nestwerk BERLIN

Die Berliner Organisation Nestwerk vermittelt und entwickelt Wohnraum für Geflüchtete. In Zusammenarbeit mit zahlreichen Initiativen schuf Nestwerk vor nun fast einem Jahr eine Anlaufstelle für die Wohnungssuche, die über bürokratische Hürden hinweghilft und sich auf allen Ebenen für Neu-Berliner einsetzt. Mit Phantasie, offenen Herzen und Entschlossenheit arbeiten die Beteiligten an kreativen Lösungen, um ein Zuhause jenseits der Notunterkünfte zu ermöglichen.

von Hiba Obaid

Der Herbst 2015 war eine außerordentlich schwierige Zeit im Berliner LAGeSo. Die hohe Anzahl internationaler Geflüchteter traf auf eine Bürokratie, die kaum in der Lage war, mit einer so großen Herausforderung umzugehen.

Als die Krise ihren Höhepunkt erreichte, ist die Idee zu Nestwerk entstanden. Obwohl enorm viele Bürger fest entschlossen waren zu helfen, stellte der bürokratische Aufwand dennoch eine abschreckende Herausforderung dar. So auch für die Initiative Nestwerk.

Kerstin Hack, eine der Gründerinnen von Nestwerk erklärt, wie alles begann:

„Wir haben einen Online-Fragebogen veröffentlicht, mit dem wir 300 Geflüchtete darüber befragt haben, wo sie gerne leben würden, wenn sie die freie Wahl hätten. Das Ergebnis war das Folgende:
50% bevorzugten eigene Wohnungen
1% wollte in den Unterkünften bleiben
49 % äußerten den Wunsch in einer Wohngemeinschaft oder bei deutschen Familien unterzukommen.”

Die Antworten zeigen ganz klar, dass 99% der Geflüchteten aus den Notunterkünften ausziehen wollen, um entweder in einer eigenen Wohnung, oder – da viele Geflüchtete allein nach Deutschland gekommen sind – in Wohngemeinschaften bzw. bei deutschen Familien unterzukommen.

Unter all den Initiativen, die während der Krise entstanden sind, gilt Nestwerk als eine der aktivsten. Sie versucht Lösungen für die Wohnungsnot der Geflüchteten zu finden, in dem sie die bürokratischen Hürden verringert und die notwendigen Vorschriften und Richtlinien erklärt und verständlich macht.

Einige der Nestwerk-Gruppen haben sich darauf spezialisiert, die Geflüchteten bei der Suche nach einer eigenen Wohnung und der Zusammenstellung der nötigen Papiere zu unterstützen, andere Gruppen wiederum helfen bei der Suche nach einem Platz in einer Wohngemeinschaft. Eine weitere Nestwerk-Gruppe plant den Bau von Wohnungen auf ungenutzen Flächen wie Dächern, verwaisten Fabrikgeländen, Kirchen und allen anderen leerstehenden Orten, die sich potentiell für einen Neu- oder Umbau eignen.

„Eine politische Regel hat Bestand”, sagt Kerstin Hack, „je größer unsere Initiative wird, desto mehr Beachtung bekommt unsere Stimme, mit der wir unsere Ideen und Meinungen ausdrücken können und Lösungen auch auf einem höheren politischen Level suchen können. Ich habe mit dem Berliner Bürgermeister und dem neuen Direktor des LAGeSo gesprochen und sie um mehr Hilfe und Unterstützung gebeten. Und sie zeigten sich tatsächlich sehr hilfsbereit und kooperativ, als es darum ging, den bürokratischen Aufwand zu vereinfachen.”

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Nestwerk-Treffen. Foto: Kerstin Hack

Nestwerk besteht derzeit aus 20 miteinander kooperierenden Organisationen, von denen jede einzelne zwischen ein und einhundert Mitgliedern hat. Einmal monatlich treffen sich die Nestwerk-Mitglieder im Refugio, um neue Initiativen vorzustellen und aktuelle Belange zu besprechen. Zusätzlich lädt Kerstin Hack auch andere Organisationen ein, um den Austausch zu gewährleisten und gemeinsam effektive Lösungen zu finden.

„Ich hoffe sehr, dass wir die Lebensbedingungen der Geflüchteten in Zusammenarbeit mit der Politik, den Kreativen und anderen Experten der Problemlösung verbessern können. Das wäre meiner Meinung nach Demokratie in ihrem besten Sinne.”

Hiba Obaid, 1990 in Aleppo geboren, ist eine syrisch-palästinensische Autorin. Nach ihrem Studium der arabischen Literaturwisschenschaft spezialisierte sie sich weiter auf die arabische Sprache. Während ihrer Aufenthalte in Syrien, Libanon, Türkei und Deutschland schreibt sie für unterschiedliche Magazine und Zeitungen und lektoriert einen Gedichtband. Seit Oktober 2015 lebt sie in Berlin. Hiba ist Mitglied des Tagesspiegel-Chors und Teil der Redaktion von WIR MACHEN DAS.

Übersetzung aus dem Englischen: Julia Dösch