Neue Stimmen der arabischen Literatur

Die Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers stellte bei Meet your neighbours am 19. Oktober in der Kölner Stadtbibliothek die in Trier lebende syrische Lyrikerin Rasha Habbal, den syrisch-palästinensischen Lyriker, Schriftsteller und Journalisten Ramy Al-Asheq und Galal Alahmadi, einen der bekanntesten Dichter des Jemen, vor und berichtet hier über den Abend.

von Tanja Dückers

Larissa Bender, Ramy Al-Asheq, Rasha Habbal, Galal Alahmadi und Tanja Dückers. Foto: Almut Elhardt

Der große Saal der Zentralbibliothek in Köln ist einfach riesig, ein bisschen verloren sehen unsere Gäste hier aus. Aber die Stimmung ist gut: Freunde und Bekannte von Galal Alahmadi, Ramy Al-Asheq und Rasha Habbal, ein paar Arabisch-Studenten sowie interessierte Kolleg*innen von mir und den Veranstalter*innen vor Ort sind gekommen – der Raum ist trotz seiner Größe von lebhaften Gesprächen in Arabisch erfüllt.

Auf der Bühne geht es bald um die Unterschiede zwischen dem Schreiben zuhause, in der Heimat, und dem Scheiben in der Fremde – oder neuen Heimat – Deutschland.

Larissa Bender, die wir zum Glück für die Veranstaltung gewinnen konnten, übersetzt in sagenhaftem Tempo. Sie hat auch (sehr gut) die auf Weiter Schreiben publizierten Gedichte von Rasha Habbal  übersetzt, was sie für diesen Abend erst recht zu einer perfekten Partnerin macht.

Wie hat sich der Ortswechsel auf das Schreiben ausgewirkt – inhaltlich, stilistisch? Während Rasha Habbal meinte, sie hätte nicht „so weiterschreiben“ können und in ihren Texten, ähnlich wie Ramy Al-Asheq zum Teil stark das eigene Erleben vor oder während der Flucht thematisiert (Rasha Habbal liest unter anderem ihren eindrucksvollen Text Kinder singen in einem kleinen Schutzbunker), ist für Galal Alahmadi das Schreiben eher ein unberührter Schutzraum im Kopf – er glaubt, dass seine Themen die gleichen geblieben sind, das ist ihm wichtig. Oft handeln seine Gedichte von „universellen Themen“, Einsamkeit, Sehnsucht, Selbstbefragungen. Auch meint er, dass Schriftsteller lange brauchen, um auf solche existenziellen Umwälzungen adäquat zu reagieren. Auf die Frage, ob er seine Texte nicht oft sehr melancholisch findet, meint Galal, dass er versucht, alle seine Melancholie in die Texte einfließen zu lassen, gewissermaßen dort zu „parken“, und dass er eigentlich ein sehr glücklicher Mensch sei. Etwas von diesem Glück kann man in den Gedichten (wie z.B. Zuhause), die wir vortragen (Galal auf Arabisch, ich auf Deutsch) erspüren – vor allem in der überbordenden Phantasie, in den vielen Momenten des Zauber- und Rätselhaften. In seinen Gedichten Vom Krieg und Weniger Hass wird er jedoch politisch und prangert unter anderem, mit ebenso treffsicheren wie überraschenden Bildern, die Zerstörung der Kultur der Indianer an. Wichtig ist ihm, dass Gewalt überall vorkommt und kein Spezifikum des Nahen Ostens ist.

Ramy Al-Asheq, dessen Literatur sich weniger „introvertiert“ liest, berichtet von Schwierigkeiten, in seiner Heimat zu publizieren  – Freiheit in der Themenwahl ist ihm wichtig. Viele seiner Texte sind explizit politisch und von gerade geballter Energie. Er liest Seit ich nicht gestorben bin, einen packenden poetischen Bericht über nichts Geringeres als das schiere Überleben. Wir sprechen auch über Abwab (zu deutsch: Türen), die erste arabischsprachige Zeitung von Geflüchteten und für Geflüchtete, die es in Deutschland gibt und deren Chefredakteur er war.

Rasha Habbal liest Scheckige Hände – ein sehr berührender Text, in dem sie sich an ihren Vater erinnert und sich fragt, was Heimat ausmacht. Möglicherweise der Geruch von Okraschoten? Oder die deutliche Erinnerung an die von der Weißfleckenkrankheit gezeichneten Hände des Vaters, die sich leitmotivisch durch den Text ziehen? Rasha Habbal hat eine knappe, eindringliche Diktion, amalgamiert wie Ramy Prosa und Lyrik. Sie berichtet auch noch von der Anthologie Ohne Worte? Mit anderen Worten. Texte von exilierten Autorinnen aus dem arabischen Sprachraum, in der sie gerade veröffentlicht hat und die von der Kölner Grafik-Designerin Uta Kopp sehr schön gestaltet wurde.

Das Publikum lauscht den Lesungen und Gesprächen mit großer Konzentration – eigentlich sollte die Veranstaltung nicht länger als zwei Stunden dauern, aber am Ende werden sehr viele Fragen gestellt. Unser Publikum ist zahlenmäßig heute nicht sehr groß (ca. 30 Gäste), aber dafür ist das Interesse an den drei Autor*innen umso größer. Am Ende müssen uns die Techniker hinauswinken. Als ich gehe, kommt mir der Saal nicht mehr leer vor. Er ist voller gesprochener Worte, voller Leben.

Danke an Galal, an Ramy und an Rasha!

Hier noch einige Bilder von Almut Elhardt:

 



                                    

Meet your neighbours ist eine bundesweite Veranstaltungsreihe von WIR MACHEN DAS in Zusammenarbeit mit der Allianz Kulturstiftung und der Stiftung :do. Der Abend in Köln war eine gemeinsame Veranstaltung mit der Stadtbibliothek Köln.