Statt rumsitzen: Wie diese Braunschweigerin eine Seebrücke-Demonstration anmeldete

von Caren Miesenberger

Margaux Jeanne Erdmann mit den Seebrücke-Mitorganisator*innen in Braunschweig.Foto: Amir Touhidi
Margaux Jeanne Erdmann mit den Seebrücke-Mitorganisator*innen in Braunschweig. Foto: Amir Touhidi

Du möchtest deine Solidarität auf die Straße tragen, weißt aber nicht, wie das geht? Margaux Jeanne Erdmann ist Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache und studierte Kulturanthropologin. In Braunschweig initiierte sie die Seebrücke mit – und hat das allererste Mal eine Demonstration angemeldet, zu der über tausend Menschen kamen. Im Interview mit WIR MACHEN DAS erklärt sie, wie sie das angestellt hat.

Wie kam es zu der Idee, in Braunschweig eine Seebrücken-Demonstration auf die Beine zu stellen?

Nach den erschreckenden Nachrichten zu der sich zuspitzenden Situation der Geflüchteten und der Seenotrettung im Mittelmeer habe ich erstmal nach einer zeitnah stattfindenden Demo in meiner Nähe gesucht. Das Gefühl, politisch nicht direkt in die Situation eingreifen zu können und sie trotz meines Wissens um die europäische Migrationspolitik und ihre menschenvernichtenden Konsequenzen nicht ändern zu können, hat in mir den dringenden Wunsch ausgelöst, schnellstmöglich mit anderen auf die Straße zu gehen. Ich wollte ein Zeichen setzen und zeigen, dass wir dieser Politik nicht zustimmen.

Leider gab es weder in Braunschweig noch in der Nähe eine Demo, die sich diesem Politikum gewidmet hatte. Ich schrieb Organisationen und Bündnisse an. Nachdem ich kurzfristig keine Rückmeldung bekam, entschloss ich spontan und getrieben, von meinem Gefühl, irgendetwas tun zu müssen und nicht einfach vor dem Bildschirm sitzen bleiben zu können, die Demo anzumelden. Noch während ich die Infos zur Anmeldung recherchierte, tauchten auf Facebook Infos zur jüngst gegründeten Initiative Seebrücke auf. Immer mehr Gruppierungen und Einzelpersonen meldeten Demos an und riefen Aktionen unter ihrem Dach ins Leben. Ich meldete die Demo also direkt als Seebrücke an. Dann leitete ich sie an die bundesweite Dachorganisation weiter, die wiederum die Ankündigung über ihre Verteiler und Netzwerke verbreitete.

Das war die erste Demo, die ich bis dato jemals angemeldet hatte. Die zweite habe ich direkt 3 Wochen später angemeldet: die #wirsindmehr-Demo anlässlich der rassistischen, gewaltvollen Übergriffe in Chemnitz. Als ich bei den beiden Demos gesehen habe, wie viele Menschen auf den Schlossplatz kamen und sich beim Spaziergang durch die Stadt der Demo anschlossen, habe ich mich noch mal in Braunschweig verliebt. Ich will jetzt unbedingt politisch aktiver werden und mich mehr in die Stadtgesellschaft einbringen.

Welche Schritte sind von der Idee bis zur Umsetzung erforderlich?

Das hängt davon ab, welche Art Demo man plant. Uns war wichtig, schnell und spontan zu mobilisieren. Daher haben wir die Demos erst angemeldet und ihre Gestaltung im zweiten Schritt geplant. Aufgrund der Kürze der Zeit haben wir uns entschieden, „Demo-Spaziergänge“ zu organisieren. Das bedeutete, dass es zu Beginn und zum Abschluss kurze Redebeiträge gab und die Demo aus einem Spaziergang durch die Stadt bestand. Im Anschluss wurden wir von alteingesessenen Demo-Organisator*innen teilweise dafür kritisiert. Aber viele zeigten sich auch begeistert davon, dass es mal was „erfrischend anderes“ war und keine superlangen Reden gehalten wurden, sondern der Fokus auf Sichtbarkeit und Präsenz lag. Großartig und unglaublich motivierend war, dass uns viele nach den Demos direkt angesprochen haben, mit Feedback und dem Angebot, sich zu vernetzen und in Zukunft gemeinsam weiter zu arbeiten. Das war auch für uns drei aus dem Organisationsteam persönlich sehr motivierend, da wir auf und nach der Demo im direkten Kontakt mit anderen erfahren konnten, dass wir nicht alleine mit unseren Positionen und Hoffnungen sind. Auch in mittelgroßen Städten wie Braunschweig gibt es unzählige Personen und Gruppierungen, die schon seit Jahrzehnten aktiv für ein besseres, gesellschaftliches Zusammenleben kämpfen.

Deshalb empfehle ich auch, dass man, gerade mit mehr zeitlichem Vorlauf, zunächst Verbündete sucht. Bündnisse, Gruppierungen, Einzelpersonen oder Parteien – bei uns waren das unter anderem das Bündnis gegen Rechts, der Jugendring Braunschweig, die Antifa, die Gewerkschaften, AWO und das Refugium – können als Bündnispartner*innen die Demo mitgestalten und tragen. Anschließend kann man bei Treffen gemeinsam die Gestaltung der Demo oder Kundgebung planen. Soll es Redebeiträge, Musik, Flyer geben? Wer möchte gerne einen Redebeitrag leisten? Soll es eine Reihenfolge geben, in welcher die teilnehmenden Gruppen in der Demo laufen?

So wird bei längerfristig geplanten Demos vorgegangen. Erst Organisation, dann Anmeldung. Beide Formen haben protestkulturell ihre Wirkungsweisen. Deswegen stellt sich immer die Frage: Möchten wir gerade kurzfristig auf politische Ereignisse reagieren? Oder möchten wir lieber eine wohl organisierte Demo anbieten, in deren Planung sich viele einbringen können, um möglichst viele Leute nicht nur als Teilnehmende, sondern auch Mitgestaltende zu mobilisieren?

Ich persönlich habe Freude, an den spontan organisierten Demos gefunden, weil sie mir das Werkzeug bieten, schnell und sichtbar meine Position und die vieler anderer in der Stadtgesellschaft und in den Medien zu zeigen. Ich freue mich aber schon auf die Demos des „zweiten Typs“ in den kommenden Monaten in Hannover, Braunschweig und Hamburg.

Wie meldet man eine Demonstration an?

Hier in Braunschweig ging es tatsächlich überraschend einfach. Trotzdem ist es empfehlenswert, sich im Netz und bei der zuständigen Behörde über das Versammlungsrecht und die Schritte zur „Anzeige einer Versammlung“ zu informieren. Ich habe das zuständige Büro der Stadtverwaltung angerufen und gefragt, ob zur der Thematik bereits Demos angemeldet wurden und welches Formular ich ausfüllen muss. Nachdem ich das Formular eingereicht hatte, kontaktierte mich das Büro nochmals via E-Mail um weitere Einzelheiten, wie zum Beispiel die exakte Route, zu klären. Die beiden Sachbearbeiter waren sehr freundlich, hilfsbereit und haben mich – ich war zugegebenermaßen beide Mal sehr nervös – auf beruhigende Weise beraten.

Einige Stunden vor der Demo habe ich das Büro nochmals telefonisch kontaktiert, um sicherzustellen, dass wir alles entsprechend der Vorgaben umsetzen. So bin ich bei beiden Anmeldungen vorgegangen. Das Bewerben und Ankündigen der Demo darf dann erst 48 Stunden später erfolgen. Bei Spontandemos gelten andere Vorgaben.

Wie viele Menschen braucht man im Vorbereitungsteam?

Auf jeden Fall mehr als wir es waren! Bei der ersten Demo waren wir zu dritt, bei der zweiten zu zweit und haben alles, was dazugehört, organisiert und umgesetzt. Aufgaben wie Pressemitteilungen, Social Media-Ankündigungen, Weiterleiten der Demo-Ankündigungen an Multiplikator*innen, Erstellen von Demo-Material wie Banner und Transparente und so weiter haben wir uns aufgeteilt. Bei der #wirsindmehr-Demo stellten uns ver.di und die Falken Technik für das Verlesen der von der Stadtverwaltung gestellten Auflagen für die Demo und Redebeiträge zur Verfügung. Außerdem haben sich ganz schnell viele Freund*innen als Ordner*innen eingebracht. Toll war, dass wir mit den Demos offensichtlich einen Nerv getroffen hatten und innerhalb weniger Stunden insbesondere via Social Media zig Bündnisse, Gruppen und Einzelpersonen die Veranstaltung verbreitet und so mobilisiert haben.

Was für Auflagen gab es von der Stadt?

Vermummungsverbot, kein Alkohol, keine Gegenstände, die als Waffe genutzt werden könnten.

Hast du dich vorher professionell beraten lassen – von einer Anwältin oder ähnlichem?

Nein, aber das kann man gerne tun, um auf Nummer sicher zu gehen. Ich würde das bei anderen Demos gegebenenfalls in Betracht ziehen.

Gab es Hürden bei der Durchführung der Demonstration?

Außer, dass wir in kürzester Zeit versucht haben, vieles zu schaffen, nicht.

Wie viel Zeit habt ihr investiert?

Bei beiden Demos haben wir mit 2 bis 3 Personen ca. 4 bis 5 halbe Tage durchgearbeitet. Allerdings war es uns auch wichtig, Pressemappen anzubieten, nahezu durchgehende Facebookpräsenz zu zeigen, Banner vorzubereiten und Flyer zu erstellen. Außerdem hatten wir „das Glück“, dass die Medien sehr interessiert waren. Daher mussten wir noch einige Pressetermine wahrnehmen.

Das klingt sehr intensiv.

Ich denke, dass es wichtig ist, dass wir so häufig wie nötig und insbesondere möglichst kurzfristig und spontan auf die Straße gehen. Um mehr protestkulturelle Agilität und Spontaneität zu erreichen, kann man auf die oben genannten Aspekte und Details verzichten. Wichtig ist, dass wir demonstrieren. Man muss nicht die perfekt organisierte Kulturveranstaltung mit erwählten Redebeiträgen, künstlerisch designten Bannern und supercooler Musik vorweisen, um auf die Straße gehen. Es ist toll und macht Spaß, wenn es das alles gibt. Aber sich ohne Zögern blitzschnell zu vernetzen, auf der Straße zu treffen, laut durch die Innenstädte und Viertel zu ziehen, ein politisches Zeichen zu setzen, das ist das Wichtigste. So kommen wir in Bewegung. Hier gilt für mich „better done than perfect.“ Wenn wir uns nicht erlauben, unperfekte Demos auf die Beine zu stellen, dann bremsen wir uns in politischem Aktionismus und Aktivismus aus. Wir verlieren auch Menschen, die man mit spontanen Zeichen motivieren kann, ehe der mediale und öffentliche Diskurs Unrecht so normalisiert, dass doch wieder alle auf dem Sofa sitzen bleiben. Daher denke ich, dass mehr spontane Aktionen, insbesondere in den kleineren und mittelgroßen Städten, die Protestkultur ergänzen und wieder lebendiger werden lassen sollten. Damit findet die politische Zeichensetzung – über die digitale Protestwelt hinaus – auch wieder auf der Straße statt.

Die Seebrücke ist eine recht junge Bewegung. Wie kann die Zusammenarbeit mit bereits bestehenden Aktivist*innen aussehen?

Darüber berät die Seebrücke bundesweit gerade. Viele lokale Seebrücken haben schon zahlreiche Partner*innen, so wie wir in Braunschweig auch. Dabei ist es uns in Braunschweig wichtig, uns mit langjährig aktivistisch arbeitenden Personen und Gruppen zu vernetzen und unsere Zusammenarbeit mit selbigen zu verstetigen. Gleichzeitig ist es uns auch ein Anliegen, noch Inaktive zu mobilisieren und insbesondere die Freude am politischen Denken, Handeln und Aktivwerden aufzuzeigen und zu verbreiten. Politisch aktiv sein ist nicht nur gesellschaftlich von immenser Bedeutung, sondern macht auch unglaublich viel Spaß. Man lernt viele interessante Menschen kennen, kann sich produktiv mit seinen Gedanken und Positionen einbringen und unser Zusammenleben mitgestalten. Das alles hat auch einen immensen positiven psychischen Impact auf einen selbst.

Was für Tipps hast du für Menschen, die das erste Mal eine Demonstration auf die Beine stellen?

  • Vernetzt euch mit bestehenden Bündnissen und Gruppen!
  • Klärt alles, jedes Detail, mit der Stadtverwaltung ab und fragt alles nach!
  • Nutzt Social Media, um möglichst viele Leute zu mobilisieren!
  • Traut euch, Demos auch mal etwas anders zu gestalten!
  • Wenn ihr keine Demo anmelden möchtet, dann könnt ihr auch andere politische Aktionen planen und umsetzen. Dafür empfehle ich euch u.a. die bundesweite Facebookseite der „Seebrücke – Schafft sichere Häfen“  Dort könnt ihr viele Ideen für politische Aktionen sammeln und euch inspirieren lassen!
  • Begeistert euch für Politik! Meldet Demos an! Geht auf Demos! Vernetzt euch digital und auf der Straße!

Vielen Dank für das Interview!