Neue Stimmen, neue Themen

18 Journalist*innen aus Syrien, Irak, Pakistan und Afganistan kamen eine Woche in der Berliner Universität der Künste zusammen, um einen Einblick in die hiesige Medienlandschaft und ihre Möglichkeiten und Hürden zu bekommen. Was als Fortbildung gedacht war, wurde zum kollegialen Austausch mit hiesigen Medienmacher*innen.

von Christina Tilmann

Foto: Patrick Grünhag
Foto: Patrick Grünhag

 

An wen richten wir uns? Welche Informationen sind nötig und nützlich? Welche Erwartungen bedienen wir? Das sind nicht nur die Fragen, die sich Medienschaffende auf der ganzen Welt täglich stellen, sondern auch jene Fragen, an denen das aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Berlin geförderte Projekt „Artist Training: Refugee Class for Professionals“ der Universität der Künste Berlin ansetzt. Es handelt sich um ein Qualifizierungsangebot des Berlin Career College / Zentralinstitut für Weiterbildung der UdK: Geflüchteten Künstler*innen verschiedener Sparten sollen in einem Basis- und fünf vertiefenden Modulen ein Überblick über die hiesigen Arbeits- und Produktionsmöglichkeiten, über Fördersysteme, rechtliche Grundlagen und nicht zuletzt Kontakte zu Kolleg*innen ermöglicht werden. Das ist die Idee hinter den jeweils einwöchigen Workshops, die sich an Musiker*innen, bildende Künstler*innen, Filmemacher*innen, Performing Artists und – wie in diesem Fall – Journalist*innen im Exil richten, und an deren Ende idealerweise gemeinsame Projekte und Pläne stehen.

Das Modul „Artist Training: Culture and Media“, das ich als Dozentin des Weiterbildungsstudiengangs Kulturjournalismus der Universität der Künste konzipiert habe, sollte Einstiegsmöglichkeiten in die deutsche Medienlandschaft bieten. Schon 2015 hatten einige Kolleg*innen des Studiengangs spontan Informations- und Beratungsworkshops für geflüchtete Journalist*innen angeboten. Im Rahmen des Artist Trainings ließ sich das nun professionalisieren. Eine Woche lang kamen 18 Journalist*innen aus Syrien, Afghanistan, Irak und Pakistan in der UdK zusammen, um hiesige Medienmacher*innen zu treffen und mit ihnen zu diskutieren. Die Gruppe war ausgesprochen motiviert, diskussionsfreudig und professionell – auch wenn der journalistische Hintergrund vom gestandenen TV-Moderator bis zum Englischlehrer reichte, der erst im Zuge seiner Flucht begonnen hatte, journalistisch zu arbeiten.

Bei der Vorbereitung der Workshopwoche hatte ich mich gefragt, wohin genau wir Türen öffnen und Kontakte vermitteln möchten. Sprechen wir von den klassischen Medien in Print, Radio, Fernsehen und Online, die sich an hiesige Leser*innen oder Hörer*innen wenden? Sprechen wir von Orientierungs- und Informationsplattformen für Neuankommende? Von Ausbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten, wie sie die üblichen Praktika oder Volontariate bieten? Oder von Medien der Selbstermächtigung, in denen Journalists in Exile eine eigene Stimme bekommen, um endlich nicht mehr diejenigen zu sein, über die berichtet wird, sondern diejenigen, die selbst berichten? So legten die Teilnehmer*innen des Workshops selbst großen Wert darauf, nicht nur als „Geflüchtete“ wahrgenommen zu werden. Für die Zukunft wird daher auch der Zusatz „Refugee Class“ aus dem Titel verschwinden.

Das Modell des Workshops hieß am Ende: von allem etwas und so viel wie möglich, jeweils in kurzen Impulsen von Medienmacher*innen, gefolgt von lebhaften Diskussionen. Vertreten waren dabei Medien wie Amal, Berlin!, ABWAB oder A Syrious Look, die von Journalists in Exile selbst gestaltet werden. Es gab außerdem eine Exkursion in die neuen Redaktionsräume von ALEX Berlin, aber auch klassische Zeitungen wie der Tagesspiegel, der in seinem Projekt „jetztschreibenwir“ geflüchteten Journalist*innen das Blatt überließ, um das Tagesspiegel-Publikum mit neuen Stimmen und Themen zu konfrontieren, waren vertreten. Denn, darauf wies Rebecca Roth vom Netzwerk Neue Medienmacher im Rahmen der Trainingswoche zu Recht hin, es geht nicht nur darum, den hier Angekommenen Arbeits- und Betätigungsfelder zu öffnen, sondern auch darum, unsere hiesige Medienlandschaft, die sich oft noch durch beachtliche Uniformität auszeichnet, diverser und der Realität unseres Landes angemessener zu gestalten – also mehr Menschen mit Migrationserfahrung, mehr Berichte jenseits des klassischen mittelständischen Mainstreams, mehr Stimmen aus anderen Bereichen der Gesellschaft abzubilden.

Die Vielzahl der neu in Deutschland angekommenen Journalist*innen ist eine Chance für die Medien. Denn, das machten die 18 Teilnehmer*innen des Workshops deutlich, sie wollen über die Themen berichten, die ihr Leben und ihre Wahrnehmung von Deutschland bestimmen – und nicht ausschließlich im Kontext von Flucht, Krieg und Exil wahrgenommen werden. Die Themen, die in der Workshopwoche diskutiert wurden, reichen von der Rolle der Frau in den verschiedenen Gesellschaften bis hin zu Fragen, warum in Deutschland so viele Leute Fahrrad fahren, obwohl sie doch ein Auto haben, oder was der Sinn von Mülltrennung sei.

Deutlich wurden im Verlauf der angeregten Diskussionen aber auch Hürden und Hindernisse: Das ist natürlich zuallererst die Sprachfrage. Auch wenn die meisten Teilnehmenden für die kurze Zeit ihres Hierseins bemerkenswert gut Deutsch sprechen – der Workshop wurde trotzdem, um alle zu erreichen, auf Englisch und mit arabischer Übersetzung abgehalten – ist der Weg in ein deutschsprachiges Medium noch weit. Ohne Übersetzer*innen, Tandempartner*innen – etwa muttersprachlichen Kolleg*innen – wird zumindest im Print- und Radiobereich von beiden Seiten viel Flexibilität und Veränderungswille nötig sein, sowie nicht zuletzt Geld und Zeit. Auch die Erkenntnis, dass auch ein Großteil der hiesigen Journalist*innen freiberuflich arbeitet, war für viele Teilnehmer*innen, die (allein schon aus Gründen ihres Aufenthaltsstatus) eine Festanstellung suchen, schmerzlich. Zudem wirkten die Verdienstmöglichkeiten für Journalist*innen auf viele desillusionierend. So arbeiten viele der neugegründeten Plattformen notgedrungen bislang ohne Honorierung ihrer Autor*innen – hier wird es schnell und dringend geeignete Förderprogramme brauchen, um die vielversprechenden Initiativen tatsächlich auch zu seriösen Medien im Sinne von Arbeitgebern weiterzuentwickeln.

Zudem ging es in der Runde immer wieder um die Fragen, die Journalist*innen auch hierzulande umtreiben: Um die Zukunft des Print- und TV-Journalismus im digitalen Zeitalter, um die Unabhängigkeit der Presse von staatlichen Einflüssen, gerade auch in staatlichen beziehungsweise öffentlich-rechtlichen Medien, um Faktizität, Seriosität, Glaubwürdigkeit und um die Frage, was Journalismus von Propaganda unterscheidet. Fragen, die sich den Herkunftsländern der Teilnehmer*innen in ganz anderer Schärfe stellen, die aber auch in Deutschland in „postfaktischen“ Debatten zunehmend virulenter werden und zu heftigen Debatten führten. Dozent*innen und Teilnehmer*innen haben den Austausch gleichermaßen als bereichernd empfunden – als kollegial, sehr engagiert und auf Augenhöhe. Wenn die Grundvoraussetzung für gute Journalist*innen Neugier, Offenheit und kritische Haltung ist, waren diese Voraussetzungen unter den Teilnehmer*innen unbedingt gegeben.

Das Programm Artist Training wird im Herbst 2017 fortgesetzt.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf der Website und auf Facebook.

Projektkoordination Artist Training: Dr. Melanie Waldheim
Kommunikation: Kathrin Rusch
Koordination Modul „Artist Training: Culture & Media“: Christina Tilmann