mit dem wir dann zusammen mit ganz vielen Geflüchteten nach Piräus fahren sollten.

Ankommen in Deutschland

Von dort aus dauerte es dann nur eine Woche, bis wir in Deutschland angekamen. Auf der „Balkanroute“ haben wir praktisch in jedem Land einmal geschlafen und sind dann am nächsten Tag weitergereist: Mazedonien – Serbien – Kroatien – Ungarn – Österreich – Deutschland.

Wir sind mit Bus und Zug gefahren, sind aber auch sehr viel gelaufen, vor allem in Kroatien. Manchmal hat uns jemand bei sich zuhause übernachten lassen und manchmal haben wir auf der Straße gewartet oder in einem Camp.

In dieser Zeit – im September 2015 – waren alle Grenzen in Europa offen und es gab auch kostenlose Busse bis zur nächsten Grenze. Die Regierungen der EU-Länder übernahmen die Reisekosten, nur in Serbien mussten wir für den Bus und den Zug bezahlen.

Am Ich 10.09.2015 bin ich dann in Deutschland angekommen. Ich war zuerst in Hamburg. Dann habe ich meine Bekannten, die schon in Deutschland waren angerufen und gefragt, wo sie sind. Sie waren in Albstadt-Ebingen in einer großen Flüchtlingsunterkunft untergebracht und ich bin auch dorthin gefahren. Dort habe ich meinen syrischen Ausweis und meine Fingerabdrücke abgeben müssen.

In diesem Lager gab es eine große Tafel vor dem Büro, auf der alle Namen standen, die Städte, in denen sie wohnen sollten und wann der Bus dorthin abfährt. Man musste jeden Tag auf diese Tafel schauen. Nach zwei Monaten stand dort: D.L. – Stuttgart – 9.30 Uhr.

 

Stuttgart

In Stuttgart sind wir zuerst in der Schleyerhalle in Bad Cannstatt untergebracht worden. Dort war es chaotisch und gefährlich. Nach zwei Wochen hat der Chef von diesem Heim gemerkt, dass ich erst 17 Jahre alt und ohne meine Eltern hier bin. Am nächsten Tag ist jemand vom Jugendamt gekommen und hat mit mir geredet und mir gesagt, dass es für mich in diesem Heim zu gefährlich ist. Ich habe natürlich Englisch mit ihm geredet, weil ich noch kein Deutsch konnte.

Am nächsten Tag hat er mich dann abgeholt und ins Kinderheim in die Kernerstraße gebracht. Nach sieben Monaten im Kinderheim wurde ich 18 Jahre alt und konnte in eine eigene Wohnung ziehen.

Am Ende meiner Arbeit habe ich festgestellt, dass es eigentlich ganz schön gefährlich und mutig ist, als 17-jährige junge Frau alleine die Heimat zu verlassen und in ein neues Leben aufzubrechen. Auch an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei oder im Taxi mit einem aufdringlichen Fahrer bin ich im Nachhinein froh, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist. Besonders habe ich das auch an der Reaktion meiner Lehrerin gemerkt, die beim Lesen meiner Arbeit sehr betroffen war. Es war auch sehr schwer für mich, eine ganz neue Sprache zu lernen und wieder ganz von vorne beginnen zu müssen, weil noch nicht einmal mein Zeugnis anerkannt wurde. Besonders genieße ich in Deutschland, dass es hier Frieden gibt, dass ich meinen Abschluss machen kann, dass ich einen Freund haben darf und dass ich mit etwas Glück bald eine Ausbildung machen kann. Und ganz wichtig für mich persönlich ist, dass ich nachts gut schlafen kann, weil ich nicht Angst haben muss, dass mein Haus bombardiert wird oder dass ich in der Ferne Bombeneinschläge höre.

 

 

Dieser Text ist im Rahmen eines Schulprojekts entstanden. Der Autorin war es wichtig, ihre Geschichte einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Kommentar von Simone Ernst D.’s Lehrerin:

“Die Betreuung dieser Projektarbeit war für mich als erfahrene Lehrerin im Fach “politische und wirtschaftliche Bildung” etwas Besonderes und auch etwas sehr Schönes. Ich habe dabei nicht nur eine starke junge Frau kennengelernt, die sich die deutsche Sprache durch das Aufschreiben ihrer eigenen Geschichte unglaublich schnell angeeignet hat. Ich war in diesem Prozess auch eine Lernende. Es gibt darin nichts, was ich als Lehrerin besser wissen könnte. Ich habe gelernt zuzuhören. Ich habe gelernt, dass der Krieg in Syrien nicht mit eurozentrischen und vom Kalten Krieg geprägten Denkmustern verstehbar ist. Und ich habe gelernt, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Zwischen Sprachkurspflicht  und Neuanfang liegen immer noch Welten. D.L. wird ihren Weg finden und auch gehen. Davon bin ich überzeugt und ich bleibe ihr verbunden. Eine solche direkte und intensive Lernerfahrung aber wünsche ich allen meinen Kolleginnen und Kollegen, die – wo und in welcher Tätigkeit auch immer – mit Geflüchteten arbeiten.” Simone Ernst, Internationaler Bund e.V.”