Nähen für das Selbstbewusstsein

In den Nähgruppen von Selbsthelfer e.V. kreieren geflüchtete Frauen und Einheimische gemeinsam Produkte, die anderen Menschen in sozialen Notlagen helfen – ehrenamtlich und im tiefsten Bayern. Über ein Projekt, dass neben transkulturellen Begegnungen und Aktivitäten auch politische Bildungsarbeit leistet.

von Theresa Schmidt

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Frauen aus aller Welt und Bayern, die in Prien wohnen, kommen seit Mitte Januar 2016 zusammen und nähen gemeinsam Dokumententaschen und Kosmetikbeutel, die anschließend an Menschen in sozialen Notlagen verteilt werden. Foto: privat/Selbsthelferverein

Wenn Heike Maas von Selbsthelfer e.V. erzählt, sprudeln die Erinnerungen und Anekdoten nur so aus ihr heraus. „Wir wollten nicht nur zuschauen, sondern machen“, erinnert sich die erste Vorsitzende des Vereins an die Anfänge des Projektes zurück. Das war im Juni 2015. Heike Maas, die eigentlich Diplom-Kauffrau ist, rief damals mit Barbara Otte-Mayer im Bayerischen Söchtenau Selbsthelfer e.V. ins Leben. Die beiden Frauen kennen sich aus ihrer Lehrzeit, ein Foto von ihren strahlenden Gesichtern am Tag der Vereinsgründung ist auf der Internetseite des Vereins zu sehen.

Aber nicht nur die beiden Gründerinnen lachen einen hier über eine Nähmaschine hinweg an – sie sind gemeinsam mit einigen Frauen aus dem Projekt und ihren Kindern zu sehen. Die Idee des Projektes ist so naheliegend wie ausgefallen: Newcomer*innen und Einheimische treffen sich einmal wöchentlich und stellen gemeinsam Produkte her, die anderen Menschen in sozialen Notlagen helfen. Das Herzstück sind dabei die Nähgruppen: Dort entstehen ressourcen- und finanzsparend aus Stoffresten und mit gebrauchten Nähmaschinen Kosmetikbeutel zum Aufhängen, Dokumententaschen oder Turnbeutel. Die fertigen Taschen werden anschließend gemeinsam an Bewohner*innen der Unterkünfte im Umkreis übergeben und kommen dort gleich zum Einsatz. Damit schließt sich der Kreis und gleichzeitig werden Newcomer*innen ins Ehrenamt integriert, ganz ohne Steuermittel.

Die erste Gruppe starteten Heike Maas und Barbara Otte-Mayer in Zusammenarbeit mit dem Asylhelferkreis Bad Endorf. „Du brauchst immer jemanden, der direkt im Kontakt mit den Geflüchteten ist“, weiß Heike Maas inzwischen aus Erfahrung. Deswegen knüpft Selbsthelfer e.V. an solche bereits bestehenden Strukturen an. Auch die Taschen waren ein Tipp des Landratsamtes, dem Träger der Erstaufnahmeeinrichtungen. Zum Nähen treffen sich die Gruppen in Pfarrheimen, Gemeindehäusern oder Gemeinschaftsräumen der Unterkünfte. Willkommen sind alle, auch Frauen ohne oder mit wenig Näherfahrung. Denn, das ist der Koordinatorin besonders wichtig, sie sollen gern kommen. „Insgesamt ist es bei unseren Treffen immer ziemlich laut“, lacht sie. „Es wird viel geredet und einige bringen auch ihre Kinder mit. Manche lassen in der Gruppe ihre Kopftücher fallen, andere ziehen sich zwischenzeitlich zum Beten zurück – alles ist möglich.“ Anfangs wurden viele Frauen noch von ihren Männern zu den Treffen begleitet, das hörte mit der Zeit jedoch auf. Einige, das weiß Maas, sprechen vor ihren Familien noch immer von einem „Nähkurs“ und legitimieren damit vor ihren Familien diese Zeit für sich.

Als die Vereinsvorsitzende schließlich von den Übergaben der fertigen Produkte erzählt, kann man sich die Stimmung in den Unterkünften bildlich vorstellen: Unruhig sei es dann, sagt sie, alle wüssten, da kommen welche und es werde etwas verschenkt. Manche Bewohner*innen seien scheu und hielten sich eher zurück, andere zeigen ihre Dankbarkeit ganz offen. Besonders gern erinnert sich Maas an die Geschichte von Zara. Zara ist Afghanin, 14 Jahre alt und seit etwa zwei Jahren in Deutschland. Bei der letzten Übergabe in Aibling war sie eine derjenigen, die Taschen verschenkte. Es sei schön, auch einmal auf der gebenden Seite zu stehen, habe die junge Frau gesagt.

Die Taschen werden allerdings nicht nur an Geflüchtete, sondern anderweitig verschenkt, etwa bei der Tafel. Auch der Aktionsradius des Vereins hat sich erweitert: So wird eine Gruppe im April den Bayerischen Landtag besuchen, dort eine parteiunabhängige Führung und eine Einführung in das deutsche Wahlsystem bekommen. „Damit sie auch mal etwas anderes sehen als das BAMF.“ Von politischen Wahlen einmal abgesehen: Demokratisch abgestimmt wird auch bei Selbsthelfer e.V. Das Mitspracherecht über ein neues Produkt und das Gefühl, dass die eigene Meinung zählt, ist für viele eine neue Erfahrung. Auch diese Art von Empowerment ist einer von vielen Effekten des Projekts. „Das Selbstbewusstsein dieser Frauen zu stärken ist so wichtig!“, findet Maas.

Auch für Männer lief im Jahr 2016 erstmals ein Selbsthilfe-Projekt: die sogenannten Hoffer. Diese Mischung aus Hocker und Koffer wurde ebenfalls in Anlehnung an die Bedürfnisse in den Unterkünften entwickelt. „Es gibt dort häufig wenig Privatsphäre, Stauraum und Sitzgelegenheiten“, erklärt Maas. „Unsere Idee war, mit dem Hoffer eine Ergänzung zu den unpraktischen Doppelstockbetten zu entwickeln – zum Sitzen, Verstauen und Stapeln.“ Das ist gelungen: Nachdem zunächst einige Hürden, wie zum Beispiel Brandschutz, gemeistert werden mussten, meldete sogar die Caritas-Senioren Interesse an dem Produkt an. „Außerdem konnten wir auch junge deutsche Männer einbinden, eine Zielgruppe, die wir bisher weniger erreicht haben. Uns war wichtig, die gegenseitige Scheu zu nehmen.“

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Auf dem Weg zur Gemeinschaftsunterkunft Raubling zur HOFFER-Übergabe im März 2016. Foto: privat/Selbsthelferverein

Heike Maas und ihre Kolleginnen mussten jedoch auch erfahren, dass Selbsthelfer nicht gleich Selbstläufer bedeutet. „Das Ehrenamt ist ein großer Zeitaufwand und man muss immer hinterher sein. Außerdem müssen wir immerzu auf die aktuelle Situation reagieren – gerade haben wieder einige Afghaninnen aus unserem Kreis mit der Abschiebung zu kämpfen.“ Was mit der Idee zweier Freundinnen begann, hat im Landkreis Rosenheim inzwischen Wellen geschlagen. Neun Standorte und fünf laufende Projekte zählt Selbsthelfer e.V. aktuell. Dafür, das betont Maas, sei vor allem die breite Unterstützung für das Projekt verantwortlich. „Das ist der Hammer. Der Hammer!“, sagt sie immer wieder, und meint damit nicht nur die vielen ehrenamtlichen Unterstützer*innen, sondern auch die Unternehmen, die mit Sach- und Finanzspenden die Arbeit des Vereins möglich machen, private Spender*innen und die Asylhelferkreise, die ihnen die notwendige Infrastruktur für ihre Ideen zur Verfügung stellen. „Einfach der Hammer.“

Manchmal, wenn sie zurückdenkt an die Anfänge, kann sie sich dennoch ein Schmunzeln über die eigene Naivität nicht verkneifen. „Viele der Ehrenamtlichen hatten vorher noch nie mit Migrant*innen zusammengearbeitet. Auf einmal war Ramadan und das hat sich natürlich auch bei unseren Nähtreffen bemerkbar gemacht. Dafür haben wir regelmäßige Feedbackrunden. Wir sind in dieser Situation alle Lernende.“

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